Web 2.0 und der Stand der Dinge: Wer generiert die Inhalte?

Kommunikation ist das zentrale Anliegen der Web-User: Fast 40% ihrer Online-Zeit verbringen die deutschen Internet-Nutzer mit der Bearbeitung von E-Mails, in Chats und Foren, mit Instant Messaging und anderen (vor allem klassischen) Formen des digitalen Austauschs, wie aus der Online-Studie 2009 von ARD und ZDF hervorgeht.

Vernetzung und Partizipation, Stichwörter, mit denen das Web-2.0-Konzept häufig beschrieben wird, sind kommunikative Prozesse, gehen aber über die klassischen Formen der Online-Kommunikation hinaus. Diese Web-2.0-Aktivitäten gehören zu den zentralen Aspekten der Online-Studie, deren Daten die Grundlage für diese Bestandsaufnahme in Sachen Web 2.0 bilden.

Nutzung von Web-2.0-Plattformen

Zunächst einige Zahlen. Welche Anteile an der gesamten Internet-Gemeinde stellen diejenigen User, die bestimmte, charakteristische Web-2.0-Angebote nutzen?

  • Wikipedia nutzen 65% aller Onliner.
  • Video-Portale: 52%
  • Private Netzwerke und Communities: 34%
  • Fotosammlungen und -Communities: 25%
  • Berufliche und Karrierenetzwerke: 9%
  • Blogs: 8%
  • Social-Bookmarking-Dienste: 4%

Nun haben Daten zur bloßen Nutzung von Wikipedia, YouTube und Flickr freilich noch keine Aussagekraft im Hinblick auf Web-2.0-Aktivitäten im eigentlichen Sinne. Die Basis des Web-2.0-Konzepts bildet bekanntlich nutzergenerierter Content, die Bereitschaft der User, selbst Inhalte beizusteuern. Wie steht es um diese Teilnahmebereitschaft?

Teilnahmebereitschaft ist vorhanden

Immerhin 38% der Onliner finden die Möglichkeit, eigene Inhalte ins Web zu stellen, interessant, 13% davon sogar sehr interessant. Hier gibt es jedoch eine recht klare Trennlinie: Bei den Bis-29-Jährigen halten sich Interesse und Zurückhaltung nahezu die Waage, die Nutzer aus älteren Bevölkerungsgruppen legen dagegen überwiegend eine geringe Teilnahmebereitschaft an den Tag und finden es zum Großteil nicht oder kaum interessant, selbst Content zu produzieren.

Grundsätzlich besteht jedoch eine gewisse Bereitschaft, sich aktiv an Web-Inhalten zu beteiligen. Jedoch ist eine deutliche Diskrepanz zwischen Interessant-Finden und dem tatsächlichen Partizipieren festzustellen.

90-9-1-Regel greift bei Content-Portalen

Beim Interessant-Finden bleibt es nämlich weitgehend. Web-2.0-Portale werden zwar genutzt (siehe oben), doch zumeist passiv. Insofern hat die gängige Wikipedia-, YouTube- oder Flickr-Nutzung keinen wirklichen Web-2.0-Charakter, da zum Großteil lediglich rezipiert wird. So schlagen 94% in Wikipedia ausschließlich nach, nur 6% steuern auch Inhalte bei, 1% davon häufig. Ganz ähnlich präsentiert sich das Bild bei der Nutzung von Video-Portalen (89% vs. 11% bzw. 1%).

Höher ist die Beteiligung dagegen bei Foto-Communities: Immerhin 38% der User, die solche Plattformen besuchen, haben auch schon eigenen Content hinterlegt, 10% tun dies regelmäßig. Das dürfte auf die spezifischen Eigenschaften der Zielgruppen solcher Portale zurückzuführen sein, die einen konkreten Mehrwert von der Content-Einstellung erwarten.

Vernetzung bedeutet mehr Aktivität

Ganz anders stehen die Vorzeichen allerdings in der Blogosphäre: Offenbar produzieren die meisten Nutzer, die Blog-Artikel rezipieren, nämlich 55%, zumindest hin und wieder selbst Blog-Inhalte. Ob es sich dabei um eigene Blogging-Aktivitäten im engeren Sinne oder lediglich um das Kommentieren von Beiträgen handelt, geht aus der Studie leider nicht hervor. Jedenfalls lässt dies auf die enge Vernetzung innerhalb der Blogosphäre schließen, wohl aber auch auf eine gewisse Abschottung. Überspitzt formuliert: Wer mit Blogging zu tun hat, liest auch in Blogs, der Rest der Nutzerschaft tendenziell eher nicht.

Weniger um Partizipation als vielmehr um Vernetzung geht es bei privaten Netzwerken, dem „Shooting-Star“ unter den Web-2.0-Anwendungen. (Dazu mehr in unserem Artikel Wer nutzt eigentlich das Web 2.0?) Hier tritt die 90-9-1-Regel gänzlich außer Kraft: Wer sich in Sozialen Netzwerken bewegt, hat in der Regel auch das Bedürfnis, Kontakte zu knüpfen und zu pflegen und sich selbst auch darzustellen. 85% der Nutzer von privaten Sozialen Netzwerken haben eigene Profile, das passive Konsumieren von Inhalten ist die Ausnahme. Zweifellos profitieren die Netzwerke auch von ihrem inzwischen übergreifenden Charakter: Viele Plattformen bieten Blogging- und Micro-Blogging-Funktionen, andere die Möglichkeit, Fotos oder Videos einzustellen und der Gemeinschaft zugänglich zu machen etc. und somit besonders zahlreiche Optionen, Inhalte zu veröffentlichen.

Fazit

Dennoch: Gerade bei den von vielen Usern genutzten Content-Portalen wird deutlich, dass die 90-9-1-Regel nichts von ihrer Gültigkeit verloren hat und bestimmte klassische Prinzipien auch im Web 2.0 wirken. Auf andere Web-2.0-Anwendungen ist diese Theorie wiederum nicht anwendbar: Wo nicht Content im klassischen Sinne produziert, sondern Vernetzung angestrebt wird, tritt die 90-9-1-Regel außer Kraft.

Die größten Erfolgsgeschichten des Web 2.0 (Wikipedia sowie YouTube und Co.) werden also weitgehend passiv genutzt. Interessant hierbei ist jedoch, dass der prozentuale Anteil an aktiven Nutzern stabil ist, also zwar nicht bedeutend wächst, aber auch nicht abnimmt. Den sog. Online-Aktivisten scheint es nichts auszumachen, dass sie einer überwältigenden passiven Nutzermehrheit Inhalte zur Verfügung stellen.

Möglicherweise sind aber die Sozialen Netzwerke, in denen immer mehr User (und auch besonders häufig) aktiv sind, schon in absehbarer Zeit das dritte große Erfolgsmodell, das zudem auch in der Tat von der Beteiligung aller lebt.

Weiterführende Informationen

Participation Inequality: Encouraging More Users to Contribute
Was ist eigentlich Web 2.0?
Social Software: Der Wikipedia-Irrtum
Google Wave: Aus Ausblick auf eine neue Stufe der Unternehmenskommunikation


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