Hype Cycle 2009: Wo stehen Cloud Computing, Social Media und Unternehmens-Blogs?

Die Analysten von Gartner, dem renommierten IT-Marktforschungsunternehmen, haben auch in diesem Jahr ihren Hype Cycle aktualisiert. Demnach ist Cloud Computing das Konzept der Stunde, sind die Hypes um Twitter und um integrierte Enterprise-2.0-Pakete über den Zenit hinaus, hat sich rund um das Web 2.0 Ernüchterung breitgemacht und sind Unternehmens-Blogs sowie Wikis auf einem guten Weg, sich endgültig auf breiter Ebene zu etablieren.

Hype Cycle of Emerging Technologies, 2009

Abb.: Hype Cycle of Emerging Technologies, 2009 (Quelle: Presseerklärung Gartner)

Phasen des Hype Cycle

Der Hype Cycle ist in Tech-Kreisen zu einem weitgehend anerkannten (wenn auch nicht ganz unumstrittenen) Tool geworden. Dieses von Jackie Fenn entwickelte Prognosewerkzeug beschreibt die Reife von Technologien mithilfe von Phasen unterschiedlich großer öffentlicher Aufmerksamkeit, die Innovationen entgegengebracht wird, und unterschiedlicher Erwartungen, die an Technologien gestellt werden. Demnach durchlaufen Technologien und Trends fünf Phasen.

Impulsphase: Eine neue, innovative Technologie wird vorgestellt und findet in Fachkreisen große Aufmerksamkeit. Nachahmer treten auf den Plan, schnell sieht sich die „revolutionäre“ Technologie übertriebenen Erwartungen gegenüber.

Gipfel der überhöhten Erwartungen: Die Technologie befindet sich auf dem Höhepunkt des Hypes. Die Erwartungen an die Innovation sind ebenso extrem hoch wie die Aufmerksamkeit, die der Technologie gewidmet wird.

Tal der Ernüchterung: Es wird deutlich, dass die Technologie nicht sämtliche Erwartungen und Anforderungen erfüllen kann und einige Vorschusslorbeeren zu Unrecht erhalten hat. In der öffentlichen Wahrnehmung spielt die Technologie eine immer geringere Rolle. Hier entscheidet sich, ob eine Technologie innovativ genug ist, um sich durchzusetzen, und überhaupt einen Nutzwert hat.

Pfad der Erkenntnis: Nach der Ernüchterung setzt sich eine realistische Sicht auf die Technologie durch. Ein Verständnis für die Vorteile, für die praktische Anwendung und auch für die Nachteile entsteht. Der reale Nutzwert der Technologie wird erkannt, sie wird vom Ballast überzogener Erwartungen befreit. Darin besteht die Voraussetzung, dass sich die Technologie auf breiter Ebene durchsetzt und produktiv genutzt werden kann.

Plateau der Produktivität: Die Technologie hat ein Niveau der Akzeptanz auf breiter Ebene erreicht, ihre Vorteile sind bekannt und werden weithin akzeptiert. Sie ist ausgereift und wird ständig weiterentwickelt. Nun entscheidet sich, ob die Technologie den Massenmarkt erobert oder sich vielmehr in einem Nischenmarkt etabliert.

Technologien innerhalb des Hype Cycle

An dieser Stelle wollen wir einige Technologien und Trends näher betrachten, für die sich derzeit besonders viele Unternehmen interessieren und mit denen wir uns in Blog-Artikeln immer wieder beschäftigen. Trendsetter der Stunde ist ein IT-Konzept.

Cloud Computing: Auf dem Höhepunkt des Hypes befindet sich das Cloud-Computing, einer der tatsächlich prägenden IT-Trends des Jahres 2009. Gartner dazu:

„The levels of hype around cloud computing in the IT industry are deafening, with every vendor expounding its cloud strategy and variations, such as private cloud computing and hybrid approaches, compounding the hype.“ (Dieses und die weiteren Zitate sind der Presseerklärung zur Veröffentlichung des Hype Cycle 2009 entnommen.)

Social Software Suites: Social Software Suites – Enterprise-2.0-Arbeitsplätze bzw. integrierte „Pakete“ also, die Firmenwikis, Blogs und Micro-Blogs im Intranet sowie andere kollaborative Technologien umfassen – befinden sich den Gartner-Experten zufolge auf dem Weg ins Tal der Ernüchterung:

„Awareness of social technology is high because of the popularity of related consumer social software and Web 2.0 services. Within businesses, there is strong and rapidly growing evidence of experimentation and early production deployments. The movement from point tools to integrated suites has brought broader adoption but also high expectations. Disillusionment is beginning based on the realization that, even with a suite, much work must be done to build an effective social software deployment.“

Mit anderen Worten und um es an dieser Stelle einmal mehr zu betonen: Social Software läuft nicht von allein. Gartner geht also offenbar davon aus, dass viele Unternehmen relativ blauäugig auf den Social-Media-Zug aufspringen oder schlicht noch mit diesen Technologien experimentieren, ohne sich Gedanken über die tatsächliche Etablierung im Unternehmen zu machen – mit der Folge, dass die Erwartungen enttäuscht werden.

In zwei bis fünf Jahren, so Gartner, werden sich Social Software Suites indes endgültig in Unternehmen durchgesetzt haben. Ob es zwischenzeitlich wirklich zu einem Fall ins Tal der Ernüchterung kommen wird, bleibt abzuwarten.

Twitter: Gartner zufolge hat auch Micro-Blogging und damit insbesondere Twitter – 2008 noch auf dem Gipfel der überhöhten Erwartungen – den Zenit nun überschritten. Folglich sei mit einer Ernüchterung zu rechnen, Anzeichen hierfür wären laut Gartner bereits erkennbar:

„Microblogging, in general, and Twitter, in particular, have exploded in popularity during 2009 to the extent that the inevitable disillusionment around "channel pollution" is beginning.“

Mit dem zunehmenden Spam-Aufkommen will Gartner auch die Hauptursache für die Desillusionierung ausgemacht haben. Hier ist jedoch Skepsis angebracht: Immerhin steigen die Nutzerzahlen nach wie vor stark an, die mediale Aufmerksamkeit ist ungebrochen, immer mehr Unternehmen erkennen Twitter als zusätzlichen Kommunikationskanal – eigentlich Indizien dafür, dass der Twitter-Hype seinem Höhepunkt vielmehr noch entgegenstrebt.

Web 2.0: Das Web-2.0-Konzept durchquert dem Hype Cycle zufolge gerade das Tal der Ernüchterung. Insbesondere die Erkenntnisse, dass das Mitmach-Netz größtenteils der 90-9-1-Regel unterliegt, dass Web-2.0-Plattformen zwar von vielen Usern genutzt werden, sich aber nur ein geringer Prozentsatz aktiv beteiligt, und dass das Partizipieren wohl eine Domäne einer kleinen Gruppe von Nutzern bleiben wird, dürften den Hype in den letzten Jahren merklich haben abklingen lassen. Dennoch soll sich in den nächsten zwei Jahren eine realistische Sichtweise auf Stärken, Schwächen und Anwendbarkeit des Web-2.0-Konzepts durchsetzen.

Wikis: Auf dem Pfad der Erleuchtung befinden sich laut Hype Cycle Wikis. Damit hätten sie erst vor nicht allzu langer Zeit das Tal der Ernüchterung verlassen – allerdings war von dieser vermeintlichen „Krise“ wenig zu spüren. Die Gartner-Analysten schätzen, dass es noch zwei bis fünf Jahren dauern wird, bis sich Enterprise-Wikis auf breiter Ebene durchgesetzt haben und sie das Plateau der Produktivität erreichen werden.

Hier stellt sich die Frage, ob das Firmenwiki-Konzept nicht schon etablierter ist, als es der Hype Cycle aussagt: Tatsächlich geht beispielsweise die Society for Information Management’s Advanced Practices Council (APC) davon aus, dass bereits heute 50% aller Unternehmen Wikis einsetzen.

Corporate Blogs: Unternehmens-Blogs folgen ebenfalls dem Pfad der Erleuchtung. Der Corporate Blog etabliert sich demnach also zusehends als ernstzunehmender Kommunikationskanal mit einem tatsächlichen Nutzwert. Den Gartner-Analysten zufolge wird die Technologie allmählich wirklich verstanden und ihre Potenziale werden immer realistischer eingeschätzt. Innerhalb der nächsten zwei Jahre soll der Unternehmens-Blog das Plateau der Produktivität erreicht haben.

Soweit einige Aussagen des Hype Cycle 2009, der (wie dargestellt) in Teilen sicherlich diskussionswürdig ist. Vor allem bezieht sich die Gartner-Studie auf US-amerikanische Verhältnisse, die gewiss nicht ohne weiteres auf die hiesige Situation übertragbar sind. Wie sehen Sie das? Spiegelt der Hype Cycle die Realität wider? Oder beurteilen Sie die Entwicklung mancher Technologien und Konzepte ganz anders? Nutzen Sie gerne die Kommentarfunktion unter diesem Artikel für Ihre Anmerkungen. 🙂

Weiterführende Informationen

Der Hype-Cycle: Bedeutung und Kritik
Firmenwikis: Ihr Wiki-Projekt in guten Händen
Social Software: Woran die Einführung von Enterprise-2.0-Tools scheitern kann
Social Software: Der Wikipedia-Irrtum
Micro-Blogging im Unternehmen: Potenziale und Anwendung
Cloud Computing: Chancen und Herausforderungen


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