Team-Building-Prozesse in der Software-Entwicklung

24. Juni 2011 von Paul Herwarth von Bittenfeld

Software-Entwicklung ist ein komplexes Unterfangen, an dem die unterschiedlichsten Menschen beteiligt sind. Dazu gehören – um nur eine Auswahl zu nennen – Fachanwender (mit einer Business-Perspektive auf das Projekt), Programmierer (mit einer technischen Perspektive), Designer (mit einer Design-Perspektive), Usability-Fachleute (mit einer UX-Perspektive) usw.

Darüber hinaus besteht das Projektteam aus so vielen ganz unterschiedlichen Charakteren wie Mitgliedern. Wenn es über einen längeren Zeitraum hinweg gemeinsam am Erreichen der Projektziele arbeitet, durchläuft das Team häufig einen intensiven Teambildungsprozess.

Dabei kann es durchaus zu Konflikten kommen, die gemeinsam besser bewältigt werden können, wenn sich alle Beteiligten über die Grundlagen von Teambildungsprozessen im Klaren sind. Ein bekanntes Modell des Teambildungsprozesses geht auf Bruce Tuckman zurück.

Vier Phasen der Teambildung

Nach Tuckman durchläuft jedes Team einen Prozess mit vier Phasen, wobei das Team erst in der letzten Phase seine volle Leistungsfähigkeit entfaltet.

Forming
Die erste Phase dient der Orientierung. Die Teammitglieder lernen sich und ihre jeweiligen Arbeitsmethoden kennen. In diesem Stadium bilden sich auch die Rollen heraus, die die einzelnen Beteiligten ein- und wahrnehmen. Die Phase des gegenseitigen Abtastens ist von einer großen Höflichkeit geprägt.

Storming
Diese Phase kann auch als Konfrontationsphase bezeichnet werden. Die Teammitglieder sind sehr stark auf ihre eigene Positionierung im Team bedacht. Die Arbeit der anderen Beteiligten wird sehr kritisch betrachtet, es kommt häufiger zu Konflikten. Der Umgang mit diesen Konflikten wirkt sich stark auf den Projektverlauf aus.

Norming
In der Norming-Phase werden Regeln gemeinsam abgesteckt, innerhalb derer sich das Team und die einzelnen Mitglieder bewegen können. Diese Regeln sorgen für die Vermeidung bzw. die Überwindung von Konflikten. Die Mitglieder gehen von einer Ich-Perspektive auf eine Wir-Perspektive über.

Performing
In dieser Phase hat das Team sich so eingespielt, dass es sich stark auf die Umsetzung seiner Aufgaben konzentrieren kann und das Höchstmaß an Produktivität erreicht.

Bedeutung für Software-Entwicklungsteams

Aus diesem Modell lassen sich mehrere interessante und wichtige Erkenntnisse für Software-Entwicklungsteams ableiten:

  • Bevor ein Team eingespielt ist und seine volle Leistungsfähigkeit entfaltet, sind die Phasen Forming, Storming und Norming zu überwinden. Diese Stadien können unterschiedlich lange dauern und von unterschiedlicher Intensität sein, doch alle Teams durchlaufen sie. Jede Veränderung der Teamzusammensetzung sorgt dafür, dass der Teambildungsprozess neu durchlaufen werden muss. Daher vermeiden wir häufige Besetzungswechsel in den Teams.
  • Reibereien und Konflikte sind bei enger Zusammenarbeit im Team kaum zu vermeiden. Sie müssen konstruktiv angegangen und überwunden werden, um für einen erfolgreichen Projektverlauf zu sorgen.
  • Ein Hilfsmittel, um ein möglichst schnelles Durchlaufen des Teambildungsprozesses zu fördern, ist die Durchführung von Retrospektiven. Regelmäßige Retrospektiv-Meetings mit dem Projektteam stärken das Verständnis unter- und füreinander und führen zur Herausbildung von Normen. Im Rahmen dieser Meetings spricht das Team offen und selbstkritisch über Herausforderungen im Projektverlauf, ohne allerdings einzelne Personen anzugreifen und für Probleme verantwortlich zu machen.
  • Teamregeln, die sich herausgebildet haben, muss das Team auch tatsächlich “leben”. Um diese Adaption zu unterstützen, hat es sich etabliert, die Regeln für alle sichtbar und omnipräsent in einem gemeinsamen Teamraum an der Wand anzubringen. Auch die Retrospektiven bieten sich an, um sich immer wieder mit den Teamregeln auseinanderzusetzen und zu bewerten, ob und wie intensiv die Regeln “gelebt” werden.

Mit der Erfahrung nimmt auch die Gelassenheit zu und kommt die Einsicht, dass konfliktträchtige Phasen im Rahmen des Teambildungsprozesses eine sehr wichtige Grundlage für eine dauerhaft gute Zusammenarbeit bilden.

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Weiterführende Informationen

Der Original-Artikel von B.W. Tuckman: “Developmental sequences in small groups“, Psychological Bulletin, 63, S. 348-399.

Unsere spezielle Seite zum Thema “Agile”
Agile Software-Entwicklung erfordert viel Disziplin
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4 Reaktionen zu diesem Beitrag

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    [...] Projekte in der Praxis: Elemente, Nutzen, Tools, Hürden Die Scrum-Meetings und ihre Bedeutung Teambildungsprozesse in der Software-Entwicklung Daily Standup-Meetings: Einsatzbesprechungen für effektive Teamarbeit Greenhopper und JIRA: Agile [...]


  2. //SEIBERT/MEDIA Weblog » Blog Archiv » Scrum in der Praxis: Ein Team startet durch

    [...] sei deshalb noch einmal kurz auf das Modell des Teambildungsprozesses in der Software-Entwicklung nach Bruce Tuckman verwiesen, das vier Phasen [...]


  3. Die ewige Krux: Papier vs. Software im agilen Umfeld - //SEIBERT/MEDIA Weblog

    [...] ist und wo Probleme bestehen, die es anderweitig lösen muss. Der Weg bis ins vierte Stadium des Teambildungsprozesses (Performing: In dieser Phase hat das Team sich so eingespielt, dass es sich stark auf die Umsetzung [...]


  4. Vorgehen nach Scrum: Die beste Wahl für den Kunden, die Agentur – und das Produkt - //SEIBERT/MEDIA Weblog

    [...] der Software-Entwicklung immer auch eine Rolle spielen: Der Einsatz einer neuen Technologie, eine Teamzusammensetzung, die bisher noch nicht in dieser Form bestanden hat, unerwartete technische Probleme z.B. beim Anbinden von Fremd-Software oder Web-Services usw. [...]


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