In fünf einfachen Schritten zum User-Experience-Einhorn

UX-Tag-CloudWir nennen sie Einhörner, weil sie als mystische Kreaturen galten – solche, die in der realen Welt nicht existieren. So ist der Spitzname zustande gekommen.

Trotzdem haben wir in den letzten Jahren immer mehr Leute getroffen, auf die die Beschreibung eines UX-Einhorns zutrifft. Sie sind sehr real und sie sind mitten unter uns. Das wissen wir, weil wir in den vergangenen zwei Jahren mehrere Dutzend dieser multi-begabten UX-Designer gesprochen und studiert haben.

Erraten Sie, was wir gelernt haben? Auch Sie können ein UX-Einhorn werden.

Gesucht: Hans Dampf in allen UX-Gassen

Zum ersten Mal haben wir den Einhorn-Spitznamen gehört, als Firmen begannen, in Stellenanzeigen nach UX-Designern zu suchen, die Interaktionsdesign, Informationsarchitektur und visuelles Design beherrschen und sogar ein bisschen programmieren können. Die Personalmanager schienen jemanden haben zu wollen, der einfach alles kann. "Wer könnte das wohl sein?", riefen die erfahrenen UX-Designer. "Niemand kann all das und vor allem all das gut", sagten sie.

Weil niemand all diese Sachen konnte, wurden diese Jobs als Jagd nach dem Einhorn abgetan. Man ging davon, dass die Unternehmen wieder zu Sinnen kommen und schließlich ein Team von Leuten einstellen würden, um die benötigten Fähigkeiten zu versammeln.

Das Unternehmen seinerseits stellte am Ende jemanden ein, von dem es dachte, dass er die meisten Skills beherrscht. Manchmal klappte das, aber oftmals nicht, genau wie die erfahrenen UX-Designer es vorhergesagt hatten. Doch in jenen Fällen, in denen es funktioniert hatte, erhaschten wir unseren ersten Blick auf reale UX-Einhörner.

Schließlich erschienen mehr Leute mit den nötigen Fähigkeiten auf der Bildfläche und füllten den Einhorn-Aushang aus. Infolgedessen tauchten mehr Einhorn-Stellenangebote auf. Mehr Leute qualifizierten sich. Und mehr Einhorn-Anzeigen erschienen. Heute sind Job-Angebote, die sich an individuelle Mitarbeiter, die eine breite Palette an UX-Skills beherrschen, ganz normal.

Fast alle lernen alles bei der Arbeit

Als wir mit unseren sogenannten Einhörnern sprachen, entdeckten wir einige interessante Gemeinsamkeiten in ihren Werdegängen. Viele hatten eine Ausbildung in visuellem Design, Informationsarchitektur oder Interaktionsdesign, allerdings sagten uns alle, dass sie die meisten ihrer UX-Fähigkeiten im Job erworben hätten.

Die Ausbildung bot einen guten theoretischen Backround und ein Framework fürs Denken. Aber diese UX-Designer meinten, dass ihre am häufigsten genutzten Skills aus herausfordernden Arbeitsprojekten hervorgegangen seien.

Das ist nicht auf Einhorn-UX-Designer beschränkt. Fast jeder erfahrene UX-Designer, mit dem wir uns unterhalten, sagt uns, dass er das meiste aus dem gelernt hat, was er jeden Tag bei der Arbeit tut.

Wenn es einen großen Unterschied zwischen den Leuten, die zu Einhörnern werden, und anderen UX-Designern gibt, ist es der, dass die Einhörner Möglichkeiten hatten, in Bereiche jenseits ihrer bestehenden Kernfähigkeiten hineinzuwachsen. Diese Möglichkeiten trieben sie dazu, neue Skills zu erwerben, ihre Fertigkeiten zu erweitern und gleichzeitig ihren Marktwert in die Höhe zu treiben.

Chancen durch Enthusiasmus erzwingen

Was das Auftreten der Einhörner betrifft, hatten wir eine Hypothese, in deren Zentrum Glück stand. Diese UX-Designer hatten Möglichkeiten, sich in neue Bereiche zu verzweigen, und wir dachten, der Grund dafür sei, dass sie eben Glück hatten, an Projekten arbeiten zu dürfen, in denen sie mit ihren Fähigkeiten experimentieren konnten. Oder vielleicht hatten sie Glück, einen Mentor oder Manager zu haben, der sie ermutigte, ihre Fertigkeiten auszubauen.

Wie sich herausstellte, lagen wir damit stockfalsch. Viele der UX-Einhörner, mit denen wir sprachen, hatten ihre Chancen erzwungen. Einige taten das im Rahmen von Nebenprojekten. Sie versuchten, in ihrer Freizeit Dinge zu entwickeln, die sie über die bis dahin bekannten Grenzen treiben würden.

Häufiger wählten die Leute den radikalen Ansatz, in Projekte zu springen, in die sie nicht hineingehörten, und dabei zu hoffen, dass niemand die fehlenden Fähigkeiten bemerken würde. Sie stürzten sich voller Enthusiasmus hinein, was ihren Mangel an natürlichem Talent offenbar überdeckte. Dieser Enthusiasmus, gepaart mit der harten Arbeit, zu lernen, was immer möglich ist, öffnete die Türen.

Hier sind fünf Schritte, die praktisch jeder durchläuft, wenn er eine neue Fähigkeit erlernt.

Schritt 1: Alles, was möglich ist, über den neuen Skill lernen

Der Weg zum Einhorn beginnt mit einem tiefen Durchdringen der neuen Fähigkeit. Durch das Lesen von Büchern, das Ansehen von Webinaren und das Absolvieren von Online-Kursen nehmen die angehenden UX-Einhörner alles über das Thema auf, was sie in die Finger bekommen. Sie nehmen sogar an Konferenzen teil - manchmal auch auf eigene Kosten, wenn sie ihren Chef nicht überzeugen konnten, das zu übernehmen.

Das Ziel ist es, alles zum Thema zu absorbieren, was möglich ist, und ihre UX-Design-Belesenheit dramatisch zu steigern. Je belesener sie werden, desto besser sind sie darin, gute und schlechte UX-Designs zu erkennen.

Schritt 2: Übung, Übung, Übung

Praxis ist der Schlüssel beim Erwerb eines neuen Skills. Das angehende UX-Einhorn fängt einfach an, es zu tun – ohne sich darum zu kümmern, ob das, was es produziert, wirklich gut ist oder nicht. Der einfachste Weg, um besser zu werden, ist schließlich der, es am Anfang schlecht zu machen.

Beim Üben geht es darum, die für die neue Fähigkeit nötigen Muskeln zu trainieren. Es geht darum, die richtigen Verhaltensweisen aufzubauen und sich scharfsichtige Augen anzueignen. Je mehr Zeit eine Person damit verbringt, eine Fertigkeit zu wiederholen, desto besser werden ihre Ergebnisse.

Schritt 3: Dekonstruieren, was andere gemacht haben

Das genaue Inspizieren anderer Leute Arbeit ist der nächste Schritt auf dem Weg zum UX-Einhorn. Sehen Sie sich an, was andere gemacht haben, nehmen Sie es auseinander und finden Sie heraus, wie es funktioniert.

Oft beginnt dieses Stadium mit purem Nachahmen. Können Sie etwas bauen, das genau so ist wie das UX-Design, das Sie gerade untersuchen? Um das Design zu replizieren, muss man es in kleine Teile aufbrechen. Zu sehen, wie diese Stückchen zusammenpassen, verdeutlicht, wie jedes einzelne Stück funktioniert.

Mit der Zeit geht es dann mehr darum, diese kleinen Teile auf neue und neuartige Weise zusammenzusetzen. In diesem Stadium erkundet das Einhorn in spe das Medium der Fähigkeit und lernt, was funktioniert und was nicht.

Schritt 4: Feedback erbitten (und zuhören)

Der nächste Abschnitt auf dem Weg zum Meister besteht darin, neue Schöpfungen mit Leuten zu teilen, die dies schon eine Weile machen. Das Herzstück dieses Schritts ist die Frage nach Feedback. Was könnten wir besser machen?

Das Akzeptieren von Feedback ist ein Moment des Wachsens. Es ist normal, die eigene Arbeit anfangs zu verteidigen und Hinweise und Kritik abzuweisen.

Wenn das baldige Einhorn aber innehalten und dem Feedback zuhören kann, das es bekommt, ist es nicht mehr weit zur Meisterschaft in dieser Fähigkeit. Es gibt nur noch einen weiteren Schritt.

Schritt 5: Die Fähigkeit jemand anderem beibringen

Sie lernen etwas nicht wirklich, bis Sie nicht jemand anderen darin gelehrt haben. Der letzte Schritt zur wahren Einhornigkeit ist der, jemanden zu finden, um ihn in der neuen Fähigkeit zu unterweisen.

Das hat den zusätzlichen Vorteil, dass Sie gegebenenfalls noch jemanden mit auf die Reise nehmen können. Durch das Erklären der neu erlernten Fähigkeit und ihrer verschiedenen Techniken realisiert das neue Einhorn, wie weit es auf seiner Reise gekommen ist.

Zum Einhorn werden: Bald schon eine eigene Fähigkeit

Es gibt keinen magischen Nebel, der jemanden über Nacht in ein UX-Einhorn verwandelt. Tonnenweise hartes Arbeiten und Lernen sind nötig.

Aber der Erwerb zusätzlicher Fähigkeiten eröffnet uns Möglichkeiten. Wenn ein UX-Designer zum UX-Einhorn wird, bringt er mehr Flexibilität in sein Team. Wenn es in einem Team mehrere Einhörner gibt, ist es imstande, großartige UX-Designs schneller zu entwickeln.

In wenigen Jahren wird das UX-Einhorn nichts Besonderes mehr sein. Die meisten UX-Designer werden die komplette Skala der UX-Skills auf dem Konto haben und sie Tag für Tag besser beherrschen.

Das mystische Wesen wird zu etwas Normalem. Vielleicht müssen wir aufhören, sie UX-Einhörner zu nennen, und sie einfach als das bezeichnen, was sie wirklich sind: UX-Designer.

Dieser Artikel wurde im Original am 2. April 2014 unter dem Titel Becoming a UX Unicorn in 5 Easy Steps von Jared M. Spool veröffentlicht. Jared M. Spool gehört zu den führenden Usability-Experten unserer Zeit. Seine Website erreichen Sie unter http://www.uie.com. Weitere Artikel von Jared M. Spool finden Sie im Usability-Special von //SEIBERT/MEDIA.