Sechs epische Mächte im Kampf gegen Ihre Megamenüs

Megamenüs scheinen so eine gute Idee zu sein. Letztendlich machen sie die Marketing-Abteilung glücklich, weil sie die ganze fiese Navigation vom Hauptgebäude "Homepage" fernhalten und viel Raum für die Darstellung der eigenen Tugenden lassen. Gleichzeitig bietet das Megamenü dem Entwicklungsteam einen großen Sandkasten zum Spielen und viel Flexibilität hinsichtlich der Darstellung von Links.

Man muss gar nicht viel weiter gucken als bis zur populären TV-Fansite Television Without Pity, um zu sehen, wie dieses Wunder moderner Navigation funktioniert. Die Homepage bietet, wenn das Hauptmenü verborgen ist, viel Platz für den Featured Content einer Seite.

Die große Masse an  Navigation ist geschickt verborgen, wenn Nutzer zum ersten Mal auf die Seite TelevisionWithoutPity.com kommen.

Wenn die Nutzer ihre Maus über das Shows-Icon in der Hauptnavigation bewegen, kommt ein geheimes Feld zum Vorschein: das Megamenü mit den populären Sendungen.

Wenn die Maus über das Shows-Icon bewegt wird, erscheint ein verborgenes Feld: das Megamenü "Popular Shows".

Oberflächlich betrachtet, scheinen Megamenüs die perfekte Lösung zu sein. Doch etwas stimmt nicht mit diesen Juwelen des Interaktionsdesigns.

Amzons megakurzer Ausflug zum Megamenü

Die meisten Leute wissen es gar nicht, aber Megamenüs gibt es schon seit einer ganzen Weile. 2006 stellte der mächtige E-Commerce-Gigant Amazon sein eigenes Megamenü vor.

Es war ein letzter Versuch, die Strategie der Tab-Navigation zu retten, die aufgrund der zahllosen Produktkategorien unüberschaubar geworden war.

Amazon führte sein Megamenü im Jahr 2006 ein, aber heute ist es nirgends mehr zu sehen.

Das Amazon-Megamenü schien eine ideale Lösung für das größer werdende Tab-Problem zu sein. Endlich hatte das Design-Team einen Weg gefunden, alles anzuzeigen, was man auf der Seite tun kann, ohne dass zahlreiche Zeilen im Header von Tabs aufgefressen werden.

Und dann verschwand das Megamenü wieder – so plötzlich, wie es erschienen war. Ersetzt wurde es durch das raffinierte Navigationssystem, das die Seite auch heute noch hat. Das Megamenü hatte kaum ein Jahr überlebt. Das ist merkwürdg, denn Amazon ist nicht dafür bekannt, Dinge, die funktionieren, zu entfernen. Wäre das Megamenü eine erfolgreiche Design-Lösung gewesen – Amazon misst den Erfolg an den Einnahmen –, würden wir es in dieser oder jener Form noch heute sehen. Aber es hat sich ganz schnell wieder in Luft aufgelöst.

Die epischen Mächte, die das Megamenü bekämpfen

Das Verschwinden von Amazons Megamenü passte zu unserer Skepsis gegenüber dem Hype, der um diese ultimative Lösung aller unserer Navigationsprobleme gemacht wurde. Als wir unsere Kunden dabei beobachteten, wie sie weiter an der Implementierung ihrer eigenen Megamenüs arbeiteten, waren wir gespannt, was passieren würde.

Als die Implementierungen abgeschlossen waren, wurden Probleme sichtbar. Bei E-Commerce-Websites brachen die Umsätze nach Einführung der neuen Megamenü-basierten Navigation plötzlich um 15 bis 20 Prozent ein. Und die Umsätze stiegen nicht etwa allmählich wieder an, auch nicht, als die Nutzer sich an die Veränderung gewöhnt hatten.

Auch Kunden, die nicht aus dem E-Commerce-Bereich kamen, stellten nach dem Rollout ihrer Megamenüs dramatische Veränderungen in ihren Statistiken fest, meist handelte es sich um Rückgänge.

Während das zugrundeliegende Konzept des Megamenüs zunächst vielversprechend aussieht, zeigen Studien, dass dieses Navigationskozept einen Kampf ausfzufechten hat, der es ihm schwer macht, seine Arbeit zu tun. Wovon werden unsere Megamenüs nun bekämpft? Ganz einfach von der Natur unserer Nutzer. Argh, das ist nicht gut.

Hier sind sechs epische Mächte, die wir im Kampf gegen unsere Megamenüs beobachtet haben.

Epische Macht #1: Menüs vs. Buttons

Wenn wir Usern zuschauen, stellen wir schnell fest, dass sie keine visuellen Anhaltspunkte für die Existenz eines Megamenüs finden. Es gibt etliche Navigationselemente, aber der Nutzer kann nicht sagen, welche davon ein Menü mit Dutzenden von Items aufrufen und welche einfach nur eine neue Seite öffnen.

Die Hauptnavigation von TelevisionWithoutPity.com: User wissen nicht, welche Items ein Megamenü öffnen.

In der Navigation von Television Without Pity gibt es nur zwei Elemente, hinter denen sich Megamenüs verbergen (Shows und Forums). Zwei weitere Elemente öffnen klassische einspaltige Dropdowns und die restlichen sind schlicht Button-ähnliche Links. Optisch gibt es keinen Hinweis, der die Nutzer auf die Idee bringt, dass es Dutzende von Optionen gibt, die nur darauf warten, entdeckt zu werden. Würde der Nutzer doch einfach mal die Maus bewegen!

Besucher kommen aus einem speziellen Grund auf Television Without Pity, normalerweise interessieren sie sich für den neuesten Klatsch und Tratsch rund um ihre Lieblingssendung. Wenn es sich um eine wirklich sehr beliebte Sendung (oder eine wirklich heiße News) handelt, wird sie ihren Weg in den Top-Content auf der Homepage finden. Wenn das nicht der Fall ist, möchte der Nutzer direkt auf die Seite seiner Sendung geführt werden.

Für unerfahrene User gibt es bis hierhin keinen visuellen Hinweis auf die Liste mit den einzelnen Sendungen, die ihrer Entdeckung harren. Sicher, mit der Zeit werden die Nutzer mehr darüber lernen. Wenn es aber darum geht, dass die Leute Content entdecken (und darum geht es fast immer), sind Megamenüs nicht hilfreich.

Bisher gibt es keinerlei Standards, denen Entwickler folgen könnten, um zu kommunizieren, dass sich hinter einem Navigationselement ein Megamenü versteckt. Und ohne sie wird diese epische Macht die Megamenüs weiterhin bekämpfen.

Epische Macht #2: Trigger Words

Unsere Studien zeigen immer wieder, dass Nutzer, die auf eine Homepage oder Landing-Page kommen, Wörter oder Phrasen im Kopf haben, die sie dazu veranlassen, auf einen Link zu klicken. Wir sprechen von Trigger Words. Sie sind essenziell für eine gute Navigation.

Wer auf Staples.com nach einem Whiteboard sucht, findet seine Trigger Words nicht ohne das erweiterte Menü.

Wenn ein Nutzer beispielsweise nach einem abwischbaren Whiteboard sucht, hat er bestimmte Trigger-Wörter im Kopf, wenn er auf die Seite Staples.com kommt: abwischbar, Whiteboard, Flipchart. (Andere Nutzer suchen nach dem gleichen Produkt mit Trigger-Wörtern wie China Board und abwaschbar. Verschiedene Nutzer haben unterschiedliche Trigger für dieselbe Sache, eine nicht zu unterschätzende Herausforderung.)

Wenn das Megamenü versteckt ist, sind auch sämtliche Trigger-Wörter versteckt. Da die User nicht hellsehen können, wissen sie auch nicht, dass sie das Menü öffnen müssen, um die Wörter zu finden, die sie suchen.

Wenn diese epische Macht den Kampf gewinnt, gehen die Nutzer dazu über, alternative Techniken wie die Suche zu nutzen. Das funktioniert großartig, wenn ihre Trigger-Wörter zu den richtigen Suchergebnissen führen, aber oft ist das nicht der Fall.

Epische Macht #3: Kategoriebezeichnungen

Ein ähnliches Problem geht mit den Kategorienamen einher. Können die Nutzer herausfinden, wo die Inhalte untergebracht sind, die sie suchen? Das ist keine neue Herausforderung – jede Multilevel-Navigation hat damit zu kämpfen. Allerdings machen es Megamenüs den Nutzern zumeist auch nicht leichter.

Staples.com: Wissen die User, in welchem Megamenü sie ihre gewünschten Artikel finden?

Staples hat 13 Megamenüs in die Hauptnavigation der Seite integriert. Unser Nutzer, der ein abwischbares Whiteboard suchte, hatte große Mühe, sich zu entscheiden, unter welcher der Kategorien er so ein Ding nun finden würde.

Einige der Kategorien konnte der Proband leicht ausschließen. Es war unwahrscheinlich, dass er das gewünschte Produkt unter Back To School, Ink & Toner, Cleaning & Paper Supplies oder Custom Stamps & Promotional Products finden würde. Er entschloss sich zunächst, die Suche auf Furniture, Möbel, einzuschränken. Ist ein Flipchart nicht auch irgendwie ein Möbelstück?

Oder vielleicht Technical Products? Das fand er fraglich, aber auf eine Art sind Stifte mit abwischbarer Tinte auch eine Technologie, dachte er sich. Paper & Pads? Er suchte ja immerhin nach einem Ersatz für ein klassisches Papier-Board. Oder doch Office Supplies, Büroartikel? Diese Bezeichnung verwirrte unseren Nutzer, denn ist letztlich nicht alles, was Staples verkauft, Büroausstattung? Er vermutete hinter dem Namen eine Kategorie “Vermischtes”. (Wir übrigens auch!)

Wie viele andere Nutzer war er gezwungen, jedes einzelne Megamenü zu öffnen und zu durchsuchen. Wenn ein Nutzer jedes Menü durchforsten muss, ist das ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Kategorien im Hinblick auf die Nutzerbedürfnisse nicht klar genug definiert sind.

Epische Macht #4: User warten, bevor sie die Maus bewegen

Als wir seinerzeit mit Nutzerforschung anfingen (Oh, das ist schon viele Jahre her!), fiel uns mit als erstes auf, dass User die Maus so lange stillhalten oder scrollen, bis sie sich entschieden haben, was sie anklicken wollen. Dieses Verhalten hat sich über all die Jahre nicht verändert.

Gewiss, es gibt auch Seiten, auf denen man die Maus hin- und herbewegen muss, damit der Browser überhaupt einen Finger zeigt, der üblicherweise auf ein anklickbares Objekt hinweist. Aber das gefällt den Usern oft ganz und gar nicht. Idealerweise sollte absolut klar sein, was sie anklicken müssen, bevor sie die Maus bewegen.

Neben den verborgenen Trigger-Wörtern, unklaren Kategorien und den fehlenden Unterscheidungsmöglichkeiten zwischen klassischen Buttons und Elementen, hinter denen sich Megemenüs verstecken, hat auch diese Macht enormes Frustpotenzial. Sie können auf die Seufzer Ihrer User warten, wenn sie merken, dass man sie zwingt, die Maus zu bewegen, obwohl sie eigentlich noch gar nicht bereit dazu sind.

Epische Macht #5: Okklusion

Die meisten Megamenüs haben gemeinsam, dass sie groß sind. Sie verbrauchen eine Menge Platz, und was sie überdecken, ist oft etwas, das die Nutzer interessiert.

Das ist erst recht ein Problem, wenn der User eigentlich gar kein Megamenü öffnen will: Er gerät mit der Maus versehentlich auf einen Hot Spot und bumm, ein Menü erscheint, ohne dass er es beabsichtigt hat. Zumal es oft gar nicht einfach ist, dieses Menü schnell wieder auszublenden.

Die Entwickler von Television Without Pity haben einen ganz neuartigen Ansatz ausprobiert: Der Inhalt der Seite bewegt sich mit dem Ausklappen des Megamenüs nach unten. Auch die Links werden mit verschoben. Wenn die Nutzer nun aber im Haupt-Content etwas sehen, das ihnen gefällt, bewegen sie die Maus aus dem Megamenü heraus und die Seite kracht wieder zusammen. Die ganze Sache wird zum Fang-mich-doch-Spiel und erinnert ein bisschen ans Moorhuhnschießen.

Epische Macht #6: Hover

Ca. 2005 entstanden, sind Megamenüs noch nicht in der Gegenwart mit ihren Touchscreens und modernen Lesegeräten angekommen, die keine Hover-Effekte kennen.

Heute sollten überall dort, wo Hover-Effekte zum Einsatz kommen, rote Warnleuchten für das Entwicklungsteam aufblinken. Wenn sich der aktuelle Trend fortsetzt, ist es wahrscheinlich, dass in einer nicht allzu fernen Zukunft die Mehrheit der User keine Maus mehr benutzen wird. Hover macht sich nicht gut in dieser Zukunft.

Es ist möglich, klickbasierte und Hover-unabhängige Megamenüs zu implementieren. Dadurch wird es aber aufwändiger, die Oberfläche zu manipulieren, was die Nutzer von ihren Zielen ablenkt.

Megamenüs sind nicht bösartig, nur problematisch

Wir behaupten nicht, dass das Megamenü der ultimative Feind in einer Gut-gegen-Böse-Schlacht gegen den Nutzer ist. Aber man hat es eben nicht leicht, wenn sich die Welt gegen einen vereint hat.

Wenn Sie meinen, dass Ihre Anwendung unbedingt vom Navigationsklischee Megamenü profitieren würde, bitte, machen Sie weiter und tun Sie’s. Aber möglicherweise möchten Sie ganz genau hinsehen. Schauen Sie Ihren Nutzern zu und messen Sie Ihre Key-Performance-Indikatoren gründlich – insbesondere die Umsatzentwicklung, sofern Sie eine E-Commerce-Website betreiben.

Nichts ist umsonst und es sieht ganz so aus, als habe der Idealismus der Megamenüs seinen Preis. Stellen Sie sicher, dass man sich in Ihrem Unternehmen darüber im Klaren ist, wie hoch der Preis sein kann, den Sie für dieses glattgeschliffene Design womöglich zahlen müssen.

Dieser Artikel wurde im Original am 24. August 2011 unter dem Titel 6 Epic Forces Battling Your Mega Menus von Jared M. Spool veröffentlicht. Jared M. Spool gehört zu den führenden Usability-Experten unserer Zeit. Seine Website erreichen Sie unter http://www.uie.com. Weitere Artikel von Jared M. Spool finden Sie im Usability-Special von //SEIBERT/MEDIA.