Kehrwoche im virtuellen Raum

Manche Leute sind verzweifelt, weil alles um sie herum so unordentlich ist. Sie würden gerne aufräumen, aber sie schaffen es nicht. Jedenfalls nicht nachhaltig. An meiner alten Uni gab es einen Kollegen mit einem riesengroßen Besprechungstisch. Der Tisch war elliptisch geformt, und darauf lagen unzählige Dokumente. Und es wurden immer mehr: Fachzeitschriften und Fachartikel, Projektberichte, Kopien, Dissertationen und Sonstiges.

Über die Jahre wurde der Berg immer höher. Man konnte sich am Tisch zwar noch besprechen, ohne die Wirbelsäule aufrichten und sich anstrengen zu müssen, aber die elliptische Form der Tischplatte dehnte sich im zeitlichen Verlauf immer weiter in die dritte Dimension aus – nach oben – und verwandelte Tischplatte und Belag schließlich in eine Figur, die an eines dieser halbierbaren Schokoladeneier erinnerte. Angeblich konnte der Kollege zielsicher in das Dokumentenei hineinlangen und das richtige Zielstück treffsicher herausziehen. Er hatte offenbar ein Konzept oder zumindest ein gutes räumliches Orientierungsvermögen.

In der virtuellen Welt ist viel Platz

Das Schöne an der Virtualität ist, dass sie sich prinzipiell unendlich ausdehnen lässt. Man ist nicht an Tischplatten gebunden, sondern an Festplatten und mechanikfreie Speicher, die man füllen und nahezu beliebig erweitern kann. Bei gängigen Cloud-Lösungen ist man als Nutzer sogar von der Physikalität und der Dreidimensionalität des Raumes entkoppelt, da selbst die Speichermedien mittlerweile virtualisiert werden.

In der Virtualität ist daher enorm viel Platz für alles Mögliche. Und dieser Platz wird gerne genutzt, u.a. mit Fachzeitschriften und Fachartikel, Projektberichte, Kopien, Dissertationen und Sonstiges, nicht zu vergessen die unendlichen Mengen an E-Mail-Anhängen, die im CC versendet werden und sich in E-Mail-Ablagestrukturen anhäufen. Die Verzweiflung über Unordnung tritt im virtuellen Raum typischerweise viel später ein als auf dem beschriebenen physikalischen Schreibtisch, im Bücherregal oder gar in der eigenen Schrankwand, da es in der Virtualität fast unendlich viele Ausweichmöglichkeiten und gleichzeitig kaum Kollisionsereignisse und Grenzerfahrungen gibt: Der virtuelle Tisch ist nie zu voll, im Regal ist immer noch Platz, die Schranktür geht immer zu.

Welf Schröter vom Forum Soziale Technikgestaltung ist ein anerkannter Experte auf dem Gebiet der Unordnung in der Virtualität und hat im letzten Jahr ein spannendes Büchlein herausgegeben, in dem sich Autoren mit Fragen der „Identität in der Virtualität“ beschäftigen und dem Leser Einblicke in neue Arbeitswelten und Industrie 4.0 ermöglichen. Diese Themen werden derzeit besonders im prosperierenden Südwesten der Republik engagiert und ideenreich verfolgt – genau in jener Gegend also, in dem man es auch mit dem Aufräumen traditionell sehr genau nimmt, womit sich ein thematischer Kreis zu unserer Eingangsproblematik schließt.

Die Kehrwoche hat eine lange Tradition

Man könnte vermuten, dass sich hier eine Korrelation herstellen ließe: „Aufgeräumte Arbeitsumgebungen gehen einher mit nachhaltigem wirtschaftlichen Erfolg!“ Und siehe da – verfolgt man diese Fährte zu ihren Ursprüngen zurück, stößt man auf einen Passus im Stuttgarter Stadtrecht aus 1492, der Lösungsansatz und Wegweiser für unsere Problematik der (Un-)Ordnung ist:

Damit die Stadt rein erhalten wird, soll jeder seinen Mist alle Wochen hinausführen, (…) jeder seinen Winkel alle vierzehn Tage (…) sauber ausräumen lassen und an der Straße nie einen anlegen.

Der konsequente Vollzug dieses als Kehrwoche bekannten Aufräumrituals hat die Württemberger auch durch schwierige Zeiten hindurch gestützt und ihnen Orientierung gegeben zur eigenen Disziplin und zu der ihrer Mitmenschen.

Zurückgebunden an unser Thema ist es eine naheliegende Aufgabe für den virtuell affinen Menschen der heutigen Zeit, den Wesenskern der traditionellen Kehrwoche in die digital durchwobene Lebenswelt zu transformieren, ihn vom Hausflur in den virtuellen Raum hineinzutragen und in diesem unter den Bedingungen heutiger Qualitäts- und Ordnungsansprüche konsequent zur Ausführung zu bringen. Kurz: Regelmäßig aufzuräumen.

Gelänge dies, wäre eine zweite Revolution der Kehrwoche möglich, die an den früheren Kehrwochen-Relaunch von 1714 anschließen würde, in dem Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg die Vorgaben des Stuttgarter Stadtrechts in seine württembergische Gassenordnung überführte. Es wäre an der Zeit, die Kehrwochenrevolution für den virtuellen Raum vorzubereiten.

Tipps fürs Aufräumen in der Virtualität

Hierzu ein paar Impulse für digitale Kehrwochen, die ich ausführlicher bereits in besagtem Büchlein von Welf Schröter darstellen durfte:

Kleine Kehrwoche (1x / Woche):

  • Automatisiertes Löschen aller E-Mail-Anhänge sowie Leerung aller virtuellen Papierkörbe.
  • Alle E-Mails löschen, in denen man ins CC gesetzt, aber nicht persönlich im Nachrichtentext angesprochen wurde.
  • Prospektive Bereinigung gemeinsamer Online-Ablagestrukturen (Dropbox etc.) zur Entlastung der Mitmenschen.

Große Kehrwoche (1x / Quartal reicht):

  • Reduzierung der eigenen virtuellen Identitäten in sozialen Netzwerken auf maximal drei. Bei allen anderen: Konsequent abmelden.
  • Kappen aller virtuellen Nabelschnüre zu Kontakten, „Freunden“, „Kreisen“, Gruppen, die im derzeitigen physisch-leiblichen Leben keine Rolle mehr spielen. Entfreunden, entfolgen und abhaken.
  • Alle Newsletter auf Relevanz überprüfen, als Faustregel: Von 80% abmelden.

Mit diesen Maßnahmen ist ein Grundprogramm vorgeschlagen, mit dem man dauerhaft seinen virtuellen Raum in Schuss halten kann. Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg dürfte seinen Gefallen daran finden. Als Gestaltungsansatz ist vor allem eines wichtig: Müll vermeiden, wo es geht. Jedes nicht produzierte Dokument ist ein gutes Dokument. Jedes vermiedene CC ist ein Beitrag zum Umweltschutz.

Drei Fragen bleiben allerdings noch offen:

  • Wie heißt diese geometrische Figur, die an ein halbiertes Ei erinnert?
  • Wie können Grenzerfahrungen im virtuellen Raum erlebbar ausgestaltet werden, so dass man spüren kann, dass der Platz eng wird?
  • Welche weiteren Aktionen sollten in den Reinigungsplan mit aufgenommen werden?

Diesen Punkten werden wir weiter nachgehen. Im nächsten Posting geht es aber zunächst um die erotische Dimension in der Mensch-Maschine-Interaktion.

Karsten Wendland ist Leiter des Instituts für Informationsgestaltung und Komplexitätsreduktion ininko® (www.ininko.de) im Steinbeis-Verbund und Professor für Medieninformatik an der Hochschule Aalen. Seine aktuellen Arbeitsschwerpunkte sind Digitalisierung der Arbeitswelt, Informationsmanagement und Technikgestaltung. Hier finden Sie eine Übersicht über alle Gastbeiträge von Karsten Wendland im //SEIBERT/MEDIA-Blog