Goods, Bads und Dailies: Lektionen für tolles Kritisieren

14. November 2012 von Jared M. Spool

Was haben die Trickzeichner von Pixar und jugendliche Zauberkünstler gemeinsam? Überraschenderweise haben beide einige interessante Kritiktechniken entwickelt, von denen wir eine Menge gelernt haben.

Die jungen Zauberer sind Mitglieder des Society of Young Magicians’ Boston Chapter. Das ist eine Gruppe von ungefähr 30 Kids zwischen acht und 20 Jahren, die sich monatlich treffen, um mehr über Zaubertricks zu lernen und ihre Fähigkeiten zu verbessern.

Jedes Mal, wenn sie zusammenkommen, steht etwas namens “The Chosen Ones” an: Vier der jungen Leute führen jeweils eine fünfminütige Routine-Performance auf und werden dann von den anderen in der Gruppe kritisiert. Als ich zum ersten Mal davon gehört habe, dachte ich mir: “Wow, das kann ja nur in die Hose gehen.” Schließlich sind Heranwachsende nicht unbedingt bekannt für ihre Fähigkeit zur umsichtigen Kritik.

Und dann haben mich nicht nur die Vorstellungen umgehauen, sondern auch der Fakt, wie konstruktiv und ermutigend die Kritik-Sessions waren. Die Kids fühlten sich wohl und kamen mit vielen hilf- und lehrreichen Ideen darüber aus der Sitzung, wie sie noch besser werden können. Den Respekt und die Bedächtigkeit dieser jungen Leute hätte ich am liebsten in Flaschen abgefüllt und in meine eigenen Design-Meetings mitgenommen.

Die Dailies bei Pixar

In der Zeit, in der ich mit den Nachwuchszauberern zu tun hatte, habe ich auch den Prozess kennengelernt, mit dem Pixar den Fortschritt der Erschaffung ihrer tollen Animationsfilme bewertet. Eine ihrer Techniken ist ein regelmäßiges Meeting, das sie Daily nennen.

Dailies kommen aus der Filmindustrie. Am Morgen sieht man sich an, was am Vortag gefilmt wurde. Vor den heutigen Dreharbeiten begutachten Regisseur, Produzent und andere wichtige Crew-Mitglieder das Material, um erforderliche Neuaufnahmen und nötige Änderungen zu identifizieren.

Bei Pixar, wo Filme im Speicher von Grafikprozessoren gemacht werden, haben sie diese regelmäßigen Meetings ein wenig abgewandelt. In den Sitzungen stellen Künstler und Crew-Mitglieder die laufende Arbeit der Gruppenkritik. Praktisch jeden Tag präsentiert jemand etwas, an dem er gerade arbeitet, um die Sichtweise von Außenstehenden kennenzulernen. Die Pixar-Teams sagen, die Dailies seien der Schlüsselbeitrag zu den straffen, hochqualitativen Filmen, für die sie bekannt sind.

Die Chosen Ones bei den jungen Zauberern und Pixars Dailies haben sich zu feingeschliffenen Sessions entwickelt, die tolle Ergebnisse bringen. Wenn wir uns einen Moment nehmen und einen Blick darauf werfen, wie sie funktionieren, kommen dabei tonnenweise Einsichten darüber heraus, wie wir den größten Nutzen aus Kritik ziehen können.

Die Bedeutung des Rituals

Jede der mehreren Dutzend Chosen-Ones-Sitzungen, bei denen ich dabei war, wurde auf dieselbe Art und Weise durchgeführt. Die vier Kids, die je eine Vorstellung geben sollen, werden vom Vice President des Chapters, einem 15- bis 16-jährigen Jugendlichen, der Reihe nach kurz und professionell vorgestellt. Das Publikum applaudiert und dann beginnt die erste fünfminütige Routine-Performance. Wenn sie zu Ende ist und der verdiente rauschende Beifall abklingt, ist wieder der Vice President am Ball und fragt nach Goods und Bads – das ist der Code für Kritik.

An dieser Stelle heben die Jugendlichen im Publikum höflich die Hände und werden aufgerufen mitzuteilen, was ihnen gefallen hat und welche Fragen sie zur Vorstellung haben. Da jede Person etwas Nettes gesagt hat, bedankt sich der junge Zauberkünstler. Er geht auf jede Frage ein und äußert sorgfältige Überlegungen zu den Verbesserungsideen, die aufgekommen sind. Alle im Raum saugen es auf.

Am Ende geben die erwachsenen Betreuer, von denen viele selbst berühmte professionelle Zauberkünstler sind, Hinweise und folgen dabei ebenfalls dem Goods-und-Bads-Modell, das die Kids angewendet haben. In vielen Fällen stimmen sie den Hinweisen der Jugendlichen zu und vertiefen sie. Dann dankt der Performer allen, verlässt die Bühne und der Prozess beginnt mit dem nächsten Kandidaten von vorne.

Es beruhigt die Vorführenden, dass alles immer gleich abläuft. Sie wissen genau, was zu tun ist, und können sich zunächst ganz auf ihre Performance und dann auf das eingehende Feedback konzentrieren. Es ist schon stressig genug, seine Arbeit zu präsentieren und bewerten zu lassen, ohne sich darüber Sorgen machen zu müssen, was anschließend kommt und wie alles zusammenpasst.

Drei Rollen trennen: Präsentierender, Moderator, Protokollführer

Es hat sich herausgestellt, dass es ziemlich wichtig ist, dem Präsentierenden die Chance zu geben, seine Arbeit ohne Unterbrechungen und ohne eine Reihe von Fragen zu zeigen. Nachdem ich die Chosen Ones in Aktion gesehen habe, habe ich in meinen Design-Reviews sofort bemerkt, wie störend Unterbrechungen sein können. Sie überrumpeln den Präsentierenden und nehmen ihm die Möglichkeit, seine Geschichte darüber zu erzählen, was er zu erreichen versucht.

Es gibt vier Rollen in jeder Kritik-Session. Mit denen des Präsentierenden und des Publikums (manchmal auch Kritiker genannt) sind wir am besten vertraut. Allerdings braucht jede Sitzung auch einen Moderator und einen Protokollführer.

Leider bürden wir oft dem Präsentierenden auch noch diese beiden Rollen auf. Die klugen Kids vom SYM dagegen machen einen der ihren zum Moderator. (Offiziell ist es der Vice President, aber wenn dieser Jugendliche selbst zu den Vorführenden gehört, moderiert ein Chapter Officer dieses Meeting.)

All die Ideen festzuhalten, ist wichtig und selbst für erfahrene Erwachsene wirklich schwierig, wenn sie gleichzeitig versuchen müssen, zuzuhören und die Ideen zu interpretieren. Wenn eine andere Person die Gedanken der Gruppe aufschreibt, hat der Präsentierende die Gewissheit, dass alles festgehalten wird, ohne dass er zwischen Zuhören und Notizen-Machen hin und her springen muss.

Goods und Bads: Affirmatives und konstruktives Kritisieren

Durch das Fragen nach Goods und Bads wissen die Kids, dass sie ihr Feedback mit einem positiven Kommentar starten sollen. Wir nennen das affirmative Kritik und sie ist entscheidend für tolle Kritik-Sessions.

Ein Kompliment löst beim Empfänger einen Endorphin-Stoß aus. Der Präsentierende weiß somit auch, was er an seiner Arbeit künftig nicht ändern und was er nicht weglassen sollte. Das zu wissen, ist oftmals ebenso wichtig, wie die Dinge zu kennen, die sich ändern müssen. So entsteht ein gutes Wurzelwerk, aus dem alles andere herauswachsen kann.

Wissend, dass sie eines Tages selbst zu den Chosen Ones gehören, sind die Kids beim Formulieren ihrer Bads sehr sorgfältig. Sie versuchen, wirklich konstruktiv zu sein, häufig stellen sie Fragen wie “War es geplant, dass ich sehe, dass das meine Karte ist, ehe du sie umdrehst?” Das gibt dem Präsentierenden die Möglichkeit, über seine Intention und darüber nachzudenken, was tatsächlich passiert ist.

In der anschließenden Diskussion wurden faszinierende Nuancen und Feinheiten über die Arbeit vertieft, aus denen alle im Raum etwas lernen konnten. Sie können guten Gewissens sagen, eine großartige Kritik erlebt zu haben, wenn jeder etwas Neues erfahren hat und nicht nur die Person, die die Arbeit präsentieren musste.

Der Work-in-Progress-Sweet-Spot: Zwischen 25% und 75% fertig

Pixar hat für die Dailies eine interessante Regel: Die präsentierte Arbeit sollte zu mindestens 25% und zu nicht mehr als 75% fertig sein, solide “Work in Progress” also.

Sind weniger als 25% fertig, ist es zu früh und sind die meisten Entscheidungen noch nicht gefallen. Die Sitzung wird eher in ein Gruppen-Brainstorming und ein Design by Committee abdriften, was alle vermeiden wollen. (Brainstorming ist toll, aber nicht in einem Daily, in dem es darum geht, Feedback über die bisher geschaffte Arbeit einzuholen.)

Wenn die Arbeit zu nahe an der Fertigstellung ist, ist es schwer, Kritik und Feedback zu integrieren. An diesem Punkt gibt es nicht mehr genug Spielraum für Änderungen. Stattdessen will Pixar den Sweet Spot der laufenden Arbeit finden – den Punkt, an dem sich die Richtung ändern lässt, an dem neue Ideen eingebunden werden können und an dem die Relation zwischen Aufwand und Ertrag am besten ist.

Jeder ist eingeladen

Pixars Dailies stehen allen offen, die sich dafür interessieren. Es ist nichts Ungewöhnliches, dass jemand aus der Buchhaltung zusammen mit der künstlerischen Leitung im Review zu einem kommenden Film sitzt.

Durch die Offenheit keimen Ideen auf, die unabhängig vom bereits Durchdachten sind. Sie hilft dem Präsentierenden auch, nicht zu vergessen, etwas vom frühen Denken und der sogenannten Design Rationale aufzugreifen und sich dadurch zu vergewissern, dass alles noch in die richtige Richtung läuft.

Inzwischen haben auch andere Pixar-Abteilungen, darunter das operative Geschäft, damit angefangen, ihre eigene Arbeit im Rahmen von Dailies zu präsentieren. Es ist ein tolles Forum, um Einblicke von außen zu gewinnen und besser zu verstehen, wie wir bis hierin gekommen sind.

Tolle Kritik ist kein Zufall

Kritik ist eines der wertvollsten Werkzeuge, das ein Interaktionsdesignteam hat. Sorgsam darüber nachzudenken, wie wir kritisieren, ist ebenso wichtig wie die Kritik selbst.

Die Lektionen, die wir von den SYM-Kids und den Pixar-Trickfilmern mitnehmen, sagen uns, dass wir beim Kritisieren sehr bedächtig vorgehen müssen. Von diesen Jungs und Mädels können wir eine Menge lernen.

Dieser Artikel wurde im Original am 3. Oktober 2012 unter dem Titel Goods, Bads, and Dailies: Lessons for Conducting Great Critiques von Jared M. Spool veröffentlicht. Jared M. Spool gehört zu den führenden Usability-Experten unserer Zeit. Seine Website erreichen Sie unter http://www.uie.com. Weitere Artikel von Jared M. Spool finden Sie im Usability-Special von //SEIBERT/MEDIA.


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