Social-Media-Komponenten nicht aufsetzen, sondern einbrennen

Die Geschichte des Social Interface Designs können wir in zwei Perioden einteilen: Vor Flickr und nach Flickr. In der ersten Periode wurde jede Social-Media-Funktionalität nachträglich in das System integriert – also einfach auf die Grundfunktionalitäten gepappt. In der Nach-Flickr-Ära verstehen Teams soziale Komponenten als Kernelemente bei der Software-Entwicklung.

Angesichts des Marktes, in dem Flickr sich bewegt – den Foto-Websites also –, ist diese Entwicklung einleuchtend. Bevor Flickr auf den Plan trat, ging es bei den Größen am Markt wie Photoworks und Ofoto (die bald von Kodak übernommen wurden) um das Drucken von Bildern und ähnliche Dienstleistungen: User konnten ihre digitalen Fotos hochladen und hochqualitative Ausdrucke beziehen. Sicherlich haben diese Anbieter schon damals Möglichkeiten zur Verfügung gestellt, Fotos mit Freunden und Familienangehörigen zu teilen. Ganz offensichtlich waren diese Funktionalitäten aber keine Bestandteile des Kernsystems, sondern ziemlich plump umgesetzt und dementsprechend frustrierend in der Handhabung.

Flickr hat alles verändert

Das Flickr-Team hat das Teilen in den Mittelpunkt des Konzeptions- und Entwicklungsprozesses gerückt. Jedem Aspekt wurde der Social-Media-Ansatz sozusagen eingebrannt.

Ein Beispiel: Das Teilen war ein Kernelement des Flickr-Geschäftsmodells. Hatte ein User einmal angebissen und hing am Haken, war er gerne bereit, gegen einen geringen Monatsbeitrag die Bandbreitenlimitierung aufzuheben, den Speicherplatz zu erhöhen, seine Bilder unbegrenzt lange auszustrahlen usw.

Der Fokus auf dem Teilen zeigte sich bis ins Detail und beispielsweise darin, dass hochgeladene Fotos per Voreinstellung den Status „Öffentlich“ hatten. Natürlich konnten und können User diese Einstellungen ändern, aber die Vorauswahl hat es ermöglicht, kürzlich eingestellte Bilder anderer User zu durchstöbern.

Schon früh konnten Nutzer andere Leute als Kontakte markieren, über deren Fotos sie auf dem Laufenden bleiben wollten. User, die www.flickr.com eintippten, sahen sofort, was es Neues gab und welche jüngsten Aktivitäten diese Leute entfaltet hatten.

Jene sozialen Features gaben den Ausschlag dafür, wie Flickr-Nutzer die Website wahrgenommen haben. Bereits „damals“ waren diese Funktionen eingebrannt und nicht aufgesetzt. Dank dieser integrierten Social-Media-Komponenten ist Flickr eine solche Erfolgsgeschichte geworden.

Pionierarbeit geleistet

Für die Flickr-Leute war es nicht einfach, diese sozialen Elemente zu integrieren. Es gab schlicht keine Paradebeispiele, keine andere Website verfügte über solche Funktionen, sie konnten nichts kopieren und sich an keinem Vorbild orientieren. Sie haben es wirklich neu erfunden, als sie sich damit beschäftigt haben.

Zum Glück hatten die Firmengründer ein außergewöhnlich cleveres und ambitioniertes Team um sich geschart. In einer unglaublichen Frequenz haben sie Prototypen und Entwürfe vorgelegt, oftmals mehrere am Tag, und versucht, die besten Methoden zum Lösen der großen Probleme heranzuzoomen.

Heute müssen Teams keine solche Pionierarbeit verrichten, zumindest nicht, wenn es um die Integration sozialer Elemente geht. Flickrs Erfolg hat anschließend viele Konzeptionierer, Designer und Entwickler inspiriert, die diese Konzepte aufgegriffen und wiederum optimiert und erweitert haben. Mittlerweile gibt es viele Beispiele, an denen man sich orientieren kann.

Beispiele identifizieren

Tatsächlich gibt es so viele Beispiele – gute wie schlechte –, dass es kaum möglich ist, den Überblick zu behalten. Deshalb waren wir sehr erfreut, als Christian Crumlish und Erin Malone ihr neues Buch „Designing Social Interfaces“ veröffentlicht haben. Mit ihrem Wälzer von über 400 Seiten haben sie eine beeindruckende Bibliothek mit Anwendungsfällen und aktuellen Trends rund um das Social Interface Design zusammengestellt. Meiner Meinung nach ist das Buch ein Standardwerk für alle, die sich mit Applikationen mit sozialen Komponenten beschäftigen – und das trifft heute eigentlich auf alle Applikationen zu.

Unermüdlich haben Christian und Erin Dutzende Websites mit Social-Media-Komponenten untersucht und alle Arten von Komponenten sorgfältig geordnet und katalogisiert. Sie eröffnen uns sehr interessante Einblicke in die verschiedenen Möglichkeiten, soziale Funktionen zu integrieren. Herausgekommen ist eine wunderbare Sammlung von Mustern, randvoll mit interessanten Beispielen, versehen mit netten Kommentaren über die zahlreichen Ansätze zur Lösung häufig auftretender Probleme.

Wie kann ein Team eine Quelle wie Designing Social Interfaces nun nutzen? Stellen wir uns vor, wir gehören diesem Team an: Wir entwickeln ein neues System, das den Mitarbeitern unseres Unternehmens dabei helfen soll, gesund und in Form zu bleiben. Wir wollen, dass die Angestellten und ihre Familien die Möglichkeiten wahrnehmen, die ihnen die Krankenversicherungen eröffnen, möchten ihnen gute Fachärzte vor Ort empfehlen und Ideen in Sachen Fitness und Gesundheit mit ihnen austauschen. (Nicht zuletzt, weil gesunde Mitarbeiter die Unternehmenskosten senken und die Produktivität erhöhen.)

Die Beispielbibliothek anwenden

Für dieses hypothetische Projekt könnten wir „Designing Social Interfaces“ nutzen und mithilfe dieses Buchs geeignete soziale Komponenten evaluieren. Beim Studium der einzelnen Kapitel kommen uns sicherlich tolle Ideen.

Neue Ideen generieren
Wir wissen zum Beispiel, dass wir Accounts brauchen. Also müssen wir herausfinden, welche Daten mit diesen Accounts verknüpft sein sollen. Wir möchten, dass Mitarbeiter ihre Familienangehörigen im System anlegen können. Wir möchten, dass Nutzer sich inhaltlich beteiligen, dass sie Ideen austauschen und lokale Experten empfehlen. Wir können uns auch vorstellen, dass die Nutzer verschiedene Dienstleitungen und Veranstaltungen bewerten und ihren Kollegen so Orientierungshilfen geben.

Spezifische Optionen evaluieren
Eine gute Beispielbibliothek ist wie ein Sprungbrett. Wenn wir das Buch von Christian und Erin durchblättern, finden wir schnell Stellen mit Anregungen für unser System. Wir können uns die spezifischen Features ansehen und uns fragen: „Würde dieses Feature uns helfen, unseren Usern ein schönes Nutzererlebnis zu bescheren?“

Zum Beispiel sehen wir die verschiedenen Beispiele für Sharing-Funktionen durch, sowohl die für privates als auch die für öffentliches Teilen. Wir entscheiden uns dann für privates Teilen, wenn wir meinen, dass es sich um Informationen handelt, die unsere Nutzer unter Kontrolle halten möchten (vielleicht Spezifika über Ärzte oder medizinische Tests). Auf der anderen Seite finden wir womöglich öffentliches Teilen sinnvoll, wenn es um Rezepte für gesundes Essen oder um Ideen für gutes Training geht. Unser Buch geht jeweils auf Pro und Contra ein und hilft uns bei der Entscheidungsfindung.

Interaktionen zwischen Elementen entdecken
Wie in allen guten Beispielbibliotheken werden auch im Buch von Christian und Erin stets verwandte Beispiele und mit einzelnen Features verbundene Bedingungen angeführt. Sie helfen uns herauszufinden, was wir über eine reine Funktion hinaus beachten müssen.

Wir wünschen uns nun zum Beispiel ein Diskussionsforum, in dem die User Fragen zu medizinischen Verfahren, Fitness und Gesundheit stellen und beantworten können. Dank der Tiefe der Beispielbibliothek finden wir rasch heraus, was mit der Implementierung eines Forums alles einhergeht, dass wir also Komponenten wie die Moderation zu berücksichtigen haben.

Die Feinheiten identifizieren
Wir fänden es toll, wenn unsere User uns sagen würden, wie sie die ganzen Dienstleistungen und Veranstaltungen einschätzen, die auf der Website dargestellt werden. Hierfür gibt es zahlreiche Möglichkeiten: Wir können uns für einen einfachen Daumen-hoch-oder-runter-Indikator entscheiden, wir können ein Sterne-System wählen, wie es bis vor kurzem auf YouTube verwendet wurde, wir können die Leute ausführliche Reviews schreiben lassen.

Christian und Erin haben hervorragende Arbeit geleistet, indem sie die subtilen Auswirkungen beschreiben, die auch mit dieser Auswahl verbunden sind. Wenn wir solche Nuancen gründlich zur Kenntnis nehmen, wählen wir auch die richtige Lösung, die unseren Bedürfnissen entspricht.

Die richtigen Social-Media-Komponenten einbrennen

Christian und Erin haben uns meiner Meinung nach mit ihrem Buch ein wunderbares Geschenk gemacht. Teams, die zu diesem Titel greifen, machen einen großen Schritt in die Richtung: die Social-Media-Komponenten in das System einzubrennen.

Solche Sammlungen helfen uns bei der richtigen Einschätzung von Details und somit dabei, die Erwartungen der User an diese Details zu erfüllen. Das beschleunigt den Entwicklungsprozess und ermöglicht es dem Team, sich auf die Jobs zu konzentrieren, bei denen Innovation sich auszahlt – nämlich bei der Arbeit an den Grundfunktionalitäten, die für die Nutzer den größten Wert haben.

Dieser Artikel wurde im Original am 28. April 2010 unter dem Titel „Baking Social Interfaces Into Your Design“ von Jared M. Spool veröffentlicht. Jared M. Spool gehört zu den führenden Usability-Experten unserer Zeit. Seine Website erreichen Sie unter http://www.uie.com. Weitere Artikel von Jared M. Spool finden Sie im Usability-Special von //SEIBERT/MEDIA.