Was ändert sich, wenn alle „always on“ sind?

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Während ich diesen Blog-Artikel schreibe, laufe ich durch den Pariser Flughafen Charles-de-Gaulles von Terminal 2F zu Terminal 2D. Das könnte einer dieser „Oh, wie toll ist es, dass das iPhone (oder allgemeiner: die mobile Technologie) so frei von der Situation macht“-Blog-Artikel werden. Aber es stimmt nicht. Teilweise kann es nämlich gar nicht richtig sein: Vor drei Sätzen bin ich an Gate 60 vorbeigelaufen, weil ich zu sehr auf diesen Text konzentriert war. Insofern erfordern bestimmte Situationen einfach ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit.

Gleichzeitig ist die Technologie noch lange nicht da angekommen, wo sie sein könnte. Für die Wartezeit bis zum Abflug kann ich mein Telefon und mein Notebook verwenden, um ins Web zu gehen. Tatsächlich sitze ich inzwischen sogar in einer WLAN-Lounge und habe für 10 Euro einen Web-Zugang gekauft. Aber während des Flugs wird ein Web-Zugriff nicht mehr verfügbar sein. Die Situation bestimmt meine Tätigkeit, nicht ich. Ich schreibe also jetzt den Blog-Artikel und lese erst später das Buch zu Ende. Lieber hätte ich es eigentlich umgekehrt gemacht. Geht aber nicht.

Es geht mir in diesem Artikel nicht darum, nach einem omnipräsenten Web-Zugang zu rufen. Und es gibt genug Leute, die froh sind, wenn sie ihr Handy mal aus lassen können und keinen Web-Zugang haben und daher auch keinen nutzen müssen. Das ist vollkommen in Ordnung.

Was ich aber sehr interessant finde, ist die Frage:

Was passiert, wenn man immer und überall online ist?

So weit sind wir davon ja gar nicht entfernt. Denn mit dem iPhone konnte ich beispielsweise nach Belieben überall, auch im Ausland, E-Mails abrufen. Trotzdem hat die Situation noch einen sehr großen Einfluss auf die eigene Tätigkeit im Web.

Zum Beispiel ist die Geschwindigkeit des Web-Zugriffs von der Situation abhängig:

  • Zu Hause und im Büro ist der Web-Zugang rasend schnell.
  • Unterwegs ist er unzuverlässig und pendelt zwischen „nicht existent“, „grottenlahm“ und „erträglich schnell“.
  • Im Ausland ist er urteuer (0,19 Euro pro 100 KB) und langsam.

Und die Situation hat einen sehr großen Einfluss auf die Möglichkeit zu arbeiten:

  • Selbst wer will, kann stehend im Bus nicht produktiv arbeiten.
  • Im Gehen kann man nur mit einem Telefon „herumspielen“. Das mag zum Lesen und Schreiben von E-Mails reichen. Aber wer nicht aufpasst, läuft eben am Gate vorbei.

Die Voraussetzungen für die Situation, in der alle „on“ sind

Malen wir uns einmal aus, wie es wäre, wenn all diese Probleme nicht mehr bestünden:

  • Schneller Internet-Zugang überall: Jeder hat zu jedem Zeitpunkt einen Breitbandzugang mit mindestens 400 KB im Downstream und kann alle Daten ohne Einschränkungen empfangen. Die gängige Computer-Nutzung ist ebenso unproblematisch wie etwa das Ansehen von Filmen.
  • Hochwertige, integrierte Mobiltechnologie: Es bräuchte eine – wie auch immer geartete – Möglichkeit, unterwegs, im Sitzen, im Stehen, im Gehen und im Liegen genauso wie an einem Tisch mit einem Bildschirm und einer Tastatur zu arbeiten. (Ich weiß, dass diese Beschreibung derzeit eher nach einer Utopie als nach einer realistischen Möglichkeit klingt. Aber das soll hier nicht weiter beleuchtet werden.)

Womit ich mich an dieser Stelle auch nicht beschäftigen möchte, ist die Tatsache, dass einige Leser diese Situation sicherlich alles andere als herbeisehnen. Das Eintreten dieser Situation ist meines Erachtens keine Frage des „ob“, sondern nur des „wann“ und des „wie stark“. Aber das sei, wie gesagt, erstmal dahingestellt.

Was passiert, wenn alle „always on“ sind?

In einer solchen Situation kann jeder online gehen, der möchte, und arbeiten, wie er möchte. Die Arbeit verliert damit Ihre Abhängigkeit von Zeit und Ort (bis auf persönliche Kontakte) und in weitestmöglichem Umfang auch die Abhängigkeit von der Situation.

Tatsächlich habe ich keine tieferen Analysen angestellt, was passieren würde, und gebe hier nur ein paar Gedanken wieder. Ich freue mich auf Kommentare und Diskussionen darüber:

  • Die Internet-Nutzung steigt immens.
  • Mehr elektronische Kommunikation: Die Intensität der Nutzung von elektronischer Kommunikation nimmt zu.
  • Effizienter Kommunizieren: Neue Formen der Kommunikation entwickeln sich, die heute durch den hohen Offline-Anteil unserer Lebenszeit nicht möglich sind. Ein gutes Beispiel dafür ist Google Wave, das letztendlich nur online wirklich Spaß machen wird.
  • Zwang, ebenfalls online zu sein: Die Akzeptanz für das Offline-sein-Wollen nimmt (auch gegen den Willen vieler Leute) ab.
  • Weniger Privatsphäre: Die Veröffentlichung von allen möglichen und unmöglichen privaten Informationen wird üblicher. Gerrit Eicker beschreibt das schon heute etwa so: „Auf einmal werden private Informationen (z.B. Fotos) über mich von anderen (ohne bösartigen Hintergrund) veröffentlicht, die ich gar nicht veröffentlicht sehen möchte.“
  • Die dauerhafte Konzentration auf ein Thema wird weiter sinken: Menschen werden immer sprunghafter und ständig von allen möglichen „Informations-Streams“ abgelenkt. Ich habe schon Angst davor, was Google Wave mit der Aufmerksamkeit der Leute machen wird.
  • Die Grenzen zwischen regulärer Arbeitszeit und Freizeit werden fließend: Heute schon sind knapp drei Viertel aller Arbeitnehmer, die das Internet beruflich nutzen, auch in ihrer „Freizeit“ für andere Mitarbeiter und für Kunden erreichbar, 36% davon sogar jederzeit. Das hat eine repräsentative Umfrage von BITKOM ergeben. Dieser Trend wird sich gravierend verstärken.
  • Die Menschen werden noch mehr als bisher in E-Mails ertrinken.
  • Es wird immer schwieriger, „dringend“ von „wichtig“ zu unterscheiden.
  • ...

Mir würden vermutlich noch zahlreiche weitere Dinge einfallen. Aber ich wollte nur mal den Gedanken aussprechen und sehen, was andere dazu denken. Was meinen Sie? Gibt es weitere Forschung zu diesem Thema? Wer hat weiterführende Informationen und Links.

Ich freue mich riesig auf eine Diskussion und weitere Kommentare. 🙂


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