Mensch-Maschine-Interaktion (Teil 1)

Artikelbild auf der Übersichtsseite: smieyetracking unter CC-Lizenz

Seit Menschengedenken unterhalten Menschen enge Verhältnisse zu anderen Menschen sowie zur Natur mit ihrer Tier-, Pflanzen- und Mineralienwelt. Im Einzelnen können diese Verhältnisse sehr unterschiedliche ausgestaltet sein, beispielsweise erlaubt oder verboten, zugewandt, abgrenzend, ausnutzend oder gar leidenschafts-, bedingungs- oder tabulos.

Die Maschine ist zur potenziellen Beziehungsinstanz geworden

Mit der ersten Industriellen Revolution tauchten Ende des 18. Jahrhunderts erstmalig gänzlich neue Akteure auf der Weltbühne auf, wirkten auf diese Verhältnisse ein und gestalteten sie fortan mit: die Maschinen. Dampfmaschinen und Lokomotiven, mechanische Webstühle und Druckmaschinen brachten neue Möglichkeiten samt determinierender Rahmenbedingungen, die direkt oder indirekt auf die Ausgestaltung enger Verhältnisse der Menschen untereinander und mit der Natur Einfluss nahmen.

Mit der zweiten Industriellen Revolution, die durch Hochindustrialisierung und Einsetzen von Massenproduktion gekennzeichnet war, wurde etwa 100 Jahre später der Einfluss technischer Automatisierung auf den Menschen dominanter und strukturierender. Wer Arbeit und ein Auskommen haben wollte, musste sich vielfach den Produktionsbedingungen unterwerfen. Der Tagesablauf vollzog sich nicht mehr an Prozessen der Natur wie dem Sonnenauf- und -untergang oder dem Hahnenschrei in der Frühe, sondern an den plötzlich überall öffentlich aufgehängten Uhren und am Takt von Werkssirenen.

Die dritte Industrielle („digitale“) Revolution wird der Mikroelektronik zugeschrieben, deren Veränderungen auf Arbeits- und Lebenswelt die meisten von uns schon miterleben durften: Stärkere Automatisierung mit digitalen Steuerungen, Verbreitung von Arbeitsplatz-Computern, schließlich die Verbreitung des Internets, webbasierter Dienste und Dienstleistungen, bis hin – zurück zu unserem Ausgangspunkt – zur digital gestützten Organisation persönlicher enger Verhältnisse, wie wir sie heute beobachten können.

Zu den Beziehungsgeflechten zwischen Mensch und Mitmensch sowie Mensch und Natur hat sich die Maschine in den letzten 250 Jahren als potenzielle weitere Beziehungsinstanz hinzugesellt. Im Einzelfall ersetzt die Maschine sogar den Mitmenschen, ohne dass der Betreffende es merkt. Oder, weil er genau dies möchte.

Schon im Verlauf der ersten Industriellen Revolution hat E.T.A Hoffmann diese Tendenz erkannt und sie in seinem Roman Der Sandmann aufgegriffen. Er beschreibt darin den jungen Mann Nathanael, der sich in die junge Olimpia verliebt und dabei nicht merkt, dass es sich bei dieser um eine dem Naturvorbild nachempfundene mechanisch ausgestattete Holzpuppe handelt. Während er seine bisherige Freundin als „lebloses Automat“ betitelt, macht er Olimpia schließlich einen Heiratsantrag. Um es kurz zu machen: Nathanael verfällt mehrfach dem Wahnsinn und ist zum Schluss der Geschichte tot.

Enge Verhältnisse zu technischen Sachsystemen

Wenn wir in die jüngere Historie schauen, erkennen wir viele Nathanaels, die ein libidinöses Verhältnis zu technischen Geräten entwickelt haben und ihr leidenschaftliches Eros auf zunächst mechanische, dann automatisierte und heute auf digitale Systeme ausrichten.

So wissen wir von Waffenliebhabern, die ihre Susi ganz eng am Körper trugen, und von Autoliebhabern, die ihren Fahrzeugen Namen gaben, sie samstäglich wuschen und sie sonntags zur Spazierfahrt ausführten. Heute sehen wir Männer und Frauen, die viertelstündlich oder häufiger ihre Smartphones streicheln, ihnen ihre Geheimnisse anvertrauen und sie in Täschchen einkleiden.

Diese Hingabe und diese Begeisterung für technische Sachsysteme haben das Potenzial, schnell zu einem „engen Verhältnis“ mit Beziehungsstatus zu werden, das andere enge Verhältnisse zu Mitmenschen und zur Natur weit überragen und verdrängen kann. Nathanael hat seine Freundin verlassen und sich der Holzpuppe zugewandt. Der heutige vernetzte Mensch richtet den ersten Blick des Tages vielfach nicht auf den menschlichen Partner, die Kinder oder gar die aufgehenden Sonne, sondern auf das Smartphone. Neuerdings flüstert er sogar in seine Armbanduhr.

Der Computer als Vorbild für den Menschen

Wie kann das sein, dass Menschen sich in dieser Innigkeit Maschinen zuwenden? Ein Erklärungsversuch ist der folgende: Die Menschheit hat sich immer schon ihrer Umgebung angepasst und ihre Sozialstrukturen kontextuell und situativ weiterentwickelt. Über Jahrtausende war es die Natur, die es zu ertragen, zu beherrschen und schließlich zu gestalten galt.

Mit der ersten Industriellen Revolution haben sich die Menschen der mechanischen Automatismen angenommen und sie in ihre Denkweise integriert – also so denken zu können (und es auch zu tun), wie die Maschinen arbeiten. Mit der zweiten Industriellen Revolution kamen zeitliche Disziplinierung und Unterwerfung unter Betriebsstrukturen hinzu. Mit der dritten (mikroelektronisch-digitalen) Industriellen Revolution wurde das Denken in Wenn-dann-Regeln eingeübt und in die Selbstkonzepte der Menschen übernommen.

Der Darmstädter Pädagoge und Technikphilosph Werner Sesink hat in seiner Aufsatzsammlung In-formatio – Die Ein-Bildung des Computers anschaulich beschrieben, wie der Computer dem Menschen zum Vorbild wird und wie dieser Strukturen und Funktionsprinzipien des Computers in sich ab-bildet, sie also in sich hinein bildet. Und dort stehen wir heute, die Auswirkungen der vierten Industriellen Revolution (Industrie 4.0) am Horizont erahnend.

Vor diesem Hintergrund ist auch erklärbar, warum Menschen ihr leidenschaftlich-begeistertes Eros ernsthaft auf Maschinen richten können: Weil sie in den letzten 200 Jahren jeweils gelernt haben, wie Maschinen zu handeln und wie Maschinen zu sein, indem sie deren Konzepte in sich selbst hineinbildeten und integrierten. Die Attraktivität eines Smartphones etwa, die gefühlten Gemeinsamkeiten und die Zuwendung vom Mensch zum technischen Sachsystem können so um ein Vielfaches intensiver werden als jene zum technologisch rückständigen menschlichen Partner. Warum? Weil man Spezifika des Smartphones in sich selbst erkennt, und Wesenszüge von sich selbst im Smartphone wiederfindet. Gleich und gleich gesellt sich gern.

Auf dem Weg zur technologischen Mensch-Maschine-Symbiose

Das beschriebene Phänomen haben wir in den letzten Zeilen beispielhaft am Smartphone abgearbeitet – es lässt sich derzeit aber genauso im Web, im Smart Home und in der Smart Factory beobachten. Wer diese aktiv mitgestaltet, bildet seine Vorstellungen in digital-vernetzten Strukturen ab und deren Optionen und Vorgaben wiederum gleichermaßen in sich selbst hinein. Wer sie nutzt, übergibt sich diesen Umgebungen und füllt sie so mit Leben, dass es schließlich widerspruchsfrei passt. Eine Wahlverwandtschaft auf dem fortschreitenden Weg zur technologischen Symbiose von Mensch und Maschine.

E.T.A. Hofmann hat im Sandmann noch das Motiv des „Pespektivs“ verarbeitet, durch das hindurch man in die Welt hinein- bzw. hinausblickt. Den technologischen Schritt vom optomechanischen Fernrohr über Bildschirm und LCD hin zu aktuellen vernetzten Augenimplantaten werden wir in einem Folgeartikel zur Mensch-Maschine-Interaktion aufgreifen. Wer sich näher für das Wechselverhältnis von Mensch und Maschine interessiert, findet im angesprochenen Buch von Werner Sesink viele Denkanstöße und Anregungen.

Was der Einzelne tun kann, um seine engen Verhältnisse zu Menschen und zur Natur zu bewahren oder zu stärken, ist relativ einfach: Hin und wieder die eigene Denk- und Handlungsweise überprüfen und sich dabei ertappen, wenn man denkt, handelt oder „tickt“ wie eine zeitgemäße vernetzte digitale Maschine. Dies selbst zu bemerken, reicht als Änderungsimpuls vielfach aus.

Drei Fragen bleiben allerdings noch offen:

  • Was können wir mittelfristig von der vierten Industriellen Revolution (Industrie 4.0) hinsichtlich der Ausgestaltung enger Verhältnisse von Menschen untereinander erwarten?
  • Welche Bereitschaft hat der Mensch, zunehmend mit technischen Systemen zu verschmelzen, sie also beispielsweise nicht mehr am, sondern im Körper zu tragen?
  • Wie wäre es damit, die Menschen radikal komplett zu virtualisieren? Transhumanismus als fünfte Industrielle Revolution?

Diesen Punkten werden wir weiter nachgehen. Im nächsten Beitrag geht es aber erstmal um den profanen Ärger, der mit der CC-Schwemme im E-Mail-Verkehr einher geht.

Karsten Wendland ist Leiter des Instituts für Informationsgestaltung und Komplexitätsreduktion ininko® (www.ininko.de) im Steinbeis-Verbund und Professor für Medieninformatik an der Hochschule Aalen. Seine aktuellen Arbeitsschwerpunkte sind Digitalisierung der Arbeitswelt, Informationsmanagement und Technikgestaltung. Hier finden Sie eine Übersicht über alle Gastbeiträge von Karsten Wendland im //SEIBERT/MEDIA-Blog