Google Friend Connect ist ein schweres Usability-Problem

Google Friend Connect – Web 2.0 für nicht interaktive Websites

Google ist um einen weiteren Dienst gewachsen und hat kürzlich Google Friend Connect ins Leben gerufen. Dieser Service bietet die Möglichkeit, in statische bzw. auf nicht interaktive Websites interaktive Elemente zu integrieren.

Usern entstehen dadurch zahlreiche Interaktionsmöglichkeiten: Sie können sich eintragen, die Seite bewerten, Kommentare abgeben, eigene Fotos einbinden, sich automatisch über Änderungen benachrichtigen lassen, Freunde aus anderen Social Networks einladen und mit diesen über andere Internetseiten interagieren.

Der Vorteil für den User auf der einen Seite soll also darin bestehen, dass er seine Surf-Erfahrungen mit anderen Nutzern teilen kann. Andererseits erlaubt das Konzept es Seitenbetreibern mit beschränktem technischen Know-how, ihre Webseiten auf relativ unkomplizierte Weise um Interaktionsmöglichkeiten zu erweitern.

Im folgenden Promotion-Video werden Konzept und Funktionsweise von Google Friend Connect anschaulich erklärt:

Wie sieht der User die neue Seite?

Bleiben wir beim Beispiel aus diesem Film: einer recht einfachen und übersichtlichen Rezept-Seite. Wer Guacamole mag und eine Inspiration benötigt, findet hier Rezepte, liest sie, druckt sie aus – und das war’s. Nachdem nun jedoch die zahlreichen Friend Connect-Widgets in die Seite integriert sind, sieht der Besucher Boxen mit Bildern registrierter User, Kommentare, zusätzliche Bilder – die Seite ist vollkommen überladen und kaum wiederzuerkennen.

Nun muss man fragen dürfen, ob einem Nutzer, der auf der Suche nach einem Rezept via Google auf die Seite gelangt, damit überhaupt ein Mehrwert geboten wird. Entsteht ihm durch die zusätzlichen Funktionalitäten ein konkreter Nutzen? Oder wird er durch die neuen Elemente einfach nur abgelenkt?

Die zweite Herausforderung: Warum denn bei Google anmelden?

Stellen wir uns weiter vor, der Besucher mag die Inhalte der Seite und entschließt sich, die Friend Connect-Funktionen zu nutzen und seinen freundlichen Kommentar abzugeben. Nun klickt er – es öffnet sich ein neues Fenster – und wird um seine Anmeldung gebeten. Darin liegt die nächste Herausforderung: Der Nutzer ist auf einer Rezeptseite und möchte eigentlich nur eine kurze Bewertung hinterlassen. Warum – diese Frage dürfte naheliegend sein – sollte er sich jetzt bei Google anmelden? Der Zusammenhang ist erst einmal nicht gegeben und der User ratlos.

Hat er bereits einen Google-Account, ist das Vorgehen zwar immer noch aufwändig, aber in diesem Fall muss er nur seine Zugangsdaten eingeben und hat dann die Hürde überwunden. Die überwiegende Mehrheit der Internet-Nutzer wird allerdings über gar keinen Google-Zugang verfügen. Für diese Gruppe bedeutet das, sich aufwändig zu registrieren, sich einzuloggen, sich darüber hinaus mit anderen Social Networks zu verbinden, sich dort erneut anzumelden usw. Dieser Prozess ist immens komplex und es sind etliche aufwändige Aktionen nötig, bis allein die kurze Bewertung „Toll, schöne Seite!“ abgegeben ist.

Google Friend Connect ist etwas für Web-Experten. Das bedeutet nicht, dass der Service schlecht wäre, im Gegenteil: User finden Interaktionsmöglichkeiten und Web-2.0-Flair, sie können ihre Facebook-Profile mit Nachrichten über ihre Web-Besuche aufbereiten und vieles mehr.

Friend Connect bringt den meisten Seitenbetreibern nichts – außer Problemen

Der Seitenbetreiber muss jedoch eingehend über seine Zielgruppe nachdenken: Spricht er Internet-Experten und Web-Junkies an, bietet er diesen mit den Friend Connect-Funktionen wohl in der Tat einen echten Mehrwert. Richtet sich sein Online-Angebot aber an den Gartenfreund, der Rat zum kunstvollen Beschneiden von Hecken einholen möchte, den Schachspieler, der nach Tipps zur Optimierung seiner Eröffnung ausschau hält, oder eben den Guacamole-Liebhaber – an Nutzer also, die in der Regel ganz bestimmte Informationen suchen und darüber hinaus gar keine längere Zeit im Netz verbringen möchten –, sollte er sich fragen, ob er diesen mit den zahlreichen Verweisen auf fremde Dienste wirklich einen Gefallen tut. Das ist nämlich sehr zweifelhaft.

Und welche wirklichen Vorteile außer schicken Web-2.0-Elementen könnten diesem Seitenbetreiber entstehen? Er betreibt kostenlose und großflächige Werbung für einen anderen Dienst und bindet eine fremde Website in seine eigene ein. Auch im Hinblick auf die Suchmaschinenindizierung bringt das gar nichts. Er entstellt die Optik seiner Website durch mächtige Boxen und Felder, die sich nur rudimentär an das eigene Layout anpassen lassen. Und vor allem fährt er schweres Geschütz gegen die Usability seiner Seite auf.

Man darf wohl davon ausgehen, dass das an sich äußerst viel versprechende Google Friend Connect in den nächsten Jahren tatsächlich nur von Web-Experten genutzt wird. Sicher werden Seitenbetreiber früher oder später durch diese Aktivitäten auch einen nicht unsignifikanten und auch hochwertigen Traffic generieren können, aber nur unter diesem Gesichtspunkt ist das Modell interessant.

In der derzeitigen Form ist Google Friend Connect jedoch vor allem sehr gefährlich.

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