Sichtweisen auf Tag-Clouds (Teil 2): Usability-Probleme und Lösungsversuche

Tag-Clouds: Usability-Probleme und Herausforderungen

Bei Usern mit einer geringen Online-Erfahrung sind schon häufig Probleme mit Tag-Clouds festgestellt worden: Zahlreiche Usability-Studien haben dieses Ergebnis nahezu einheitlich hervorgebracht. In Nachbefragungen von User-Tests, in denen Websites mit Tag-Clouds getestet wurden, verteilen die Probanden regelmäßig schlechte Noten für das vermeintlich „hippe“ Feature. Zum einen verstehen die User nicht, wie die Begriffe in der Schlagwortwolke sortiert sind (in der Regel alphabetisch), zum anderen erschließt sich ihnen nicht, warum einige Begriffe größer dargestellt sind als andere. Auf viele User wirkt dieses Phänomen wie ein Oberflächenfehler, weil sich Sinn und Funktionsweise offenbar nicht intuitiv erschließen.

Erfahrene Internet-User können Tag-Clouds hingegen ohne Probleme nutzen und sehen ihr individuelles Web-Erlebnis durch das Feature sogar bereichert. Doch auch für erfahrene User sind Schlagwort-Wolken nicht völlig unproblematisch, denn ihre Funktionalität stößt schnell an Grenzen.

  • Keine Interaktivität: Anbieter und User haben kaum Möglichkeiten, das Aussehen der Tag-Cloud über deren Logik hinaus zu beeinflussen. Das kann aber sinnvoll sein, wenn spezielle Seiten beworben werden sollen.
  • Keine zeitliche Abgrenzung: Häufig haben Tag-Clouds keine klare zeitliche Abgrenzung. Es ist für neue Tags deshalb sehr schwer, prominent bzw. überhaupt sichtbar zu werden.
  • Keine semantische Anordnung der Tags: Begrifflich ähnliche Tags stehen nicht zusammen, obwohl sie zusammengehören. Viele groß dargestellte Tags beziehen sich auf das gleiche Thema, weshalb Tag-Clouds häufig redundant sind.

Lösungsansätze: Tag-Wolken der zweiten Generation

Die Probleme von Schlagwort-Wolken liegen also auf der Hand. Einige Teams aus Forschern und Praktikern haben deshalb in den letzten Jahren versucht, diese Probleme nicht nur zu identifizieren, sondern auch zu lösen.

Ansatz 1: Erhöhung der Interaktivität
Um dem User einen detaillierteren Blick auf die angebotenen Keywords zu ermöglichen, wurden Tag-Clouds mit Zoom-Funktion entwickelt. Mithilfe dieser Funktionalität soll der User die Frequentierungswerte identifizieren können, die nötig sind, damit ein Tag in der Wort-Wolke erscheint. Durch das Definieren von minimalen Frequentierungswerten ist der User in der Lage, die Anzahl der Schlagwörter in der Tag-Cloud zu beeinflussen.

Ansatz 2: Dynamik und zeitliche Steuerung
Außerdem wurde das Konzept der zeitlichen Abgrenzung aufgegriffen und eine Tag-Cloud um eine Funktion zur Zeitsteuerung erweitert. Bei diesem Ansatz zeichnet das System den Zeitpunkt auf, zu dem eine neue Ressource hinzugefügt wird. Darüber hinaus erstellt die Applikation eine Tagging-Historie, in der festgehalten ist, wann ein Tag einer Ressource zugeordnet oder verändert wurde.

Der User hat einerseits die Möglichkeit, sich in der Tag-Cloud die All-Time-Favorites anzeigen zu lassen. Andererseits kann er Zeiträume eingrenzen und die Darstellung in der Tag-Wolke beispielsweise auf die beliebtesten Schlagworte eines bestimmten Jahres, Monats oder Tages beschränken.

Ansatz 3: Logische Tag-Anordnung
Ein anderer Ansatz ist das Abrücken von der zumeist alphabetischen Anordnung von Tags. Das soll Usern das Verständnis der Zusammenhänge zwischen Tags sowie das Verständnis einzelner Tags erleichtern. Dazu werden Keywords nach sogenannter horizontaler und vertikaler Ähnlichkeit geordnet. Hintergrund ist, dass Nutzer in alphabetisch geordneten Tag-Clouds Begriffe entweder schwer finden oder sich ihnen die Bedeutung einzelner Begriffe nicht erschließt.

Bei der horizontalen Sortierung werden Begriffe, die sich semantisch ähnlich sind, in einem Cluster zusammengefasst und nebeneinander angeordnet. Tags, die keine direkte semantische Ähnlichkeit aufweisen, aber dennoch miteinander verwandt sind, werden untereinander (vertikal) angeordnet. Zugleich sind diese Cluster „räumlich“ von anderen semantischen Anhäufungen getrennt.

Weitere Konzepte sehen beispielsweise Tag-Clouds in Form von Graphen mit verteilten Tag-Knoten oder kreisförmigen Wort-Wolken vor, bei denen nicht nur die Schriftgröße, sondern insbesondere die Entfernung zum Mittelpunkt des Kreises die Bedeutung eines spezifischen Tags symbolisiert.

Tag-Clouds oder nicht?

Diese Ansätze sind sehr interessant und werten Wort-Wolken aus der Sicht erfahrener Usern sicherlich auf. Der Nutzen für Web-Laien dagegen bleibt fraglich, denn die neuen Funktionen und Konzepte erhöhen die Intuitivität der Wort-Wolken nicht; im Gegenteil: Es ist zu vermuten, dass Tag-Clouds der zweiten Generation auf unerfahrene User noch komplexer und damit abschreckender wirken.

Pauschale Antworten im Hinblick auf Sinn und Unsinn von Tag-Clouds gibt es also nicht. Vielmehr ist es wichtig, sich vor der Verwendung von Tag-Wolken drei Fragen zu stellen:

  • Was möchte der Anbieter mit der Website erreichen?
  • Welche Zielgruppe spricht die Website an (erfahrene User oder Gelegenheitsnutzer)?
  • Welche Ziele haben die User und inwiefern hilft ihnen eine Tag-Cloud dabei, diese Ziele zu erreichen?

An den individuellen Antworten auf diese Fragen entscheidet sich letztlich, ob die Implementierung einer Schlagwort-Wolke sinnvoll und richtig ist: Werden die User die Funktion verstehen und nutzen oder kann eine Tag-Cloud eine Website um eine wertvolle Navigationsmöglichkeit erweitern und damit zu einem besseren Nutzungs-Erlebnis beitragen?

In erster Linie gilt es, die Bedürfnisse der User zu identifizieren und zu verstehen.

Die Usability-Experten von //SEIBERT/MEDIA beraten Sie gern über Möglichkeiten und Methoden.

Weitere Informationen:
Sichtweisen auf Tag-Clouds (Teil 1): Wortwolken unter Design-Aspekten
Functionality in a second generation tag cloud (PDF)
Tag Clouds: Data Analysis Tool or Social Signaller? (PDF)


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