UX-Design: Hilfe! Ist hier irgendwo ein Herzchirurg?

In einem Notfall holt man einen Doktor.

Interessanterweise sind es gar keine Doktoren. Oder anders: Es gibt viele Doktoren, von denen wir nicht wollten, dass sie uns in einem medizinischen Notfall helfen. (Mein guter Freund mit einem Dr.phil. in englischer Literatur des 15. Jahrhunderts ist niemand, von dem wir das Kind zur Welt bringen lassen würden, selbst wenn er der einzige Doktor weit und breit wäre.)

Viele qualifizierte medizinische Fachkräfte haben keinen offiziellen Doktortitel. Reha-Spezialisten, praktizierende Ärzte und Myriaden andere Fachleute liefern gekonnte, hochqualitative Gesundheitsfürsorge ohne dieses Aushängeschild.

Im Notfall sucht der Laie nach einem Doktor. Es ist ein nützlicher Begriff und es funktioniert prima. Wenn Sie einen Herzanfall haben, würden Sie wohl einen Herzchirurgen haben wollen. Jedenfalls dann, wenn das gewünschte Resultat darin besteht, dass Ihr Brustkorb geöffnet, die Rippen gespreizt und Ihr Herz massiert wird. Auf einem Operationstisch ist das ein großartiges Ergebnis. Im Foyer eines Opernhauses dagegen dürfte ein Rettungssanitäter tatsächlich besser qualifiziert sein, Ihnen zu helfen. (Herzspezialisten sind Doktoren, Rettungssanitäter normalerweise nicht.)

Einige von Ihnen wissen vielleicht, dass wir in den vergangenen 16 Jahren untersucht haben, was das ideale UX-Team ausmacht. Eines unserer frühen Ergebnisse ist, dass es auf Rollen nicht ankommt, sondern auf Fähigkeiten. Es ist egal, ob ein Team einen Interaktionsdesigner oder Informationsarchitekten hat. Es kommt darauf an, dass Interaktionsdesign- und Informationsarchitektur-Skills im Team vorhanden sind.

Teams mit den richtigen Fähigkeiten entwickeln viel wahrscheinlicher großartige Nutzererlebnisse. Bei Teams, in denen es an den richtigen Fähigkeiten mangelt, ist es sehr unwahrscheinlich, dass sie irgend etwas Aufregendes oder Erfreuliches produzieren. (Natürlich können wir nicht 'nie' sagen. Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn. Aber wenn ich ein Team zusammenstelle, will ich das auf eine Weise tun, dass es die besten Chancen hat, oder?)

Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass es Kernfähigkeiten gibt: Interaktionsdesign, Informationsarchitektur, Nutzerforschung, visuelles Design, Informationsdesign, Fast-Iteration-Management, Copywriting und Editing.

Es gibt auch etwas, das wir Enterprise-Skills nennen; einige davon sind Analytics, Entwicklungsmethoden, Design-to-Development-Dokumentation, Ethnographie, soziale Netzwerke, Marketing, Technologie, Business-Wissen und Bereichswissen. (Wenn es Sie interessiert: Ich habe darüber ausführlicher geschrieben und Teams Werkzeuge an die Hand gegeben, um ihre Stärken einzuschätzen.)

In den besten Teams hat jedes Teammitglied ein solides Fundament im Hinblick auf alle diese Skills. Das ist so wichtig, weil es dem Team Flexibilität bietet. Egal, wer verfügbar ist, egal, was erledigt werden soll, eine kompetente und sachkundige Arbeit ist möglich.

In Teams, die aus Spezialisten zusammengesetzt sind – Teams also, in denen je nur eine Person eine Aufgabe erledigen kann, die eine bestimmte Fähigkeit erfordert –, laufen diese Personen in das Binäre-Arbeitslast-Problem: Entweder sind sie überarbeitet oder verzichtbar. Es gibt entweder zu viel Arbeit für sie und folglich müssen sie ein Backlog anlegen, oder sie haben nichts zu tun, wodurch eine wertvolle Ressource vergeudet wird.

Die besten Teams haben dennoch Personen, die im einen oder anderen Fähigkeitsbereich die Besten sind. Leute, die mit den neuesten Denkströmungen und Techniken vertraut sind. Da aber das gesamte Team voll kompetent in dem Fähigkeitsbereich ist, können diese Personen mit ihren extraordinären Skills in bestimmten Bereichen ihr Können den seltenen Projekten widmen, die es erfordern, und außerdem als Berater und Mentoren für den Rest des Teams agieren, wodurch die Fähigkeiten des gesamten Teams weiter gesteigert werden können.

Meiner Meinung nach werden wir sehen, wie die Bedeutung von Jobtiteln, die indiviuelle Spezialisten ausweisen, weiter sinkt. Wir erkennen das bereits in den Stellenanzeigen, die heute erscheinen. Die Tendenz geht dahin, eher nach Generalisten zu suchen, die über ein rundes, reichhaltiges Set an Fähigkeiten verfügen. Viele Teams können sich keine Mitglieder leisten, denen es an den Kern-Skills fehlt, selbst wenn die Fähigkeiten, die sie haben, für sich genommen üppig ausgebildet sind.

UX ist keine Welt für sich. UX ist eine Synergie aus all den Fähigkeiten des Teams. Je mehr Skills es gibt und je besser die Teammitglieder in diesen bewandt sind, desto besser wird das UX-Design sein, das herauskommt.

Und Sie würden wahrscheinlich nicht in ein Krankenhaus gehen wollen, das ausschließlich mit extrem talentierten Herzchirurgen gefüllt ist, es sei denn, eine Herz-OP ist die Lösung für all Ihre Probleme.

Dieser Artikel wurde im Original am 17. Juni 2015 unter dem Titel Help! Is There a Cardiothoracic Surgeon in the Room? von Jared M. Spool veröffentlicht. Jared M. Spool gehört zu den führenden User-Experience-Experten unserer Zeit. Seine Website erreichen Sie unter http://www.uie.com. Weitere Artikel von Jared M. Spool finden Sie im Usability-Special von //SEIBERT/MEDIA.