Digitale Kommunikation: Kann völlige Transparenz zum Problem werden?

Eine peinliche Situation. Ich saß mit Kollegen in der Kantine, die Tischgruppen sind dort durch Stellwände voneinander getrennt. Wie so oft kam das Gespräch auf unseren Chef, und wir hielten uns nicht zurück bezüglich unserer Meinung über das, was er unter Führung verstand. Es war ein unterhaltsames Mittagessen – bis wir uns erhoben und um die Stellwand herum mit unseren Tabletts zum Ausgang streben. Am Nachbartisch saß eben jener Chef – in Hörweite. Nicht, dass wir uns wirklich Sorgen machten, dafür war sein Ruf auch in den oberen Etagen zu schlecht. Aber unangenehm war es trotzdem

Ähnlich peinlich war die folgende Begebenheit: Ein Seminar, auf dem der Vortragende sich ziemlich viel Mühe gab, die Zuhörer zu langweilen. Es war so öde, dass viele von uns in eine alte Gewohnheit verfielen und den Notizblock mit Ornamenten verzierten. Ich hatte mir damals schon angewöhnt, Notizen über meine Beobachtungen zu machen – wer weiß, wozu man sie mal gebrauchen konnte.

Damals standen auf meinem Block Dinge zu lesen wie: “Ein schönes Beispiel für die Kunst, ein eigentlich hochinteressantes Thema zu vernichten.” – “Es gibt Referenten, die würden aus einem Thriller ein Schlafmittel machen.” – “Man müsste dafür Honorar erhalten, statt eine Teilnehmergebühr zu entrichten.”

In der Pause ließ ich den Block auf dem Tisch liegen, und als ich in den Raum zurückkehrte, sah ich den Referenten neben meinem Tisch stehen und angeregt meine Notizen studieren.

Für immer aufbewahrt

Es war schon immer riskant, Dinge zu äußern, ob mündlich oder schriftlich, die nicht für denjenigen bestimmt sind, um den es geht. Verheerend aber kann es sein, wenn diese Dinge einem größeren Verteiler zugänglich gemacht werden. Die Beispiele, dass jemand aus Versehen ein E-Mail im ganzen Unternehmen herumschickt, in der er Pikantes über seinen Chef berichtet, illustrieren das. Im Zeitalter der Chat-Apps wie Whatsapp, wo man Mitglied in vielen Gruppen ist, kann es leicht passieren, dass man jemanden antworten möchte, aber noch im “falschen” Chat steckt. Schwups, macht die Botschaft die Runde.

Was mein Chef von meinen Kantinengesprächen mitbekommen hat, hat er möglicherweise weitergegeben. Der Referent des Seminars den Inhalt meiner Kritzeleien eher nicht, zumindest hatte er keine Kopie des Blattes. Aber was elektronisch in der Welt ist, bleibt dort und kann ohne Aufwand multipliziert werden. Die genannten Beispiele dürften dabei die Ausnahme sein, sie sind der Stoff für Anekdoten. Aber wem ist bewusst, dass alles, was er per Tastatur oder immer häufiger auch über Spracherkennung in die digitalen Geräte gibt, im günstigsten Fall von demjenigen gelesen wird, für den es bestimmt war?

Ich habe kürzlich über das Thema mit jungen Leuten diskutiert, die überhaupt kein Problem darin sahen. Ich habe gefragt, ob ihnen klar ist, das Facebook alles, was sie über Whatsapp austauschen, mitlesen kann – es für immer gespeichert hat.

Antwort: “Was soll denn passieren? Was ich schreibe, kann ruhig jeder lesen, ist doch nichts Illegales.” Was auch immer ich als Argument anführte – ich erntete Unverständnis.

Völlige Transparenz?

Was kommt als nächstes? Wenn ich das richtig verstehe, ist das Ende der E-Mail bereits eingeläutet. Moderne Kollaborations-Tools ersetzen das antiquierte Kommunikationsmittel. Menschen bewegen sich auf gemeinsamen Plattformen, kommunizieren miteinander über Länder und Grenzen hinweg. Was bisher als Mail zwischen Einzelnen hin und her ging, wird allen, die es interessieren könnte, zur Verfügung gestellt. Eine höchst sinnvolle Vorgehensweise, ohne Frage. Denn der eine, den ich per Mail erreiche, könnte die Lösung für mein Problem haben. Hat er sie nicht, suche ich weiter. Mit Hilfe von Atlassian, Yammer, Slack, Trello oder Google Docs hingegen denken viele mit, liefern vielleicht nicht die eine Lösung, aber steuern Ideen bei, geben Anregungen, die wiederum irgendwann doch zu Lösungen führen. Das ist die eine Seite.

Die andere: Welche ungeahnten Möglichkeiten bieten diese vielen Beiträge! Da sie ja, anders als vielleicht noch bei Mails oder SMS-Nachrichten, bewusst öffentlich getätigt werden – warum sollte man sie nicht von Algorithmen durchsuchen lassen, Stichwort Big Data. Vielleicht findet man auf diese Weise das Genie unter den Mitarbeitern, denjenigen, der die entscheidenden Tipps gibt. Oder auch denjenigen, der alle ständig in die Irre führt, nur aufhält und ihnen die Zeit stiehlt?

Was passiert, wenn der Einzelne sich “zu wenig” beteiligt? Wenn die Menge seiner Kommentare darauf hindeutet, dass er nicht extrovertiert genug ist? Wenn seine Beiträge nicht die richtigen “Keywords” enthalten? Oder er zu viele Begriffe, die statistisch gesehen auf eine unerwünschte Persönlichkeit schließen lassen, verwendet? Wenn er sich zwar regelmäßig beteiligt, zufällig aber nicht an den Projekten, die sich später als ungemein erfolgreich herausgestellt haben? Oder umgekehrt: überproportional sich engagiert hat bei Aufgaben, die zum Flop wurden?

Ich sehe Gespenster? Möglicherweise. Aber sind Sie da sicher?

Artikelbild auf der Startseite: Magnifying glass 1/5 von John Lester unter CC-Lizenz (Flickr).

Johannes Thönneßen ist Berater, Gründer und Autor (Profil und Website). Er ist Inhaber und Geschäftsführer der MWonline GmbH und betreibt das Management-Informationportal managementwissenonline.de.

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