Der Lean Stack (Teil 3)

Beim letzten Mal habe ich den Prozess hinter dem Lean-Stack-Konzept umrissen und einen Überblick über das Toolset aus 1.000 Metern Höhe gegeben. In diesem Artikel dringe ich etwas tiefer in den Prozess-Flow ein.

Das Lean-Stack-MVP – Ein anderer Ansatz

Vorweg: Einige Leser haben mich gefragt, ob die neuen Tools in LeanCanvas.com integriert werden. Die Antwort ist: Ja, eventuell, aber das ist nicht die wichtigste Aufgabe.

Meine frühen Iterationen (Lean-Canvas-Layer und das Feature-Kanban-Board) waren alle softwarebasiert. Oberflächlich betrachtet, schien eine Web-Anwendung die beste Wahl zu sein: Wir hatten bereits einen großen Nutzerkreis und Software ist einfach und schnell anpassbar, richtig? Nicht ganz. Wenn ich auf diese Experimente zurückblicke, muss ich resümieren, dass sie zu lange gedauert haben, dass sie zu teuer waren und dass jede Menge überflüssiger Ausschuss dabei herausgekommen ist – die Stunden, die wir mit UX-Fragen, Browser-Problemen und anderen Hürden zugebracht haben, gar nicht mitgerechnet.

Sie können fast immer unkonventionelle Wege finden, um das Lernen zu beschleunigen und den Ausschuss zu reduzieren, die die Umsetzung der finalen Lösung, die Sie im Kopf hatten, nicht beinhalten.

Das allererste Lean-Canvas-MVP war ein Blog-Artikel. Das Canvas konnte dann im Rahmen zahlreicher Workshops mithilfe von Folien und Papierübungen verfeinert werden, ehe es als Software umgesetzt wurde. Ich habe zwar daran gedacht, diesen Ansatz auch hier zu verfolgen, doch die Durchführung von Experimenten ist ein fortgeschrittenes und spätes Stadium, das natürlich nicht in einen Ein-Tages-Workshop passt.

Also habe ich mir ein Learning-Produkt ausgedacht – das Running-Lean-Bootcamp. Die Idee hinter dem Bootcamp ist die, über Ein-Tages-Workshops hinauszugehen, die typischerweise durch eine hohe Aktivierung, aber auch durch wenig Nachhaltigkeit gekennzeichnet sind. Mit anderen Worten: Die Leute verlassen den Workshop begeistert, scheitern dann aber daran, diese Prinzipien zu praktizieren, denn echte Verhaltensänderung ist schwer.

Das Bootcamp will dieses Problem dadurch angehen, dass die Leute sich über die gesamte Bootcamp-Periode hinweg mit der „leanen“ Produktentwicklung beschäftigen; direktes persönliches Training ist dabei ein fester Bestandteil des Programms. So können wir unsere neuesten Ideen teilen und mit ihnen experimentieren und die Teams bringen ihr Geschäft voran – eine Win-win-Situation. Der Flow, den ich unten beschreibe, wurde im letzten Bootcamp mit etwa 20 Startups verfeinert.

Dieses Mal habe ich mich auch dazu entschieden, mit einem physischen MVP zu experimentieren und Poster zu nutzen. Das ging mir gegen den Strich, weil ich lieber abstrakt denke. Schon während meines Elektrotechnik-Studiums war ich der Erste, der aus dem Simulationslabor raus war, aber immer der Letzte, der noch im Hardware-Labor saß. Aber trotz meiner anfänglichen Skepsis erwies sich die Nutzung eines physischen MVPs als eine unserer besten Entscheidungen.

Innerhalb von ein paar Tagen hatten wir die Poster gestaltet, gedruckt und aufgehängt. Hier ist ein Bild von den frühen Versionen:

Vielleicht haben Sie bemerkt, dass es im oberen Bild kein Strategy-and-Risks-Board gibt. Das liegt daran, dass wir keins hatten, als wir anfingen. Das Board war der fehlende Kleister, auf den wir zufällig gestoßen sind, als ich mit einem der Startups gearbeitet habe. Auf dem zweiten Bild ist eine handgezeichnete Version dieses Boards zu sehen, das dann später zu einem Poster geworden ist und auf alle Teams ausgerollt wurde.

Mit Software hätten wir erst einmal einen Schritt zurückgehen und ein paar Wochen lang programmieren müssen, um das hinzukriegen. In der physischen Welt hatten wir mit den Wänden, unseren Post-its und einem leeren Canvas alles, was wir brauchten. Das ist nur ein Beispiel dafür, welche Freiheiten uns physische Boards im gesamten Prozess bieten. Da sage noch einer, dass mit einem physischen Prototypen keine schnellen Iterationen möglich sind.

Wenden wir uns nun aber tatsächlich dem Flow zu.

Der Lean-Stack-Flow

Die Vision – Lean Canvas
Der erste Prozessschritt dreht sich nach wie vor darum, mit dem Lean Canvas die Essenz unserer Vision so aufzuschreiben, dass ein Diagramm des Geschäftsmodells von einer Seite Umfang herauskommt.

Ich habe bereits viel über Lean Canvas geschrieben und möchte das hier nicht alles wiederholen. Aber ich will auf eine Fallgrube hinweisen, in die viele Teams stürzen – die Analyse-Paralyse-Falle.

Das Ziel eines Lean Startups besteht darin, durch empirische Tests mit Kunden unsere riskantesten Geschäftsmodellannahmen zu identifizieren – und nicht durch rhetorische Argumentation auf dem Whiteboard.

Ja, mit der Zeit sollte Ihr Canvas korrekt segmentiert, fokussiert und präzise sein. Und von UX-Werkzeugen wie Personas oder auch dem Aufbau eines Customer Flows würde das Canvas auf jeden Fall profitieren. Aber diese Ziele mit dem ersten Canvas erreichen zu wollen, wäre eine Premature Optimization, eine verfrühte Optimierung.

Stattdessen sollten Sie sich erst darauf fokussieren, sich schnell durch die Lean-Stack-Layer zu bewegen und das Build-in-Feedback zu nutzen, um die Bereiche zu priorisieren, die weiterentwickelt werden müssen. Die beste Zeit, um beispielsweise Personas zu erstellen, ist die, wenn Sie die Bühne für Ihr erstes Experiment bereiten, möglicherweise ein Problem-Interview.

Die Strategie – Strategy-and-Risks-Board
Mit Ihrer dokumentierten Vision gehen Sie dann zum Strategy-and-Risks-Board über. Hier ist das Ziel, einen angemessenen Angriffsplan zu formulieren – einen, der die Learnings dahingehend priorisiert, was riskanter ist als alles andere.

Die Risikopriorisierung in einem Startup kann eine unklare Angelegenheit sein. Der beste Ansatzpunkt ist die Identifikation der Lücken in Ihrem Denken, die Sie dann mit formellen und/oder informellen Beratern durchgehen sollten.

Ein anderes tolles Werkzeug ist das Studium bereits existierender Analogs und Antilogs. Das ist ein konzeptionelles Framework, das Randy Komisar und John Mullins in ihrem Buch „Getting to Plan B“ eingeführt haben.

Dank Analogs und Antilogs können Sie sich auf die Schultern der Gründer vor Ihnen stellen und mithilfe der Lessons Learned jener Leute weiter blicken.

Durch die Analyse einiger weniger Analogs können sich schon erste Muster herauskristallisieren, die bei der Formulierung Ihres Implementierungsplans helfen. Ein Beispiel: Nach dem Erfolg, den 37signals mit Basecamp hatte, haben etliche Unternehmen deren Ansatz „Ein Publikum durch einen Blog aufbauen und dann mit einer Web-Anwendung nachziehen“ übernommen. Einige mit Erfolg, andere ohne.

Solche strategischen Vorbilder bieten keine Erfolgsgarantie, aber sie können der Reise zu einem guten Start verhelfen.

Das Produkt – Validiertes Learning-Board
Nun, da Strategie und Risiken dokumentiert sind, sind Sie bereit für Experimente.

Wenig überraschend drehen sich die meisten Fragen, die mich in diesem Zusammenhang erreichen, um die Funktionsweise dieses Boards. Ich will sie also beantworten. (Anmerkung der Redaktion: Siehe den vierten und letzten Teil der Artikelreihe.)

Dieser Artikel wurde im Original am 27. Juni 2012 unter dem Titel The Lean Stack – Part 2 von Ash Maurya veröffentlicht. Ash Maurya gehört zu den führenden Köpfen der internationalen Gründerszene und ist einer der renommiertesten Experten für Lean Startup und Customer Development. Seinen Weblog finden Sie unter www.ashmaurya.com. Die Website seines Unternehmens Spark59 erreichen Sie unter http://spark59.com. Mehr Fachartikel bietet unser Lean-Special.