UX-Design ohne UX-Designer (Teil 1)

In jedem Team gibt es zwei Gruppen:

  1. Die Leute, die die UX-Design-Entscheidungen treffen.
  2. Die Leute, die von sich selbst sagen, dass sie UX-Designer sind.

Die erste Gruppe ist die wichtigste.

Eine Geschichte zweier UX-Designer

Das ist UX-Designerin Anne. Sie kommt soeben aus einem Meeting mit den Entwicklern ihres Teams. Am Ende des Meetings wandte sich der Lead Developer ihr zu und fragte, ob sie nicht eine dieser Sketching-Sessions machen könnten. Anne war sprachlos gewesen. Das war zuvor noch nie passiert.

Die Entwickler hatten über eine Richtungsänderung des Projekts nachgegrübelt. Sie waren ein paar neuen Beschränkungen dahingehend in die Arme gelaufen, was das Produkt kann und was es nicht kann. Nun brauchten sie ein neues UX-Design, um dem Rechnung zu tragen.

Anne versucht, so viel wie möglich beim Team zu sein, aber sie hat auch andere Verantwortlichkeiten in anderen Teams. Also muss das Team sich oft selbst mit UX-Design beschäftigen.

Zuletzt haben sich ihre Designs als okay herausgestellt. Sie sind besser geworden, seit Anne begonnen hat, mit ihnen zu arbeiten.

Der Lead Developer wollte mit Anne ein paar Ideen skizzieren. Er wollte, dass alle Designer und die Product Owner ebenfalls dabei sind und ihre Ideen umreißen. (Im Grunde hatte er nach etwas gefragt, was wir als Design-Studio bezeichnen, aber er wusste nicht, dass es so genannt wird.)

Anne ist glücklich. Das war bedeutend.

Das ist UX-Designer Jay. Er kommt soeben aus einem Meeting mit den Entwicklern seines Teams. Während des Meetings hat Jay erfahren, dass das Team im Projekt vorangeschritten ist, während er nicht da war.

Um voranzukommen, mussten sie einige Entscheidungen darüber treffen, wie die Bildschirme aussehen würden und wie der Flow zwischen ihnen sein würde. Jay war verärgert. Hätten sie doch gewartet, bis er wieder dabei war.

Wie Anne, versucht Jay so viel wie möglich beim Team zu sein, aber auch er hat andere Verantwortlichkeiten in anderen Teams. Sein Team war sich selbst überlassen.

Jay hätte es lieber gesehen, wenn das Team auf seine Rückkehr gewartet hätte, statt Design-Entscheidungen zu treffen. Er ist der Profi und er weiß, wie man es gut macht. Wenn sie Entscheidungen wie diese treffen, bedeutet es Mehrarbeit für Jay. Er muss den "Schaden" rückgängig machen, den sie dem UX-Design zugefügt haben.

Jay seufzt. Das ist hart.

(Anne und Jay haben wir bei unseren Untersuchungen wirklich kennengelernt, ich habe nur ihre Namen geändert.)

Was passiert, wenn wir nicht da sind

In einer idealen Welt sind UX-Designer immer präsent, um jede Design-Entscheidung treffen. Doch in unserer schnelllebigen Zeit der Produkt- und Dienstleistungsentwicklung sind UX-Designer eine knappe Ressource.

Bei jedem Produkt und jeder Dienstleistung müssen tausende Entscheidungen gefällt werden. Manche betreffen jeden Aspekt des UX-Designs. Andere betreffen eine kleine Interaktion oder einen winzigen Teil des Produkts.

Ein Team, das immer einen UX-Designer zur Verfügung hat, um jede Design-Entscheidung sofort treffen zu können, ist selten. Der Verhältnis von Nicht-Designern und Designern ist normalerweise ziemlich ungleich. Designer sind oftmals für mehrere Projekte gleichzeitig verantwortlich.

Das bedeutet, dass wir herausfinden müssen, was passiert, wenn der Designer nicht präsent ist und ein Teammitglied sich mit einer Entscheidung konfrontiert sieht. Ein Ansatz ist, all die Entscheidungen aufzuschieben, sodass der Designer sie abarbeitet, wenn er kann. Der andere Ansatz ist, dass man das Team die Entscheidungen selbst treffen lässt.

Welcher Ansatz wird die beste Qualität für das Produkt oder die Dienstleistung liefern? Welcher führt dazu, dass das Team schnell zu einem guten Resultat kommt?

Jetzt designen Nicht-Designer

Wenn die Entwickler und Projekt-Stakeholder beginnen, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, reagieren Jay und Anne komplett unterschiedlich. Jays Reaktion ist Frustration, während Anne erfreut ist.

Jay wünscht sich, dass seine Entwickler das UX-Design ihm überlassen. Letztendlich ist er der Spezialist mit Erfahrung. Er redet ihnen ja auch nicht in ihren Code rein.

Anne hat einen anderen Ansatz. Sie denkt, dass jeder ein UX-Designer sein kann.

Teilweise ist das auf ihren Hintergrund zurückzuführen. Sie hat nie eine Design-Schule besucht, wie Jay es getan hat. Zwar hat sie ebenso viel Erfahrung wie Jay, aber ihre UX-Design-Kenntnisse hat sie erworben, während sie an Produkten gearbeitet hat.

Jays Design-Ausbildung war harte Arbeit. Seitdem hat er an Dutzenden Projekten mitgearbeitet. Die besten waren die, in denen alle einfach seinem UX-Design gefolgt sind. Leider passiert das nicht immer und es passiert definitiv nicht in diesem Projekt.

Jay wünschte, die anderen Teammitglieder würden aufhören, sich im UX-Design zu versuchen. Anne treibt ihre Teamkollegen an, mehr UX-Design zu machen.

Gegensätzliche Reaktionen mit unterschiedlichen Ergebnissen. Auf lange Sicht stellt sich Annes Ansatz als effektiver heraus.

Warum, zeigt der zweite Teil dieses Artikels.

Dieser Artikel wurde im Original am 20. Mai 2015 unter dem Titel Designing Without A Designer von Jared M. Spool veröffentlicht. Jared M. Spool gehört zu den führenden User-Experience-Experten unserer Zeit. Seine Website erreichen Sie unter http://www.uie.com. Weitere Artikel von Jared M. Spool finden Sie im Usability-Special von //SEIBERT/MEDIA.