Blickverläufe: Neue Eye-Tracking-Studien bestätigen „F-Muster“

Die Frage nach dem "typischen Blickverlauf" auf Websites führt in der Usability-Forschung immer wieder zu emotionalen Diskussionen. 2006 hat der Usability-Experte Jakob Nielsen das Schlagwort des "F-Shaped Pattern" geprägt. Mit Hilfe von Eye-Tracking-Studien konnte er zeigen, dass der Blickverlauf der User auf Websites in der Regel einem F entspricht: Zunächst wandert der Blick zweimal horizontal über die ersten beiden Absätze der Seite, danach folgt ein vertikaler Blick den linken Seitenrand entlang.

F-Muster schon seit 2004 bekannt
Nielsen war aber keineswegs der erste, der dieses "F-Muster" bei der Auswertung von Eye-Tracking-Daten gefunden hatte. Bereits 2004 veröffentlichte das Poynter Institute Heatmaps, auf denen das F-Muster deutlich zu erkennen ist. Auch auf den berühmten Heatmaps von Enquiro zum Blickverlauf auf den Ergebnisseiten von Google, die 2005 veröffentlicht wurden, sticht das F-Muster unübersehbar hervor. Wie so oft bedurfte es aber einer griffigen Bezeichnung ("F-Shaped Pattern"), um dem Phänomen zu breiter Aufmerksamkeit zu verhelfen.

Hohe Praxisrelevanz
Breite Aufmerksamkeit haben Blickverläufe auch dringend nötig, denn sie sind von hoher praktischer Relevanz, wenn es um die Gestaltung von Websites geht. Zu den bedeutendsten Faustregeln, die sich aus dem F-Muster ableiten lassen, zählen: Wichtige Elemente sollten nicht am rechten Seitenrand oder im unteren Teil der Seite positioniert werden, Überschriften sollten mit wichtigen Schlagwörtern beginnen und die zentralen Botschaften sollten bereits in den ersten beiden Absätzen vorkommen.

Neue Studie des renommierten SURL
Das renommierte Software Usability Research Laboratory (SURL) der Wichita State University hat sich des F-Musters jetzt noch einmal angenommen und eine Studie zu dem Thema durchgeführt. Die Ergebnisse bestätigen einerseits die bestehenden Erkenntnisse, andererseits legen sie einige Weiterentwicklungen nahe:

1. Bestätigung des F-Musters:
Das "F-Shaped Pattern" konnte grundsätzlich bestätigt werden. Der Blickverlauf der User folgt auf klassischen Webpages (sog. "text-based webpages") tatsächlich dem bekannten F-Muster.

2. F-Muster beim Suchen UND Surfen:
Es macht keinen Unterschied, ob die User eine spezielle Information suchen oder ziellos auf einer Website umhersurfen. Der Blickverlauf ist in beiden Fällen (fast) gleich und entspricht dem F-Muster.

3. Kein F-Muster auf Seiten mit Bildschwerpunkt:
Das F-Muster konnte nur für "textlastige" Seiten nachgewiesen werden. Auf Seiten mit einem Bildschwerpunkt ist der Blickverlauf hingegen äußerst heterogen und kann nicht prognostiziert werden.

Blickverläufe als Konstante in der Mensch-Maschine-Interaktion
Die Ergebnisse der Forscher aus Wichita sind keineswegs überraschend oder revolutionär. Doch genau darin liegt die wichtige Erkenntnis: Der Erkenntnisstand zu Blickverläufen auf Websites ist inzwischen relativ stabil. Blickverläufe sind, wie zahlreiche andere Vorgänge im Rahmen der Mensch-Maschine-Interaktion auch, einigermaßen konstant und lassen sich von Modeerscheinungen im Web-Design nur wenig beeinflussen.

Usability-Beratung ist immer Einzelfallprüfung
Gleichzeitig rufen die Ergebnisse aber auch in Erinnerung, was sowohl Website-Betreiber als auch Usability-Professionals gerne vergessen: Auf die wenigsten Usability-Fragen gibt es eine Standardantwort, meist ist eine Untersuchung des Einzelfalls notwendig. Es kommt nicht nur auf die Zielstellung, die Zielgruppe und den Website-Typ an, sondern auch auf die Inhalte, die auf der spezifischen Page dargestellt werden.

Weitere Informationen zum Thema:
SURL: Eye Gaze Patterns while Searching vs. Browsing a Website
Jakob Nielsen: F-Shaped Pattern For Reading Web Content
Enquiro: Eye Tracking Report on Google
Poynter Institute: Viewing Patterns for Homepages from Eyetrack III

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