Fünf unverzichtbare Fähigkeiten eines Usability- und UX-Experten

Um Usability-Expertise aufzubauen, bringen uns Fits' Gesetz (das uns hilft, die Anforderungen an interaktive Elemente zu verstehen) und Hick's Gesetz (das erklärt, wie lange Nutzer benötigen, um eine Entscheidung zu treffen) nicht weiter. Nur Sturgeons Gesetz hilft uns. Es besagt, dass 99% aller Zwischenergebnisse Mist sind. Es ist sehr leicht, minderwertige Software zu produzieren. Wer keine Ahnung von Usability und Konzeption hat, macht das ständig, und solche Leute gibt es in der Branche nach wie vor zuhauf.

Was müssen wir können, um wirklich großartige Software zu erstellen? Welche Fähigkeiten sind entscheidend? Was sollten wir üben, um Meister unseres Faches zu werden?

Genau diese Fragen wollten wir beantworten, als wir uns die Arbeitsmethoden der führenden Usability- und Konzeptions-Fachleute angesehen haben. Diese Experten sind Leute aus verschiedenen Disziplinen innerhalb der UX (User Experience, also die Nutzererfahrung bzw. das Nutzerlebnis) -Welt: Experten für Interaktions-Design, Informationsarchitekturen, Nutzerforschung, Visual Design, usw. Sie alle arbeiten an konkreten Endprodukten und uns ist schnell klargeworden, dass ihr individuelles Können auf ein paar allgemeinen Fähigkeiten basiert, die unentbehrlich sind, wenn man ein exzellentes Produkt liefern will.

Unentbehrliche Fähigkeit #1: Entwerfen

Irgend jemand hat einmal gesagt, über Design zu sprechen sei so, als würde man in einem interpretierenden Tanz ein Bauwerk performen. Worte würden unseren Ideen oft nicht gerecht.

Das Anfertigen von kleinen Skizzen ist häufig der beste Weg, um unsere Ideen verständlich zu machen: Wie soll eine Oberfläche in Grundzügen aussehen? Wie sollen Informationen von hier nach da fließen? Wie soll der Nutzer von einem Schritt zum nächsten gelangen?

Die Experten, mit denen wir gesprochen haben, machen keine große Wissenschaft aus diesem Entwurfsprozess. Es ist ihnen nicht peinlich, wenn ihre Entwürfe hässlich sind (und sie können in der Tat ziemlich hässlich sein) oder albern aussehen (und sie können ziemlich albern aussehen). Sie konzentrieren sich auf die Ideen hinter ihren Entwürfen.

Wir reden von Auf-der-Rückseite-einer-Serviette-Qualität. Dicke Stifte, großzügige Federführung, einfache Strichmännchen. Wir wollen keine Mona Lisa und kein perfektes Werk des Impressionismus erschaffen.

Wir haben unsere UX-Profis gefragt, wie sie ihre Entwurfs-Fähigkeiten erworben haben. Die Antwort? Durch Übung – in Meetings, am Schreibtisch, beim Warten auf das Ende des Fußballtrainings des Juniors. Ständig zeichnen, kritzeln und skizzieren sie die Gedanken, die ihnen durch den Kopf gehen. Sie schreiben die gleichen Sätze sogar immer und immer wieder auf, um die Lesbarkeit ihrer Handschrift zu verbessern.

Entwerfen und skizzieren ist nicht schwer, es handelt sich um erlernte Fähigkeiten. Und einmal erlernt, werden sie effektive Bestandteile der Kommunikation.

Unentbehrliche Fähigkeit #2: Geschichten erzählen

Was uns Menschen von allen anderen Spezies unterscheidet, ist unsere Fähigkeit, eine gute Geschichte zu genießen. (Sie werden keine Mäuse dabei erwischen, wie sie um ein Lagerfeuer sitzen und sich die neuesten Geschichten über ihr lebensgefährliches Zusammentreffen mit der Frau des Bauern erzählen.) Wir lieben Geschichten und wir verehren diejenigen unter uns, die die besten Geschichten erzählen können.

An unserem sterilen, Fakten-gefüllten Arbeitsplatz denken wir nicht ans Geschichten-Erzählen als eine wichtige Fähigkeit. Aber Geschichten können inspirieren und erhellen. Sie können uns helfen, uns in die Leute hineinzuversetzen, für die wir für ein Produkt erstellen.

Unsere Experten haben alle gemeinsam, dass sie großartige Geschichtenerzähler sind. Als wir sie baten, uns etwas zu beschreiben, dass sie entwickelt hatten, redeten sie nicht nur vom Ergebnis, sondern beschrieben, wie sie dazu gekommen waren. Sie berichteten uns, welche Probleme die Anwendung löste, mit wem sie im Rahmen der konzeptionellen Forschung gesprochen hatten, wie sie ihre Team-Mitglieder davon überzeugten, sich auf die besten und tatsächlich vielversprechenden Teile der Applikation zu konzentrieren, usw. Und sie taten das auf eine wirklich faszinierende, fesselnde Art und Weise. Unsere Aufmerksamkeit war ihnen sicher.

Wie das Skizzieren ist das Geschichten-Erzählen eine Fähigkeit, die diese Leute regelmäßig üben. Sie erzählen die gleiche Geschichte immer und immer wieder und beobachten ihr Publikum. Wenn die Zuhörer mit den richtigen Ideen reagieren, wissen sie, dass sie die Story richtig erzählt haben. Geht das Feedback in eine andere Richtung, ändern sie ihre Geschichte so lange ab, bis sie den Effekt erzielen, den sie erzielen möchten.

Gute Geschichten werden von Elementen getragen, die unsere Experten verstanden haben: Charaktere, rote Linien, die Reise, die der Protagonist unternimmt, die Herausforderungen, denen er sich gegenübersieht. Diese Faktoren machen eine Story interessant und unterhaltsam. Aber sie machen sie auch informativ.

Das Geschichten-Erzählen ist also eine zweite Fähigkeit, die für die Konzeption einer tollen Anwendung wichtig ist: frisch, interessant und – was am wichtigsten ist – relevant und informativ.

Unentbehrliche Fähigkeit #3: Kritisieren

Man findet nur sehr selten einen Usability-Fachmann, der alleine im stillen Kämmerlein arbeitet. Zumeist ist er in ein Team integriert und arbeitet gemeinsam mit anderen an der Planung und Entwicklung.

Ein zentraler Bestandteil der Zusammenarbeit ist das Einstecken und Üben von Kritik. Hervorragende Anwendungen entstehen durch Iterationen. Veränderungen an einem Zwischenergebnis sind dann am besten, wenn sie auf der Erfahrung und dem Wissen der Menschen um uns herum basieren.

Wir hören nicht viel über Kritik. Die Leute, die darin gut sind, können uns konstruktives Feedback geben und helfen uns dadurch, besser zu verstehen, was wir zu tun versuchen und wie wir es tun können. Diese Leute haben auch die Fähigkeit, großartiges Feedback zu generieren, indem sie unsere Denkprozesse fordern und uns zu besseren Problemlösern machen.

Kritik geht über Kritisieren hinaus. Sie stellt heraus, welche Ziele ein Zwischenergebnis hat. Sie lenkt unseren Fokus darauf, wie der Nutzer Probleme lösen und sich durch die Anwendung bewegen wird. Kritik ist eine Diskussion, in der nicht einer Recht und ein anderer Unrecht hat. Vielmehr erforschen wir das komplette Umfeld des Problems.

Gute Kritik ist eine anregende und förderliche Angelegenheit. Im Optimalfall fühlt jeder Beteiligte, dass er etwas gelernt hat und professioneller geworden ist. Kritik fördert die Teamarbeit und verbessert unsere Zwischenergebnisse.

Unentbehrliche Fähigkeit #4: Präsentieren

Das Präsentieren gehört zu den Kernkompetenzen von UX-Experten. Ständig präsentieren sie ihrem Team ihre Ideen, dem Management ihre Arbeit oder anderen Usability-Fachleuten auf Tagungen ihre Methoden und Forschungsergebnisse.

Der Kern einer Präsentation ist immer eine Geschichte. Es ist einfach schrecklich langweilig, der Aufzählung reiner Fakten zu lauschen. Viel lieber ist es uns, wenn sie in eine fesselnde und denkwürdige Story eingebettet sind.

Aber gute Präsentationen gehen über die Story-Komponente hinaus. Heute sind Präsentationen Multimedia-Events mit Live-Action, Sound und Bildern. Präsentieren ist Schreiben, Inszenieren, Choreographieren und Produzieren.

Gute Präsentationen erfordern auch ein ganz neues Niveau an Aufmerksamkeit auf Seiten des Präsentierenden. Im Prinzip ist eine Präsentation eine Übung darin, gute Nutzererlebnisse zu schaffen, nur sind es in unserem Fall eben Zuschauererlebnisse. Zu verstehen, wie man seinem Publikum zuhört, ist dabei ein wesentlicher Faktor.

Es ist keine Kunst, sich vor die Leute zu stellen und sich stur durch seine Folien zu arbeiten. Es ist ungleich härter, eine Präsentation zu erstellen und abzuhalten, die nicht nur sinnvoll, sondern auch überzeugend und einnehmend ist und mit der man den Saal rockt.

Einige Leute, die das perfekt beherrschen, vermitteln den Eindruck, das alles sei ganz einfach. Viele große Präsentatoren stecken jedoch eine ungeheure Kraft in ihr Handwerk. Sie üben häufig, überarbeiten ihre Darstellungen mit äußerster Präzision und vergewissern sich ständig, dass sie das Publikum in jedem Moment genau da haben, wo sie es haben wollen.

Präsentieren ist eine Performance-basierte Fähigkeit, die einfach aussieht, aber nicht einfach ist. Die Verbesserung dieser Skills macht Sie zu einer unentbehrlichen Stimme Ihres  Teams und Ihres Unternehmens.

Unentbehrliche Fähigkeit #5: Vermitteln

Ich bin ehrlich: Als ich mit der Arbeit an diesem Artikel begonnen habe, hat mich die Bezeichnung dieser fünften Fähigkeit nicht begeistert: Vermitteln. Es hörte sich so administrativ, so langweilig an. Aber diese Fähigkeit ist alles andere als langweilig. Sie ist essenziell für ein gutes, kollaborativ entwickeltes Ergebnis.

Im Rahmen unserer Beratungstätigkeit müssen wir Teams häufig durch (erfolgs-)kritische Phasen bzw. Aktivitäten führen, sei es bei der Auswertung von User-Tests, beim Brainstorming für neue Features, bei der Bewertung von Design-Entwürfen oder bei der Definition von Aufgaben für die nächste Iteration. (Ich hatte an Anleiten oder Anleitung als Alternative für Vermitteln gedacht, aber das klang mir zu bombastisch und von oben herab.)

Der Vermittler übernimmt aber tatsächlich vorübergehend die Rolle eines Anleiters. Er steigt in das Projekt ein, übernimmt kurzfristig die Kontrolle und führt das Team durch die nächste Aufgabe, wobei freilich Unterstützung und Respekt seitens der anderen Beteiligten extrem wichtig sind. Wenn es gut funktioniert, wird jedem im Team die Möglichkeit gegeben, es zu einem bestimmten Zeitpunkt zu führen. Häufig fördert das Team-Mitglied dann die Akzeptanz für Veränderungen im Projekt, indem es mit den anstehenden Neuerungen hausieren geht und für sie wirbt.

Die besten Vermittler verfügen über eine große Trickkiste. Sie wissen, wann das Whiteboard funktioniert und wann es die Kommunikation eher behindert. Sie wissen, wann man Klebezettel und Karteikarten verwendet und wann nicht. Sie können wertvolle Erkenntnisse von unnützen und kostspieligen Abschweifungen unterscheiden. Sie wissen, wann sie die eigenen Ansichten äußern und wann sie sich neutral verhalten müssen.

Leute, die die Kunst des Vermittelns beherrschen, sind immer auf der Suche nach neuen Werkzeugen und Tricks, um Konsens und Einvernehmen herbeizuführen. Ein guter Vermittler ist für das Team unentbehrlich und hilft ihm, dem Erfolg mit jeder Abstimmungsrunde ein Stück näher zu kommen.

Fünf unentbehrliche Fähigkeiten

So, damit haben wir also die fünf Fähigkeiten, die einen hervorragenden Usability- und Konzeptions-Fachmann auszeichnen. Obwohl diese Skills natürlich nicht ausschließlich in diesem beruflichen Umfeld wichtig sind, arbeiten die besten Usability-Experten hart daran, gerade diese kommunikativen Fähigkeiten stetig zu perfektionieren, die uns helfen, stetig bessere Zwischenergebnisse zu produzieren: Entwerfen, Geschichten-Erzählen, Kritisieren,  Präsentieren und Vermitteln.

Großartigerweise können wir diese Skills nutzen, um nicht nur unsere Ergebnisse, sondern grundsätzlich auch uns selbst und unser Team zu verbessern. Dazu sollten wir auch stets unsere Freunde, Kollegen und Mentoren beobachten, die schon ein höheres Level erreicht haben, und von ihrer praktischen Arbeit lernen. Ja, ich bin der Meinung, Manager sollten die Bewertung dieser Fähigkeiten grundsätzlich in den Leistungsbeurteilungsprozess im Unternehmen integrieren und darauf  Wert legen, dass Mitarbeiter diese kontinuierlich verbessern. Es handelt sich um unentbehrliche Skills, die wir nicht vernachlässigen sollten und die uns für unser Team wertvoller und unverzichtbar machen.

Dieser Artikel wurde im Original am 3. August 2010 unter dem Titel Five Indispensable Skills for UX Mastery von Jared M. Spool veröffentlicht. Jared M. Spool gehört zu den führenden Usability-Experten unserer Zeit. Seine Website erreichen Sie unter http://www.uie.com. Weitere Artikel von Jared M. Spool finden Sie im Usability-Special von //SEIBERT/MEDIA.