Bootstrapping + Lean Startup = Low-burn-Startup (Teil 1)

Es ist nicht dasselbe, aber Bootstrapping und Lean Startup ergänzen sich ziemlich gut. Beide decken Techniken zum Aufbau von Low-burn-Startups ab, die Verschwendung durch die Maximierung der bestehenden Ressourcen eliminieren, ehe sie Bemühungen hinsichtlich der Akquise neuer oder externer Ressourcen unternehmen.

Während Bootstrapping eine strategische Roadmap zum Erreichen von Zukunftsfähigkeit durch Kundenfinanzierung (also zahlende Kunden) bietet, steht das Lean-Startup-Konzept für einen eher taktischen Ansatz, um diese Ziele durch validiertes Lernen von Kunden zu erreichen.

Doch bevor wir hier einsteigen, möchte ich einige der üblichen Missverständnisse im Hinblick auf beide Ansätze zerstreuen.

Mythos: Lean Startups sind billige Startups

Diese Charakterisierung ist nicht komplett falsch. Sie fängt aber nur ein kleines Stück dessen ein, worum es bei Lean geht. Eric Ries hat den Begriff aus dem Lean Thinking vereinnahmt, das aus dem produzierenden Gewerbe kommt.

Lean bedeutet nicht, billig zu sein, sondern effizient mit Ressourcen umzugehen.

Geld ist nur eine dieser Ressourcen, und es gibt eine Zeit, sparsam zu sein (vor dem Product/Market Fit), und eine Zeit, Geld auszugeben (nach dem Product/Market Fit). Unsere knappste Ressource ist allerdings Zeit.

Ein Lean Startup optimiert das Lernen, was pro Zeiteinheit am riskantesten für das Geschäftsmodell ist.

Doch selbst in den frühen Stadien, in denen wir Optimierungen im Hinblick auf Zeit, Geld und Aufwand vornehmen, assoziieren Leute Lean und speziell das Konzept des Minimum Viable Product (MVP) mit einem billigen und schnellen Release 1.0.

Bei einem MVP geht es nicht um billig und schnell, sondern um billiger und schneller als die Alternative. Nehmen wir das folgende MVP von Litmotors:

Lit MVP

Die Alternative wäre gewesen, Millionen Dollar Finanzierung zu generieren, Partner zu finden und ein straßengeeignetes Vehikel zu bauen, was das Unternehmen konservativ geschätzt zwei Jahre gekostet hätte.

Stattdessen trieb das Gründerteam eine kleine Seed-Runde auf und baute per Hand das erste MVP in einer gemieteten Garage. Sie brauchten zwölf Wochen bis zur Fertigstellung des MVP (das nach Robocop aussehende Ding im unteren Teil des Fotos), was sie in die Lage versetzte, genügend Vorauszahlungen seitens der Early Adopter zu generieren und die Produktion von Kleinserien voranzutreiben (das fertige Fahrzeug im oberen Teil des Bildes.)

MVP-Direktive: Rasen, um Value auszuliefern.

Mythos: Bootstrapping-Startups besorgen sich nie Geld

Die meisten Bootstrapping-Startups beginnen mit irgendeiner Form des Self-Fundings (Schweiß-Kapital, Kreditkarten, Erspartes usw.) und arbeiten sich in Richtung Zukunftsfähigkeit durch kundenakquirierte Finanzierung vor. Je nach Typ und Stadium des Startups können allerdings auch Bootstrapping-Unternehmen zusätzliches Kapital generieren, sofern sie das zum Wachsen brauchen, und sie tun das auch.

Right Action, Right Time
Ich habe bislang alle meine Unternehmen eigenfinanziert und über Bootstrapping eine Menge von Bijoy Goswami gelernt, dem Gründer von Bootstrap Austin. Bijoy beschränkt Bootstrapping nicht auf die übliche Definition des Ein-Unternehmen-ohne-externe-Finanzierung-Aufbauens, sondern betrachtet Bootstrapping als eine Philosophie, die sich mit 'Right Action, Right Time' zusammenfassen lässt.

Dieses Mantra passt auf Lean Startups gleichermaßen gut wie auf Bootstrapping: In jedem Stadium des Startups gibt es ein Reihe von Aktionen, die für das Startup insofern 'richtig' sind, dass sie die Erträge von Zeit, Geld und Aufwand maximieren. Ein Entrepreneur (Lean oder Bootstrapper) ignoriert alles andere.

Während Bootsrapping- und Lean-Startup-Techniken nicht nur aufs Funding limitiert sind, ist Finanzierung doch eines der ersten Probleme, das Entrepreneure tangiert. Viele (vor allem erstmalige) Entrepreneure haben das Gefühl, dass Schritt 1 darin besteht, einen Business-Plan zu schreiben und finanziert zu werden. Aber alles, was man in den ersten Stadien eines Startups braucht, sind eine Vision und eine Reihe nicht getesteter Schätzungen. Dies ohne jedes Maß an Validierung an Investoren zu verkaufen, ist eine Form von Verschwendung.

Verschwendung ist jede menschliche Aktivität, die Ressourcen verbraucht, aber keinen Wert erschafft.
– James Womack

Warum verfrühtes Fundraising Verschwendung ist

Finanziert zu werden, ist keine Validierung
Seed-Stage-Investoren sind genauso schlecht wie wir darin zu schätzen, welche Produkte erfolgreich sein werden. Ohne irgendeine Produktvalidierung, auf die man bauen kann, sichern sie ihre Wetten gegen unsere frühere Erfolgsbilanz und unsere Fähigkeiten im Geschichten-Erzählen ab. In dieser Phase Finanzierung zu generieren, ist zwar eine Wertschätzung unserer Teambuilding- und Pitching-Fähigkeiten, aber es ist keine Produktvalidierung.

Alles wird zehn Mal so teuer
Funding ist keine Wohltätigkeit, sondern ein hohes Darlehen. Wir müssen diese Investition um das Zehnfache zurückgeben. Das Firmenhandy, das uns vor dem Funding 100 Dollar pro Monat gekostet hat, kostet uns nun 1.000 Dollar!

Ohne Validierung keine Hebelwirkung
Noch wichtiger: Ohne Validierung haben wir keine Produkt-/Markt-Credibility, was üblicherweise seinen Preis hat und sich in niedrigeren Bewertungen und in Konditionenvereinbarungen, die die Investoren bevorteilen, widerspiegelt.

Investoren messen Fortschritt anders
Während in einem Lean Startup validiertes Lernen das Maß für Fortschritt ist, messen die meisten Investoren Fortschritt in Wachstum. Beides in den frühen Phasen eines Startups unter einen Hut zu bringen (wenn der Hockeyschläger noch überwiegend flach ist), kann höchst herausfordernd und ablenkend sein.

Finanziert zu werden, dauert immer länger als gedacht
Zeit ist wertvoller als Geld. Würden wir lieber sechs Monate in Pitches mit Investoren verbringen, sodass wir eine Geschichte weiterentwickeln können, die auf einem ungetesteten Produkt basiert, oder lieber Zeit in Kunden investieren, sodass wir eine glaubwürdige Geschichte erzählen können, die auf einem getesteten Produkt basiert?

Frühe Traction ist Voraussetzung
Viele der Investoren möchten sehen, dass wir ein wenig frühe Zugkraft (Traction) demonstrieren, ehe sie unsere Bewerbung auch nur erwägen. Das durchschnittliche Unternehmen, das Y Combinator beitritt, generiert 1.000 Dollar pro Monat Kundenumsatz.

Traction sagt mehr als Worte.

Zu viel Geld kann tatsächlich schmerzhaft sein
Geld ist ein Beschleuniger, keine Wunderwaffe. Mit Geld können wir mehr von dem tun, was wir aktuell machen, aber das nicht unbedingt besser. Wenn wir beispielsweise ein MVP bauen, könnte mehr Geld uns dazu verleiten, mehr Leute einzustellen und abzuwarten, um mehr Features zu entwickeln, und beides kann tatsächlich schädlich sein und uns definitiv abbremsen.

Beschränkungen treiben Innovationen an, aber noch wichtiger: Sie forcieren Aktionen. Mit weniger Geld müssen wir weniger bauen, bekommen es schneller unter die Leute und lernen schneller.

Erfolgreiche Startups sind diejenigen, die es schaffen, genügend oft zu iterieren, ehe ihnen die Ressourcen ausgehen. Die Zeit zwischen diesen Iterationen ist fundamental.
– Eric Ries

Was ist mit Beratung und Connections?
Fundraising ist nicht der einzige Weg, um guten Rat zu bekommen. Wir können und sollten früh damit anfangen, ein facettenreiches Gremium an Beratern aufzubauen, das sich aus Kunden sowie technischen und Business-Beratern zusammensetzt. Viele freuen sich, wenn man sie fragt, andere fordern einen kleinen Anteil, um eine Beziehung zu formalisieren.

Zu starten ist billiger denn je
Die gute Nachricht lautet, dass es einfacher als je zuvor ist, ein Unternehmen zu starten. Wir brauchen nicht jede Menge Kapital, um damit zu beginnen, ein MVP zu definieren, zu bauen und sogar in Richtung Product/Market Fit zu iterieren.

Wir brauchen keine Erlaubnis, um zu starten.

Im zweiten Teil des Artikels geht es um den richtigen Zeitpunkt des Fundraisings.

Dieser Artikel wurde im Original am 17. Dezember 2015 unter dem Titel Bootstrapping + Lean Startup = Low-burn Startup von Ash Maurya veröffentlicht. Ash Maurya gehört zu den führenden Köpfen der internationalen Gründerszene und ist einer der renommiertesten Experten für Lean Startup und Customer Development. Seinen Weblog finden Sie unter http://leanstack.com. Die Website seines Unternehmens Spark59 erreichen Sie unter http://spark59.com. Mehr Fachartikel bietet unser Lean-Special.