SchnuddelApp 4.0 – Über die Kommunikation zwischen Mensch und Chat-Programm

Ende der 60-er Jahre des letzten Jahrhunderts erfand der berühmte Informatiker Joseph Weizenbaum ein Chat-ähnliches Computerprogramm, das er „Eliza“ taufte und das dem Benutzer vorgaukelte, am anderen Ende der Leitung mit einem Psychiater verbunden zu sein. Das einzige, was dieses Programm konnte, war, kurze Texte zu produzieren – vielfach in Form von Rückfragen, in denen bestimmte Schlüsselwörter wieder eingebaut waren, die der Dialogpartner seinerseits direkt zuvor eingetippt hatte. So ging es dann hin und her. Weizenbaums Sekretärin ging der Sache angeblich sofort auf den Leim und tippte ihre Sorgen fleißig in die Tastatur. Interessant wurde die Angelegenheit, als auch andere Testbenutzer – eigentlich fast alle – in den vertrauensvollen Dialog einstiegen und ihr Herz ausschütteten, ohne Verdacht zu schöpfen.

Diese Geschichte wurde schon oft berichtet und auch von Weizenbaum selbst gerne, variantenreich und mit großer Hingabe erzählt. Sie war Anlass für mehrere Bücher (etwa: „Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft“), für kritische Auseinandersetzungen innerhalb der Informatik-Communities über die Naivität, Dummheit oder Gutgläubigkeit von „Usern“ und auch über die eigene Verantwortung als Macher solcher Produkte.

Mit etwas historischem Abstand betrachtet bringt die alte Geschichte zwei Aspekte zum Vorschein, die bis heute höchst relevant geblieben sind:

  1. Offenbar schlummert eine Sehnsucht in vielen Menschen, sich jenen unbeschwert anzuvertrauen, die a) zuhören, b) nicht widersprechen und c) weit genug weg sind.
  2. Der entstehende Dialog kann auch bei geringem Antwortrepertoire sehr intensiv werden. Besondere Wirksamkeit stellt sich offenbar ein, wenn die Menschen wohldosiert ihre eigenen Formulierungen zurückgespiegelt bekommen.

Dieses Konzept ist so simpel, dass es naheliegend ist, es zu automatisieren und mit einem cleveren Geschäftsmodell zu hinterlegen: die App, die einem nach dem Mund redet. Sie trifft offenkundig ein Bedürfnis, entlastet Mitmenschen vom Zuhören und stiftet gleichzeitig Wohlbehagen und Sicherheit. Durch ihr spiegelndes Antwortverhalten wirkt sie auf den Benutzer sympathisch und intelligent.

Als Markteintrittsstrategie für eine solche App ließe sich mit dem skizzierten Mechanismus eine kostenfreie Variante für den Massenmarkt der Durchschnittsmenschen ableiten: die App, die einfach das Gespräch am Laufen hält. Egal, worum es geht. Anschlussfähigkeit hierzu gibt es reichlich, und einige Gegenden bieten sich aufgrund ihrer historisch gewachsenen Regiokultur als unmittelbare Testmärkte an (UX-Evaluation).

In die engere Wahl käme beispielsweise der Kurhessische Raum, dessen Bewohnern es sehr leicht fällt, akustische Leere spontan mit zwar belanglosen, aber sympathieerhaltenden Gesprächssträngen zu füllen. Dort, im Märchenland der Gebrüder Grimm, ehemaliges Zonenrandgebiet, linke Seite, wird diese Gesprächsform „Schnuddeln“ genant. Man schnuddelt spontan, anlassbezogen oder verabredet sich sogar zum Schnuddeln.

Inspiriert von Weizenbaums dereinstigen ELIZA-Versuchen und vor dem Hintergrund der Automatisierungstendenzen der Gegenwart wäre eine Digitale Transformation des Schnuddelns eine sowohl innovative Konsequenz als auch clevere Geschäftsidee: Schnuddeln 4.0 sozusagen, implementiert als SchnuddelApp für alle gängigen Plattformen.

Das Leistungsspektrum einer kostenfreien Variante der SchnuddelApp zum Markteintritt könnte aus folgenden hinterlegten Dialogbeiträgen bestehen:

  • „Ach!“
  • „Ach, das wusste ich ja noch gar nicht!“
  • „Das habe ich ja noch nie gehört!“
  • „Das ist ja interessant!“
  • „Die Meinungen dazu sind ja sehr unterschiedlich…“
  • „Und dann?“
  • „Meinste?“
  • „Toll!“

Damit wäre berücksichtigt, dass die Beiträge den Dialogverlauf stützen, den Dialogpartner bei der Stange halten und das Gespräch immer etwas weiter stupsen. Die App-Antworten sollten auf keinen Fall irritieren und nur insoweit behutsam zur Reflexion anregen, dass der Gesprächsverlauf verlängert wird.

Die kostenpflichtige Variante der SchnuddelApp würde Adjektive aus den vorangegangenen Benutzeraussagen aufgreifen und einbauen. Ebenso sollte der Anwender eine Zielregion hinterlegen können, über die die App auf ein entsprechendes Vokabular und regionalisierte Metaphern zurückgreifen kann.

In der Praxis könnte ein SchnuddelApp-gestützter Messenger-Dialog dann beispielsweise so verlaufen:

Tochter: Bin angekommen
(Die Mutter aktiviert die SchnuddelApp.)
SchnuddelApp: Ach, das wusste ich ja noch gar nicht!
Tochter: War viel los auf der Straße
SchnuddelApp: Das ist ja interessant!
Tochter: Jaja, viele Sonntagsfahrer
SchnuddelApp: Die Meinungen dazu sind ja sehr unterschiedlich…
Tochter: Müsste jetzt mal aufräumen hier in der Bude. 🙁
SchnuddelApp: Und dann?
Tochter: Dann mache ich mir noch einen faulen Abend!
SchnuddelApp: Toll!

Würde nach dem Markteintritt nur 0,1 % (= jeder Tausendste) der aktuellen Bevölkerung Deutschlands die kostenpflichtige App nutzen, ergäbe dies bei 0,49 Euro pro Installation einen Umsatz von ungefähr 40.000 Euro. Erweitert man auf den gesamten deutschsprachigen Raum und bietet die App für 2,59 Euro an, entspricht der erwartbare Umsatz dem Gegenwert eines stattlichen Einfamilienhauses mit Pool im Kurhessischen oder einer kleinen Eigentumswohnung in Berlin.

Es könnte sich also lohnen, an diesem Thema dranzubleiben. Beim Deutschen Patent- und Markenamt ist „SchnuddelApp“ zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels als Wortmarke noch frei – wer schnell ist, kann Nägel mit Köpfen machen.

Drei Fragen bleiben allerdings noch offen:

  • Was tun die Leute, die plötzlich wieder mehr zu füllende Zeit haben, weil die SchnuddelApp ihnen das Schnuddeln abnimmt?
  • Könnte es sein, dass Mobilfunk-Provider oder Therapeuten bereits SchnuddelApps betreiben und vom Klienten unbemerkt in laufende Kommunikation einbinden, um diese aufzuwerten?
  • Welche Kulturtechniken rücken mittelfristig nach, wenn das fortan digital transformierte Schnuddeln ihnen Platz macht?

Als Jo Weizenbaum Eliza erschuf und erprobte, wurden ihre erfinderische Höhe, ihre Alltagstauglichkeit und ihre langfristige Bedeutung von der Fachwelt kaum erkannt. Nun, ein halbes Jahrhundert später, kann dies endlich nachgeholt werden – manifestiert in einer SchnuddelApp 4.0.

Im nächsten Blog-Artikel geht es um Intranet-Namen, Teil II.

Karsten Wendland ist Leiter des Instituts für Informationsgestaltung und Komplexitätsreduktion ininko® (www.ininko.de) im Steinbeis-Verbund und Professor für Medieninformatik an der Hochschule Aalen. Seine aktuellen Arbeitsschwerpunkte sind Digitalisierung der Arbeitswelt, Informationsmanagement und Technikgestaltung. Hier finden Sie eine Übersicht über alle Gastbeiträge von Karsten Wendland im //SEIBERT/MEDIA-Blog

Artikelbild auf der Vorschauseite aus Wikipedia: Der ursprünglich hochladende Benutzer war Ysangkok in der Wikipedia auf Englisch. He was also the original author. – Übertragen aus en.wikipedia nach Commons., GPL, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2236326