Effektive User-Forschung ist ein separates Projekt

In Internet-Projekten herrscht in der Regel akuter Zeitmangel. Die meisten Kunden geben äußerst sportliche Zeitrahmen vor, innerhalb derer Anwendungen entwickelt bzw. weiterentwickelt werden sollen. Ich kann mich an kein einziges Projekt in den letzten 5 Jahren erinnern, bei dem ein Kunde von //SEIBERT/MEDIA gesagt hätte: "Lasst euch Zeit, wir haben es nicht eilig!" Innerhalb enger Zeitrahmen seriöse User-Forschung zu betreiben, ist jedoch schlichtweg nicht möglich. Inzwischen sind selbst Usability-Vordenker wie Donald Norman zu der Einsicht gekommen, dass man klassische User-Forschung und projektintegriertes Usability-Testing voneinander trennen muss.

Aufwändige Nutzerforschung ist zu zeitintensiv
Für aufwändige Usability-Studien ist in straffen Zeitplänen kein Platz. Insbesondere die klassische Nutzerforschung (User-Research) wird deshalb in der Praxis so gut wie nie durchgeführt. Meist begnügt man sich mit einem Benchmarking und wertet, sofern es sich um ein Redesign-Projekt handelt, das bereits vorhandene Feedback aus (z.B. aus Umfragen, Kontaktformularen, Anfragen, etc.).

"Study first, design second? For many projects the order is design first, then study." Donald Norman

Experten-Analysen sichern Qualität
Um zu gewährleisten, dass die neu- oder umgestaltete Anwendung eine hohe Usability hat, kommen innerhalb eines Projekts (projektintegriert) stattdessen Experten-Analysen zum Einsatz. Die sind schnell, günstig, fügen sich prozessual nahtlos ein und liefern gute Resultate. Allerdings: Experten-Analysen MÜSSEN zum Einsatz kommen, ohne diese als qualitätssicherndes Korrektiv geht es nicht.

"Have faith in your ability to design well-crafted, understandable interfaces rapidly." Donald Norman

Projektintegrierte Usability ist wie Beta-Testing
Usability-Maßnahmen innerhalb eines Projekts sollte man wie Beta-Testing verstehen: Genauso, wie ein Entwurf auf technische Bugs getestet wird, wird er auch auf Usability-Bugs getestet. Usability ist also nicht kreativ, sondern reaktiv. Usability-Experten haben in erster Linie keine Ideen, sondern testen Ideen. So wird dafür gesorgt, dass eine Anwendung keine Stolpersteine enthält, über die bei der Nutzung User stolpern.

"Usability testing is like Beta testing. It is meant to find bugs." Donald Norman

Prozessuale Zweiteilung: Konzeption & Usability
In einem klassischen Internet-Projekt gibt es deshalb eine prozessuale Zweiteilung von Usability und Konzeption. Im Rahmen der Konzeption entstehen Ideen, im Rahmen der Usability wird geprüft, ob diese Ideen auch funktionieren. Die Konzeption funktioniert in der Regel jedoch ohne User-Forschung.

Das heißt jedoch nicht, dass User-Forschungen (Usertests, Userbefragungen, Fokusgruppen, etc.) nicht wichtig sind. Im Gegenteil: Sie sind sogar sehr wichtig, sollten aber unabhängig von dem eigentlichen Projekt in separaten Projekten durchgeführt werden. Nur dann hat man die notwendige Zeit, um effektiv zu arbeiten. Und bei der nächsten Überarbeitung kann dann auf diese Erkenntnisse zurückgegriffen werden.

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