Das Intranet stirbt!

In den Neunzigern war die Rede vom Client-Server-Modell mit Software auf dem PC. Doch mit dem World Wide Web kamen Webanwendungen und zunächst der Netscape Navigator und danach der Internet Explorer. Dann kamen Mozilla Firefox und Google Chrome. Und dann kamen die Apps. Mit zeitlichem Verzug wanderte diese Entwicklung auch in die Unternehmen. Droht also dem klassischen Intranet der Tod?

Rich Wood beschreibt auf CMS Wire das Ende des klassischen alten Intranets im Browser: „The hoary old concept of the intranet is dying.“

The very idea that we’re still doing old-fashioned, browser-based, news-publishing intranets in the mobile era is downright antiquated. They’re no different than rotary-dial phones. And they’re going the same direction as your old olive-drab rotary phone did — and as a result of the same technologies.

(Endangered Species: The Corporate Intranet)

Unternehmen sind bisher immer sehr konservativ („notoriously conservative“) in der Art, wie sie Technologie kaufen, ausrollen und adaptieren (und dazu gehört auch der Browser). Lange Zeit wurde gerade alles, was mit Internet oder gar Intranet zu tun hat, stiefmütterlich behandelt. Immer noch soll es Unternehmen geben, in denen der Internet Explorer 6 aus dem Jahr 2001 State of the Art ist. Ich stimme Wood auch aus eigener Erfahrung gerne zu. Das betrifft besonders das Intranet. Inzwischen allerdings haben auch viele Unternehmen das Potenzial eines Intranets für Kommunikation und Kollaboration erkannt.

Schuld daran ist nicht zuletzt die „Appifizierung“ im Consumer-Bereich, angestoßen durch das iPhone und den App Store im Jahr 2007. Gleichzeitig trat die Cloud ihren Siegeszug an – ebenfalls lange Zeit zunächst nur im Consumer-Bereich. Doch die Nachfrage nach ständig verfügbaren Apps erforderte eine Dezentralisierung und eine wesentlich höhere Verfügbarkeit als dies zuvor im Konsumentenbereich üblich war. Im Unternehmensbereich nehmen die Verbreitung von mobilen Apps und der Einsatz von zuverlässigen Cloud-Lösungen zu (siehe auch Consumerization).

Das Intranet ist seiner Nische als Top-down-Wasserfall-Kommunikationstool entwachsen und dient in vielen Unternehmen als Infrastruktur

Das moderne Intranet soll letztendlich das Unternehmen und seine Mitarbeiter produktiver machen.

Das mobile Intranet

Mitarbeiter sind immer häufiger von zu Hause aus oder mobil tätig (Bitkom: Studie Arbeit 3.0). Das Intranet muss folglich für die Mitarbeiter überall erreichbar sein. Das Intranet muss mobil sein. Das gelingt nicht, indem Inhalte einfach nur durch responsives Design auch auf einem Mobilgerät betrachtet oder „ein bisschen, aber nicht immer“ editiert werden können.

Gerade die Zusammenarbeit und das Bearbeiten von Informationen (damit Wissen anwendbar wird) erfordern die Unterstützung von Transaktionen – genauso wie dies Geschäftsanwendungen erfordern. Mobile Apps kapseln geradezu diese geschäftlichen oder kollaborativen Transaktionen in kleine Benutzeraktionen.

Das Intranet in der Cloud

Wenn Mitarbeiter mobil sind, dann muss auch das Intranet überall und zu einem akzeptablen Preis verfügbar sein. Abhängig von der Größe des Unternehmens, werden Unternehmen entweder auf eine eigene Cloud-Lösung oder auf eine von einem Anbieter zur Verfügung gestellte Cloud-Lösung zurückgreifen. Nicht jedes Unternehmen kann es sich beispielsweise leisten, für ein paar dutzend oder wenige hundert Mitarbeiter ein eigenes Rechenzentrum inklusive des Mitarbeiter-Know-hows für alle Lösungen im Unternehmen vorzuhalten.

Dabei geht es nicht darum, alle Anwendungen und Daten aus der eigenen Hand zu geben. Doch je nach Anwendung und Rechtslage ist es oft sinnvoller, auf eine Cloud-Lösung (gegebenenfalls in einer entsprechenden Mischform) zurückzugreifen – oder eben nicht.

Mobile First und Cloud First

Rich Wood nimmt in seinem Artikel Bezug auf die Entwicklung von Google und Microsoft. Anhand von unterschiedlichen Funktionen zeigt Wood verschiedene Microsoft-Dienste und beschreibt, wie sie in der Lage sind, das klassische Intranet in diesen Bereichen zu ersetzen:

  • Social Sharing
  • Knowledge Base
  • News Publishing
  • Enterprise Search
  • Document Authoring and Collaboration
  • One-to-One Messaging
  • Group Messaging
  • Voice and Video

Wood versieht alle Dienste entweder mit einem klaren Yes oder einem Almost hinsichtlich ihrer Fähigkeit, das klassische Intranet ersetzen zu können. SharePoint sieht er dabei nicht als veraltete Plattform, sondern als Teil der Cloud-Dienste. („SharePoint isn’t dead, it’s part of the back end platform.“)

Microsoft ist für Wood dabei nur ein Beispiel:

Whether those services are provided by Microsoft, Google, IBM or someone else, whether the apps are built and marketed by the major software players or their partners, it really doesn’t matter. It’s a great big wave, a tsunami really, and it’s coming.

Satya Nadella, seit 2014 CEO und Nachfolger von Steve Ballmer, hat diese Entwicklung bereits erkannt und im Juli 2014 die Neuausrichtung Microsofts auf zwei Welten und ein Ziel angekündigt (Hervorhebungen von mir):

At our core, Microsoft is the productivity and platform company for the mobile-first and cloud-first world. We will reinvent productivity to empower every person and every organization on the planet to do more and achieve more.

(Starting FY15 – Bold Ambition & Our Core, siehe auch auf auf Fastcompany Satya Nadella’s Microsoft Wants To Make Productivity Sexy, Inspiring, And Futuristic)

Das klassische Intranet stirbt

Letztendlich geht es nicht darum, ob das Intranet des Unternehmens im Browser zu sehen ist, sondern darum, was eigentlich ein Intranet ist. Für ein Intranet braucht es keinen Browser, sondern Anwendungen, die Benutzer im jeweiligen Kontext von Ort und Zeit einsetzen können.

Solange Displays und Eingabegeräte an eine physische Größe gebunden sind, solange wird es Intranet-Anwendungen klassisch im Browser geben. Zwar gibt es Ansätze wie Google Glass, um die Anzeige von Inhalten von einer Fläche wie einem LED-Display zu lösen, doch weder taugen sie für die Darstellung umfangreicher Inhalte, noch sind sie derzeit massentauglich. Gleiches trifft auf Eingabeverfahren wie Sprachsteuerung zu. Irgendwann mag das Intranet über Brain-Computer-Interfaces direkt im Kopf angezeigt und gesteuert werden, aber das ist Zukunftsmusik.

Spätestens bis dahin wird es noch ein klassisches Intranet im Browser geben. Aber es wird für Anbieter ohne eine wirklich Mobile- und Cloud-fähige Lösung immer schwieriger werden, diese Lösung an Unternehmen zu verkaufen. Wenn Mitarbeiter „ihr“ Intranet nicht jederzeit und überall ausfallsicher nutzen können, dann werden sie es nicht nutzen.

Das klassische Intranet stirbt, es ist nur noch nicht tot.

Frank Hamm ist Berater für Kommunikation und Kollaboration und unterstützt Unternehmen bei ihrem Weg in der digitalen Transformation. Seit 2005 schreibt er im INJELEA-Blog über Social Business, Intranet, Enterprise 2.0 und Unternehmenskommunikation. Hamm ist bekennender Nexialist und begleitet seine Beobachtungen als Der Schreibende. Weitere Artikel von Frank Hamm finden Sie in unserem Intranet-Special.

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