Mobile Strategien, Datenvisualisierung und Entwicklungsprozesse: Große Herausforderungen, reicher Lohn

Jedes Jahr ermitteln wir aufs Neue, was Konzeptionierer, Designer und Entwickler momentan beschäftigt. Während wir uns auf die Web-App-Masters-Tour in diesem Frühjahr vorbereitet haben, sind uns drei heiße Trends aufgefallen, über die jeder mehr wissen möchte: UX für die mobile Welt, die sinnvolle Datenvisualisierung und die Anpassung der Design- und Entwicklungsprozesse an die schnelle Welt der webbasierten Applikationen. Die Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen, sind groß – aber wenn wir die richtigen Lösungen finden, werden wir auch reich belohnt.

Der herausfordernde Trend #1: Entwicklung für die mobile Welt

In den letzten paar Jahren gab es dramatische Veränderungen dahingehend, wie wir Applikationen aufrufen und mit ihnen interagieren. Durch Displays im Megapixel-Bereich sind wir nicht länger auf den Browser des ortsgebundenen Rechners angewiesen. Ein Ende des Aufwärtstrends ist nicht in Sicht, unsere Nutzer verlangen verstärkt nach mehr Interaktionsmöglichkeiten mit unseren Anwendungen, und zwar über ihre mobilen Geräte und unabhängig davon, wo sie sich aufhalten.

Allein der gigantische Umfang der Plattformen stellt schon das erste Hindernis dar. Wir dachten zwar, der Browser-Krieg würde hinter uns liegen, aber jetzt nutzen wir iOS, Blackberry, WebOS und mehr als hundert Android-Variationen, die um die Gunst der User wetteifern. Webkit ist nicht so plattformübergreifend kompatibel, wie wir uns das wünschen. Die Zusage "einmal geschrieben, überall verwendbar" ist nach wie vor ein Versprechen und für uns eine Herausforderung in Sachen Design, Entwicklung und Qualitätssicherung.

Machen wir’s nativ oder nutzen wir eine Web-Oberfläche? Der webbasierte Ansatz bringt uns der Einmal-geschrieben-überall-verwendbar-Welt näher, verhindert aber, dass wir uns die Vorzüge der (lokalisierten) Hardware zunutze machen können. Unser Zugriff auf die Power, die hinter den Touchscreens und Geo-Location-Fähigkeiten steckt, ist beschränkt.

Mit dem Browser-Ansatz ist es schwieriger, Zugriff auf die Gyroskope, Kameras, Mikrofone und Näherungssensoren zu erhalten, die in den mobilen Geräten stecken. Native Applikationen dagegen können das Potenzial freisetzen, das in der Interaktion mit diesen Technologien steckt. Aber wir entwickeln noch immer separate Programme für jede Plattform und kämpfen uns bei jedem App-Store-Anbieter durch das gleiche Vertriebsspiel. Die Entscheidung für native oder webbasierte Applikationen ist also eine sehr wesentliche.

Gerade entsteht eine neue Kategorie: hybride Applikationen. Mit einer nativen Hülle, die Remote-Server über browserfähige Oberflächen anspricht, können wir einige Vorteile beider Welten vereinen. Da die hybride Applikation noch sehr neu ist, sind wir derzeit noch dabei, sie rundum zu verstehen.

Auf mobilem Wege interagieren

Neben der Entscheidung, in welcher Form wir unsere Applikationen ausliefern wollen, müssen wir uns auch den neuen Interaktions-Paradigmen stellen. Die Erwartungen, die die User im Lauf der Zeit durch die Nutzung ihrer Desktop-Rechner aufgebaut haben (z.B. Klick und Refresh), müssen heute neu interpretiert werden.

Allen voran ist uns das Verschwinden des Mouse-over-Effekts aufgefallen. Bei klassischen Anwendungen für Desktop-Rechner bietet Mouse-over vielerlei tolle Interaktionsmöglichkeiten: Begriffe wie Flyout, Tooltips, Preview gehören längst zu unserem festen Wortschatz.

Mit einem Touchscreen sind Mouse-over-Effekte nicht möglich. Unsere Oberflächen sollen dennoch klar mitteilen, was passiert, wenn der Nutzer auf ein Element tippt. Nehmen wir diese Anforderung und vergegenwärtigen uns dazu noch die Größe der Displays, kommen wir rasch an den Punkt, an dem wir unsere grundlegenden Konzeptions- und Design-Ansätze überdenken müssen.

Die Entwicklung einer "Zeichensprache"

Mit dem Auftreten der neuen Input-Mechanismen geht eine neue Art der Kommunikation einher. Als Designer und Entwickler befinden wir uns in einer Welt, in der wir eine neue Sprache für Interaktionen etablieren müssen. Hier wird etwas abgekupfert, dort etwas kopiert – jede dieser Bewegungen wirkt sich auf die Oberflächen aus und eröffnet den Usern neue Kontrollmöglichkeiten.

Trotzdem sind wir Designer und Entwickler nicht die einzigen, die diese neue Sprache definieren. Während unsere Nutzer mit den Anwendungen anderer Teams arbeiten, entwickeln sie Erwartungen und erlernen bestimmte Reiz-Reaktions-Mechanismen.

Nehmen wir die Aktualisierung der Daten. Was irgendwann in einer einzelnen Anwendung mit einer einfachen Handbewegung angefangen hat – ziehe den Bildschirm von oben runter und halte ihn für eine Sekunde fest –, hat sich von Anwendung zu Anwendung verbreitet, selbst über Plattformgrenzen hinweg, und ist längst ein De-facto-Standard, ohne jemals in den Bedienungsanleitungen irgendwelcher Hersteller explizit beschrieben worden zu sein. Wir haben die Aufgabe, aufmerksam zu beobachten, wo solche neuen Interaktionsmuster auftreten, und unsere Entwicklungen dementsprechend anzupassen, damit wir mit der ständigen Weiterentwicklung dieser Sprache Schritt halten.

Der herausfordernde Trend #2: Sinnvolle Datenvisualisierung

Mobilität ist nicht der einzige Trend, der unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die rasch sinkenden Kosten für Speicher, Bandbreiten und Prozessorleistungen haben uns eine völlig neue Welt eröffnet: die der Datenvisualisierung. Was einst die Domäne der weltweit schnellsten Superrechner und der größten Datenfarmen war, ist dank überall zu erwerbender Massenware inzwischen Standard.

Nehmen wir einmal eine Webseite wie PatientsLikeMe – eine Gemeinschaft von Personen, die alle mit schweren und chronischen medizinischen Problemen kämpfen. Sie teilen hier ihre Erfahrungen und hoffen, voneinander zu lernen. In der Vergangenheit hätte diese Form des Austauschs auf textbasierte Foren beschränkt bleiben müssen, in denen die Interaktionsmöglichkeiten aus einfachen Fragen und Antworten bestanden hätten. Die Online-Diskussionen hätten nur eine kleine Hilfe für den täglichen Umgang mit den schweren medizinischen Problemen und den damit einhergehenden Schwierigkeiten an die Hand geben können.

Aber PatientsLikeMe vereint das Beste der heutigen Technologien mit einer eleganten und leistungsstarken Gestaltung. Die Seite ermutigt ihre Mitglieder, so viele Daten einzustellen, wie sie möchten, um ihren Gesundheitszustand und ihre aktuelle Lage zu beschreiben, und nutzt mächtige Data-Warehousing-Power, um andere Leute zu finden, die mit ähnlichen Diagnosen kämpfen. Dank der hervorragenden Rich-Internet-Oberfläche kann der einzelne Nutzer sehen, welche Behandlungen bei anderen Betroffenen wirken und in welchem Krankheitsstadium sie sich befinden.

Stellen Sie sich vor, Sie entdecken, dass Menschen, die unter derselben Krankheit wie Sie leiden, ihre Schmerzen durch 40 Minuten Yoga pro Tag dramatisch lindern konnten. Und das erfahren Sie nicht im Blog eines dubiosen Gesundheitsgurus, sondern durch anschauliche Diagramme, in denen die Schmerzdaten Tausender Patienten in Verbindung mit Frequenz und Dauer der Yoga-Übungen gesetzt werden. Design, Funktionalität und Technik von Websites wie PatientsLikeMe haben tiefgreifende Auswirkungen auf das Leben ihrer Nutzer.

Den visuellen Diskurs darstellen

Natürlich gibt es all diese Daten nur zum Preis der Komplexität. Details sind nicht umsonst zu haben. Hier werden unsere konzeptionellen und Design-Fähigkeiten tatsächlich auf die Probe gestellt. Entscheidend ist dabei, dass wir unseren Nutzern Zugriff auf alle Details geben, ohne sie zu überfordern.

Daher müssen wir zunächst die Werkzeuge und die Sprache der Visualisierung beherrschen. Wir müssen die Elemente klarer Datenkommunikation verstehen. Häufig müssen die Daten in einem größeren Kontext stehen, damit sie einen Sinn ergeben. Wie Edward Tufte gerne sagt: Die Frage "Verglichen womit?" ist das wichtigste Instrument, um zu testen, ob Daten nützlich sind.

Hier entsteht eine neue Art des Geschichtenerzählens. Wir lernen, an die Oberfläche zu bringen, was ursprünglich verborgen war, und entwickeln ein neues Verständnis für all die Dinge, die wir wissen.

Noch höher sind die Anforderungen, wenn wir unsere Visualisierungen interaktiv gestalten. Ist erst einmal der Weg geebnet, auf dem Nutzer unsere Datenwelt erforschen können, sehen wir ihn plötzlich in einem Grad mit unserer Konzeption und unserem Design verwoben, den wir zuvor nur aus hochgradig interaktiven Videospielen kannten. Die Konzeption von ebenso nutzerfreundlichen wie aussagekräftigen Datenwerkzeugen ist eine große Herausforderung. Hier müssen wir Höchstleistungen zeigen.

Emotionale Einbindung schaffen

Die wahre Kraft der Visualisierung wird freigesetzt – das zeigen Websites wie beispielsweise PatientsLikeMe –, wenn wir helfen können, das Leben der Menschen zu verbessern. Bieten wir den Leuten Einblicke in ihre eigenen Verhaltensweisen, haben sie die Möglichkeit zu erkennen, wo alles gut läuft und wo sie sich auf Irrwegen befinden.

Aus Disziplinen wie der Neurowissenschaft oder der Verhaltensökonomie wissen wir, dass sich die Menschen nicht immer rational verhalten, wenn man sie sich selbst überlässt. Sie tun nicht immer das, was optimal für sie wäre.

Viel davon geschieht unbewusst. Mit unseren neuen Möglichkeiten zum Sammeln, Archivieren und Darstellen von Daten können wir den Leuten diese Dinge ins Bewusstsein rufen. So haben unsere Nutzer die Chance, bessere Wege kennenzulernen, von denen sie bislang nichts wussten.

Um das zu erreichen, müssen wir sie aber auch auf einer emotionalen Ebene ansprechen. Hier ist eine Abkehr vom gängigen Anzeigen von Ranglisten nötig – den Artefakten der sogenannten Gamification –, und zwar hin zu Elementen, die dem Nutzer wirklich einen Mehrwert und Einsichten bieten. Womöglich ist das die größte Herausforderung von allen: die emotionale Einbindung, die den Leuten dabei hilft, ihre Lebensqualität signifikant zu verbessern.

Der herausfordernde Trend #3: Entwicklungsprozesse erneuern

Während wir uns fleißig mit Konzeption und Design beschäftigen, verselbstständigen sich die Tools und Methoden, die wir entwerfen, rasch. Instant Browser Access bedeutet, dass wir Änderungen innerhalb kürzester Zeit implementieren können. Unternehmen wie Netflix liefern neue Versionen im Zwei-Wochen-Rhythmus aus. Noch energischere Firmen wie 37Signals implementieren mehrmals am Tag Änderungen.

Mit diesen extrem kurzen Entwicklungszyklen gehen enorm hohe Anforderungen an die Konzeptions- und Design-Prozesse einher. Wir müssen unsere Prozesse in kontrollierbare, mundgerechte Portionen zerlegen, um die Zeitpläne dieser kurzfristigen Iterationen einzuhalten. Gleichzeitig dürften wir aber nie das große Ganze aus den Augen verlieren: Wer sind unsere Nutzer, welche Anforderungen stellen sie an unser Produkt und wohin sind wir unterwegs?

Die Notwendigkeit, agil zu sein

Unterdessen durchlaufen die Teams, mit denen wir im Rahmen dieser Forschungen zusammengearbeitet haben, dramatische Veränderungen. Der Entwicklungsansatz nach dem Motto Big design upfront wird nicht mehr verfolgt. Stattdessen sprinten wir auf einen inkrementellen Prozess zu, in dem wir während der Entwicklung lernen können, was unsere Nutzer brauchen.

Die Anpassung unserer konzeptionellen und Design-Methoden an diese neuen Wege der Entwicklung bringt einige interessante Herausforderungen mit sich. Die Idee vom “Sprint Null” und das Konzept, dem Rest des Teams immer einen kleinen Schritt voraus zu sein, sind nur ein Teil des Weges. Wir müssen lernen, wie wir eine treibende Vision erschaffen und auf Nutzerforschung basierende Prinzipien aufstellen, an denen sich jede Entscheidung des Teams ausrichtet – und zwar nicht nur die, auf die wir direkten Einfluss haben. So entwickeln wir einheitliche, durchdachte Anwendungen, die unsere Nutzer begeistern.

Große Risiken, große Chancen

Mit all diesen Verschiebungen in der mobilen Welt und ihren neuen Visualisierungsmöglichkeiten sowie mit den Veränderungen unserer Entwicklungsprozesse sind auch Risiken für alle Beteiligten verbunden. Wir erkunden dieses Gebiet gemeinsam und lernen gerade erst, uns innerhalb seiner Grenzen zu bewegen.

Doch noch während wir das tun, erleben wir bereits große Erfolge. Wenn wir es richtig anstellen, macht sich der Nutzen umgehend bemerkbar. Unsere User lassen sich jetzt intensiver auf unsere Entwicklungen ein als jemals zuvor. Und unsere Unternehmen sehen, dass gute konzeptionelle und Design-Arbeit das fertige Produkt tatsächlich aufwertet und nicht nur als Fassade dient.

Es ist eine großartige Zeit für Leute, die an Design- und Entwicklungsprozessen beteiligt sind, eine Zeit voller großer Herausforderungen und reicher Belohnungen.

Dieser Artikel wurde im Original am 22. April 2011 unter dem Titel Mobile Strategy, Data Visualization, and Design Process - Big Challenges, Big Rewards von Jared M. Spool veröffentlicht. Jared M. Spool gehört zu den führenden Usability-Experten unserer Zeit. Seine Website erreichen Sie unter http://www.uie.com. Weitere Artikel von Jared M. Spool finden Sie im Usability-Special von //SEIBERT/MEDIA.