Wie Web-Redakteure Informationsarchitekturen unabsichtlich zerstören

Eine gute Informationsarchitektur ist wertvolles Kapital, mit dem bisweilen leider recht fahrlässig umgegangen wird. Unerfahrene (und bequeme) Redakteure tendieren nämlich dazu, die Informationsarchitektur einer Website unbeabsichtigt zu zerstören.

Szenarien nach dem Launch

Ein gängiger Ablauf ist in etwa folgender: Eine Agentur erstellt eine Website, ein erfahrener Consultant entwickelt eine konsistente Informationsarchitektur, ein Design-Team entwirft Layouts, die auf diese Informationsarchitektur zugeschnitten sind. Ist die Website schließlich programmiert, verfügt sie über eine ausgezeichnete Navigation und die User finden sich bestens zurecht.

Heute ist es häufig so, dass dem Kunden anschließend ein Content-Management-System an die Hand gegeben wird, über das er selbst die Inhalte auf der Website steuern kann. Nun sind verschiedene Szenarien vorstellbar:

Im Optimalfall aktualisiert der Betreiber seine Seite regelmäßig, kommuniziert Neuerungen über News und hält den gelungenen Web-Auftritt stets auf dem neusten Stand, ohne die Informationsarchitektur zu gefährden.

Andere Site-Betreiber wiederum geben sich mit dem Status Quo zufrieden und unternehmen gar nichts mehr. Das tut der Aktualität der Seite nicht gut, ist hinsichtlich der Informationsarchitektur aber ungefährlich; die Website ergraut eben in Würde.

Problematisch wird es allerdings, wenn neue Pages erstellt und z.B. bestehende und vermeintlich zu lange Seiten aufgeteilt werden, zumal dies oft aus einer rein subjektiven Einschätzung heraus geschieht, die der Wahrnehmung durch den User gar nicht entspricht. Essenziell sind die inhaltliche Klammer und die web-gerechte Aufbereitung eines Textes. Vertikales Scrolling dagegen – das belegen zahlreiche aktuelle Studien – stellt heute überhaupt kein Problem mehr da.

Planlos in die Tiefe

Es sind also – aus welchen Gründen auch immer – eine oder mehrere neue Seiten in die Website zu integrieren. Eine Möglichkeit, einen neuen Bereich eher schlecht als recht in die Site-Struktur einzubetten, besteht darin, der tiefsten Navigationsebene eine weitere Ebene unterzuordnen.

Daraus jedoch ergibt sich eine schwerwiegende Frage: Ist das Layout überhaupt auf die Tiefenerweiterung ausgelegt? Ein Beispiel: Auf einer Website ist das Navigationsmenü in der linken Spalte zu sehen, Unterebenen klappen auf, in denen Menüpunkte leicht eingerückt dargestellt werden usw. Mit jeder Einrückung wird der Platz freilich knapper und am Ende ist vor lauter Einrückungen gar kein Raum mehr für Link-Titel vorhanden. Das ist sowohl aus Design-Perspektive als auch unter Usability-Gesichtspunkten fatal.

Bei der Erweiterung in die Tiefe können zahlreiche weitere Probleme entstehen: Stellt der Brotkrumenpfad neue Unterebenen dar? Findet der User die Links eigentlich? Oder findet er überhaupt den Weg zurück? Wie tief die Website einmal werden soll, ist schon bei der Entwicklung genauestens zu bedenken. Nachträgliche und nur scheinbar praktikable Lösungen sind selten optimal und fügen der Website mitunter erheblichen Schaden zu.

Die unkontrolliert wachsende Startseite

Ein anderer Seitenbetreiber hat nun einen neuen Text verfasst, der ihm am Herzen liegt und den er an prominenter Stelle kommunizieren möchte, und sein Administrator geht den einfachen (und ebenfalls gefährlichen) Weg: Er erstellt nicht etwa eine News oder einen zeitlich begrenzt auszustrahlenden Teaser, sondern platziert einen statischen Link auf der Startseite – und verabschiedet sich damit von der strukturierten Informationsarchitektur.

In der Summe schaden dauerhaft ausgestrahlte statische Links der Übersichtlichkeit und damit der Usability einer Seite fundamental: Nach einiger Zeit besteht die Startseite aus 15 Menüpunkten und eine vernünftige Navigation ist unmöglich.

Eines der hehren Usability-Prinzipen besagt, dass es nicht mehr als sieben (plus/minus zwei) Hauptnavigationspunkte geben darf. Punkt. Das hängt schlicht mit dem Kurzzeitgedächtnis des Menschen zusammen, das in der Lage ist, zwischen fünf und neun Informationseinheiten (so genannte Chunks) zu behalten.

Der User ist folglich überhaupt nicht fähig, sich mehr als maximal neun Links zu merken. Hat er sich im gerade beschriebenen Fall dann in ein Untermenü navigiert, weiß er schon nicht mehr, welche womöglich wichtigen und interessanten Hauptmenüpunkte die Startseite aufführt. Die Seitenstruktur kann er schon gar nicht nachvollziehen.

Möchte man mehr als diese sieben (plus/minus zwei) Produkte oder Leistungen kommunizieren, empfiehlt sich die Überlegung, auf welche schlüssige Weise diese in einem Punkt zusammengefasst und in einer Unterebene abgebildet werden können. Lösungen wie ausgeklappt bleibende Menüs, sind längst gängig.

Natürlich ist grundsätzlich gar nichts daran auszusetzen, mehr Informationen anzubieten. Allerdings sollte man sich intensiv Gedanken darüber machen, wie man sie strukturiert in die Website einbettet, und denkt im besten Fall schon vor und während der Entwicklung der Website darüber nach, welche Informationen wann angeboten werden sollen. Dann nämlich ist es möglich, die Informationsarchitektur von vornherein so anzulegen, dass inhaltliche Erweiterungen sich strukturell einfügen und die Ergänzung der Struktur auch systematisch, konsistent und für den Surfer verständlich ist.

Gegebenenfalls ist eine erfahrene und professionelle Agentur wie //SEIBERT/MEDIA immer ein geeigneter Ansprechpartner, wenn es um Modifikationen geht, die eine Website voranbringen und nicht das Gegenteil bewirken sollen.

Weiterführende Informationen:
Anatomie einer Website
Navigationsmenüs: Trends und Beispiele
Usability-Engineering ist Qualitätssicherung

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