Usability von Suchmasken: Listen mit Begriffsvorschlägen verwirren die User

Seiteninterne Suchen sind auf Websites, die umfangreiche Inhalte zur Verfügung stellen, ein elementares Steuerungselement. Ob auf großen E-Commerce-Seiten wie Amazon oder eBay, in speziellen Anwendungen wie Wikis oder Foren oder in Intranets großer Unternehmen: Immer häufiger nutzen die User die Suchfunktion, um bestimmte Inhalte zu finden. Die Usability der eingesetzten Suchmaschine hat deshalb einen großen Einfluss darauf, ob und wie schnell die User ihre Ziele erreichen.

Wie gut die Usability einer Suchmaschine ist, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Einige dieser Faktoren haben sehr viel mit Technologie zu tun und lassen sich deshalb nur schwer beeinflussen (z.B. die Reihenfolge der Suchergebnisse). Andere haben sehr wenig mit Technologie zu tun und lassen sich deshalb sehr leicht beeinflussen. Zu dieser zweiten Kategorie zählt u.a. die Gestaltung der Suchmaske.

Bestehende Erkenntnisse über die Gestaltung von Suchmasken

Der italienische Forscher Matteo Penzo hat sich bereits 2006 eingehend mit der Usability von Suchmasken beschäftigt. Mithilfe von Eyetracking-Studien hat er untersucht, welche Probleme User bei der Verwendung von Suchmasken haben. Seine Ergebnisse sind hoch interessant und eignen sich für Praktiker sehr gut, weil sich aus ihnen konkrete Richtlinien für die Gestaltung ableiten lassen. Hier seine Ergebnisse:

Die Suchmaske sollte eine bezeichnende Überschrift haben. Insb. unerfahrene Nutzer wissen nicht genau, ob es sich tatsächlich um ein Suchfeld handelt, wenn es keine entsprechende Überschrift gibt.

Dropdown-Menüs sollten mit Bedacht eingesetzt werden. Weil sie sehr aufmerksamkeitsstark sind, sollten Dropdown-Menüs nur eingesetzt werden, wenn darüber wichtige Kategorien ausgewählt werden können.

Die Suchmaske sollte möglichst kompakt sein. Wenn es mehrere Eingabefelder gibt, die weit voneinander entfernt platziert sind, werden die User unsicher und blicken häufig hin und her.

Die Suche sollte immer an der gleichen Stelle sein. Es ist eine Erleichterung für die User, wenn die Suche auf allen Seiten an der gleichen Stelle steht und sie nicht jedes Mal neu nach der Suchmaske Ausschau halten müssen.

Bei der Diskussion der Ergebnisse kam die Frage auf, wie sich Listen mit Begriffsvorschlägen auf das Verständnis der Suchmaske auswirken. Durch moderne Technologien wie AJAX ist es möglich, den Usern schon während der Eingabe des Suchbegriffs eine Liste mit Begriffen anzubieten, die eventuell gemeint sein könnten. Dieses Feature ist als Vereinfachung gedacht: Der User muss das Wort nicht ausschreiben, sondern klickt in der Liste einfach den Suchbegriff seiner Wahl an.

Google-Liste mit Begriffsvorschlägen
Abb.: Eine Liste mit Begriffsvorschlägen in der Suchmaske von Google

Listen mit Begriffsvorschlägen verwirren die User

Letztes Jahr haben wir einen User-Test von Reiseportalen durchgeführt. Eine der untersuchten Seiten hat dabei eine Suchmaske mit einer Liste von Begriffsvorschlägen verwendet. Unsere Ergebnisse zeigen: Das Feature hilft den Usern nicht, es verwirrt sie. Vor allem unerfahrene Probanden hatten massive Probleme mit der Auswahlliste. Auf die Frage, warum die Autovervollständigung die User verwirrt, lassen sich aus den Testdaten folgende Antworten ableiten:

Auswahllisten erfordern Entscheidung = Kognitiver Aufwand. Die Auswahlliste stellt für die User einen zusätzlichen kognitiven Aufwand dar. Sie werden mit Vorschlägen konfrontiert und glauben, eine Entscheidung treffen zu müssen. Während bei einer freien Eingabe der Suchbegriff einfach eingetippt und abgeschickt werden kann, ist hier ein Denk- und Entscheidungsprozess notwendig.

Rechtschreibfehler führen zu falschen Vorschlägen. Vertippt sich der User bei der Eingabe eines Suchbegriffs, macht er also einen Rechtschreibfehler, kann es vorkommen, dass die Autovervollständigung ihm falsche Vorschläge macht. Die User schauen dann verdutzt auf die Vorschlagsliste und verstehen nicht, warum ihr Begriff nicht aufgeführt wird. Dass es sich um einen Eingabefehler handelt, merken die User meist erst nach einer ganzen Weile.

Die User schauen beim Tippen auf die Tastatur. Interessant ist zudem, dass viele User die Liste mit den Begriffsvorschlägen gar nicht wahrnehmen, weil sie während des Eintippens nicht auf den Bildschirm schauen, sondern auf die Tastatur. Nur die wenigsten User beherrschen das Zehn-Finger-Schreiben, erst wenn der Begriff fertig eingetippt ist, blicken sie auf.

In der Praxis ist von Listen mit Begriffsvorschlägen auch aus einem anderen Grund abzuraten. Selbst erfahrene User, die während des Tippens auf den Bildschirm schauen und die Liste mit den Begriffsvorschlägen verstehen, machen von ihr keinen Gebrauch. Den Eingabeprozess zu unterbrechen und aus der Liste den geeigneten Begriff auszuwählen, ist meist aufwändiger, als den Begriff auszuschreiben. Nur wenn der einzugebende Suchbegriff sehr lang ist oder die User nicht genau wissen, wonach sie eigentlich suchen sollen, macht eine Vorschlagsliste Sinn.

Neue Gestaltungsmöglichkeiten schaffen Bedarf für mehr User-Tests

Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass neue Web-Technologien mit Vorsicht eingesetzt werden sollten. Über viele Anwendungsmöglichkeiten liegen noch keine gesicherten empirischen Erkenntnisse vor. Die Kollegen von eResult haben das vor einiger Zeit zusammengefasst: Weil nur wenige Erkenntnisse über AJAX, Web 2.0 und Flash vorliegen, werden User-Tests und Eyetracking-Studien an Bedeutung gewinnen.

Weitere Informationen:
Matteo Penzo: Evaluating the Usability of Search Forms Using Eye-Tracking. A Practical Approach.
eResult: Usability-Evaluationen im Web 2.0. Was wird sich ändern?

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