Strukturieren von Inhalten (Teil 1): Informationsarchitekturen und Hierarchien

Ob eine Website gut oder schlecht ist, lässt sich oftmals durch eine einfache Frage beantworten: Kann der User die Informationen, die er sucht, auch finden? Die „Skala des Grauens“ von Jakob Nielsen gibt einen Überblick der Gründe, die zu Nutzungsabbrüchen führen. An Position 1 liegt dabei unangefochten die „Findability“, also die Auffindbarkeit von Informationen. Ein gutes Viertel der Nutzungsabbrüche geht darauf zurück, dass Informationen nicht gefunden werden, obwohl sie vorhanden sind. Einen wesentlichen Einfluss auf die Findability haben die Informationsarchitektur sowie das Tagging. In einer zweiteiligen Reihe werden die Grundlagen vorgestellt.

Informationsarchitektur: Informationen hierarchisch strukturieren
Die gebräuchlichste Methode zur Strukturierung von Inhalten ist eine hierarchische Anordnung. Man unterscheidet dabei zwei Arten von Hierarchien: Monohierarchien und Polyhierarchien. Die Monohierarchie ist ein sehr einfacher Ansatz. Jede Information taucht innerhalb einer Struktur nur einmal auf. Jeder Sektion sind nur die Eigenschaften zugewiesen, die sie von der ihr übergeordneten Kategorie unterscheiden. Diese ursprüngliche Form der Hierarchie mit einer eindeutigen Zuordnung entspricht der Struktur von Informationen in der realen Welt. Wie ein Buch in einem thematisch sortierten Regal an einer spezifischen Stelle steht, ist jede Sektion in der Informationsarchitektur genau einer Kategorie zugeordnet. In der Praxis bedeutet dies, dass ein männlicher Kunde die modischen Sneaker in einem Kaufhaus im Bereich „Schuhe“ -> „Herrenschuhe“ findet. Das entspricht der natürlichen Zuordnung.

Polyhierarchien als komplexe Alternative zu Monohierarchien
Diese Eindeutigkeit ist aber auch eine Schwäche der Monohierarchie, denn nahezu alle Objekte sind polydimensional und lassen sich aufgrund ihrer Eigenschaften mehreren Kategorien zuteilen. Findet der Kunde im Kaufhaus die begehrten Schuhe vermutlich rasch, fällt ihm dies möglicherweise schwerer, wenn er sich etwa durch die Navigation eines Web-Shops für Schuhe klickt. So können, um beim Beispiel zu bleiben, Sneaker den übergeordneten Kategorien „Freizeitschuhe“, „Modeschuhe“, „Straßenschuhe“ gleichermaßen zugeordnet werden. Polyhierarchien können diese Polydimensionalität abbilden, d.h. eine Information liegt in der Struktur nicht nur einmal vor, sondern ist mehrfach vertreten. Dadurch erhöht man ihre Auffindbarkeit, schafft jedoch auch Redundanzen und verhindert so, dass der User sich ein Gesamtbild der Anwendung machen kann. Polyhierarchien sind aus der realen Welt nicht bekannt, da Objekte in der Regel einen Körper haben und deshalb einmal eingeordnet werden müssen.

Grunsätzlich ist festzuhalten, dass Websites im Grunde nur rein formell hierarchisch sind: Die Hierarchie wird durch die Navigation abgebildet, da sich der Nutzer aufgrund der oben genannten Gründe (Anlehnung an die natürliche Ordnung etc.) so besser zurechtfindet. Eine Website ist also eine Mischung aus einer Hierarchie und einer Hypertextstruktur, in der Informationen zusätzlich gemäß ihrer assoziativen Beziehungen miteinander verknüpft sind.

Flache oder tiefe Strukturen?
Neben der Stärke haben Hierarchien eine weitere Dimension: Die Tiefe. Es wird zwischen tiefen und flachen Hierarchien unterschieden, die jeweils Vor- und Nachteile haben. Der Vorteil einer flachen Struktur besteht darin, dass Nutzer die gesuchte Sektion schneller erreichen. Allerdings müssen User auf einer Ebene zwischen vergleichsweise vielen Kategorien auswählen, wodurch die Wahrscheinlichkeit einer fehlerhaften Auswahl steigt. Bei tiefen Website-Strukturen verhält es sich entgegengesetzt: Nutzer haben die Wahl zwischen wenigen Kategorien pro Ebene, müssen aber viele Ebenen durchlaufen. Die Gefahr besteht darin, dass Informationen in den Tiefen verschollen bleiben und gar nicht erst aufgerufen werden. Das Nutzererlebnis ist weniger effizient, User brechen Sitzungen ab, weil sie nicht das Gefühl haben, sich der gewünschten Informationen zu nähern.

Breite Strukturen funktionieren besser, konkave Strukturen am besten
Verbindliche Regeln für die „richtige“ Strukturtiefe gibt es nicht. Aus den Auswertungen von User-Tests geht jedoch hervor, dass Nutzer flache Hierarchien besser handhaben können und verständlicher finden als tiefe Strukturen. Wegweisend sind hier die Arbeiten von Michael Lewis Bernard, der zu diesem Thema 2002 promovierte und konkave Strukturen als die am besten geeigneten identifizierte. Besonders gut funktionieren demnach Strukturen mit einer Taillierung, bei der die User zunächst in einen Bereich kanalisiert werden und mit jeder Ebene eine Spezialisierung stattfindet. Die spezifischen Kenntnisse des Users nehmen mit jedem untergeordneten Bereich zu, sodass die Auswahlmöglichkeiten in diesen Ebenen größer sein können, ohne ihn vor Probleme zu stellen.

Auch das Labeling ist wichtig
Die Stärke und Tiefe der Hierarchien ist wichtig. Aber auch die Benennung der Informationen ist von Bedeutung, wenn man Informationen leicht zugänglich machen will. im Englischen spricht man dabei auch von „Labeling“. Darin liegt eine der größten Herausforderungen bei der Entwicklung von Informationsarchitekturen: Je höher die Relevanz der verwendeten Begriffe für den Nutzer ist, desto besser findet er sich auch unter relativ vielen Kategorien zurecht.

Weiterführende Informationen:
Strukturieren von Inhalten (Teil 2): Facettenklassifikation und Tagging
Die Website von //SEIBERT/MEDIA/CONSULTING: Informationsarchitektur
Wie Web-Redakteure Informationsarchitekturen unabsichtlich zerstören
Die Sitemap: Eine informationsarchitektonische Drückebergerei
Anatomie einer Website


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