Web 2.0 und der Stand der Dinge: Wer nutzt das Web 2.0 eigentlich?

Im Web-2.0-Artikel Wer generiert die Inhalte? ist vor allem auf die Content-Produktion eingegangen worden. In diesem Beitrag, der ebenfalls auf den Daten der repräsentativen ARD-ZDF-Online-Studie 2009 basiert, soll die Frage im Mittelpunkt stehen, wer Web-2.0-Angebote im Internet eigentlich nutzt.

Grundsätzlich stellt die Online-Studie fest, dass es bei der Nutzung von typischen Web-2.0-Plattformen im Vergleich zum Vorjahr kaum wesentliche Verschiebungen gibt, was die Nutzungshäufigkeit bzw. die Durchdringung des Webs betrifft – bis auf eine Ausnahme. Die führenden Web-2.0-Plattformen sind unangefochten und wenig überraschend Wikipedia und Video-Portale: Die Wikipedia-Nutzung ist im Vergleich zu 2008 um 5 Prozentpunkte gestiegen, die Beliebtheit von Video-Communities ist nahezu unverändert hoch. Noch einmal die konkreten Zahlen:

  • Wikipedia nutzen 65% aller Onliner.
  • Video-Portale: 52%
  • Private Netzwerke und Communities: 34%
  • Fotosammlungen und -Communities: 25%
  • Berufliche und Karrierenetzwerke: 9%
  • Blogs: 8%
  • Social-Bookmarking-Dienste: 4%

Soziale Netzwerke

Besagte Ausnahme bilden die privaten Netzwerke, die einen beachtlichen Aufschwung erleben: 34% aller Internet-Nutzer besuchen inzwischen private Soziale Netzwerke, das sind 9 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr und gar ein Zuwachs um 19 Punkte im Vergleich zu 2007. 29% der Onliner haben ein eigenes Profil in einem Social Network angelegt. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die hohe Nutzungsfrequenz: Vier Fünftel der User, die eigene Profile unterhalten, sind mindestens wöchentlich auf der entsprechenden Plattform aktiv, 37% gar täglich.

Reizvoll sind Soziale Netzwerke insbesondere für jüngere Nutzer: 81% der Teenager und 67% der 20-bis 29-Jährigen nutzen Plattformen wie StudiVZ, MySpace etc., 74% bzw. 61% sind bei mindestens einem Netzwerk registriert. Die Begeisterung für das Social Networking nimmt bei den Ab-30-Jährigen indes rapide ab.

Berufliche Netzwerke können mit den Werten der überwiegend oder ausschließlich privat genutzten Netzwerke nicht mithalten: 9% der Onliner nutzen XING, LinkedIn und Co. Das sind zwar 3 Prozentpunkte mehr als 2008, ein Punkt weniger jedoch als vor zwei Jahren. Insofern ist diese Schwankung wohl von geringer Relevanz. Die wesentlichen Nutzergruppen bilden hier die 20- bis 29-Jährigen sowie die 30- bis 39-Jährigen, in anderen Altersgruppen sind berufliche Netzwerke allenfalls Randerscheinungen hinsichtlich der Web-Nutzung.

Communities

Wie erwähnt haben die großen Communities Wikipedia und YouTube sowie vergleichbare Portale das Netz längst durchdrungen. Hier gehören also Angebote, die von nutzergenerierten Inhalten leben, zu den beliebtesten und am stärksten frequentierten Websites überhaupt. Diese Durchdringung ist bei jüngeren Altersgruppen schon nahezu vollständig: So rufen 94% der jungen Onliner unter 20 Jahren Wikipedia-Inhalte ab, 93% der Teenager besuchen regelmäßig YouTube.

So reichweitenstark sind Foto-Communities nicht, aber doch interessant genug, um von 25% aller Internet-User genutzt zu werden; 10% der Onliner haben bereits eigene Fotosammlungen im Web hinterlegt. Auch dieses Angebot erfüllt offenbar eher die Bedürfnisse einer jüngeren Klientel: In der Altersgruppe bis 29 statten 42% Websites wie Flickr immerhin hin und wieder Besuche ab, schon bei der Nutzergruppe der 30- bis 39-Jährigen halbiert sich das Interesse.

Blogs

Weblogs und dem Blogging, einer der besonders charakteristischen Ausprägungen des Web 2.0, wird ein vergleichsweise geringes Interesse seitens der Nutzerschaft zuteil. 8% verkehren regelmäßig auf Blogs und werden dem erweiterten Kreis der Blogosphäre zugeschlagen, deren Kern der Studie zufolge die 1,3 Millionen deutschen Internet-Nutzer bilden (3%), die selbst und mindestens wöchentlich Blog-Beiträge veröffentlichen.

Ansonsten sind die Bewegungen im Hinblick auf die Nutzung von Blogs (plus 2 Prozentpunkte gegenüber 2008, minus 3 Punkte gegenüber 2007) noch im überschaubaren Rahmen. Wie bei den vorangehenden Beispielen wecken auch Blog-Inhalte und -Aktivitäten in erster Linie das Interesse jüngerer User. Bei Nutzern ab 40 Jahren nimmt die Begeisterung für Blogs und Blogging rapide ab.

Social Bookmarking

Als vergleichsweise exotisch können nach wie vor Social-Bookmarking-Dienste wie del.icio.us, Mister Wong usw. bezeichnet werden: Nur 4% aller Nutzer beschäftigen sich mit Lesezeichensammlungen, wobei auch hier jüngere Nutzer die Hauptklientel bilden.

Interessanterweise ist bei Teenagern eine (wenn auch auf niedrigem Niveau) beträchtliche Zuwachsrate festzustellen: 9% der Bis-19-Jährigen jungen Leute nutzen 2009 Lesezeichensammlungen, 4 Prozentpunkte mehr als vor Jahresfrist. Praktisch keine Rolle spielen diese Dienste allerdings bei den Ab-40-Jährigen.

Fazit

Insgesamt herrscht im Hinblick auf Blogs, Karrierenetzwerke und Social Bookmarking relativ wenig Bewegung mit relativ geringen Ausschlägen nach oben wie nach unten. Tatsächlich kann man wohl auch davon ausgehen, dass hier die Nutzerpotenziale weitgehend ausgeschöpft sind, da in erster Linie Partikularinteressenten angesprochen werden.

Man wird im Zusammenhang mit dem Web 2.0 sozusagen von einer Zwei-Klassen-Gesellschaft sprechen dürfen: Einerseits bedienen Angebote wie die großen Portale und die privaten Netzwerke ein Mainstream-Publikum und haben es teilweise auf eine beeindruckende Durchdringung des Webs gebracht, andererseits stagnieren die Zahlen bei Angeboten, die „nur“ Partikularinteressen entgegenkommen und von den Zielgruppen auch intensiv genutzt werden, aber sich der Mehrheit der User verschließen.

Derzeit sind Web-2.0-Angebote eine Domäne der jüngeren Nutzer. Es stellt sich die Frage, ob über kurz oder lang die Akzeptanz auch in älteren Nutzergruppen steigen wird. In der Studie fällt der Begriff „Digital Natives“, der junge User meint, die die Nutzung von Web-2.0-Anwendungen habitualisiert hätten. Es bleibt abzuwarten, ob diese Generation der Onliner ihre Nutzungsgewohnheiten auch in spätere Lebensphasen transferiert.

Weiterführende Informationen:

Was ist eigentlich Web 2.0?
Social Software: Der Wikipedia-Irrtum
Google Wave: Aus Ausblick auf eine neue Stufe der Unternehmenskommunikation