UX-Design-Prinzipien, die sich herauskristallisieren: Das Rebellengeheimnis für bessere Design-Entscheidungen

Vor vielen Äonen…

In einem Konferenzraum weit, weit entfernt ging ein Rebellenteam die Ergebnisse der letzten Usability-Tests durch. Sie hatten Leute dabei beobachtet, wie sie mit dem neuesten Betriebssystem des Imperiums starteten: Windows Vista. Nun waren diese Rebellen auf die Verbesserungen fokussiert, die später zu Windows 7 Desktop werden sollten. Sie hatten gesehen, wie perplex und frustriert mit Vista nicht vertraute Nutzer waren, als sie von all den Einstellungen und Konfigurationsoptionen erschlagen wurden, die nötig waren, um loszulegen.

In diesem Moment wurde ein neuen Design-Prinzip geboren: UX vor Knöpfen und Fragen. Für das neue System würde sich das Rebellenteam darauf konzentrieren, den Umfang an Fragen herunterzufahren und Wert an die Nutzer auszuliefern, ohne dass sie Dinge konfigurieren müssen.

Ein paar Jahre später…

In einem anderen Unternehmen war ein anderes Rebellenteam gerade von mehreren Feldstudien zurückgekehrt. Sie hatten Nutzer dabei beobachtet, wie sie mit der neuesten Version ihrer Kassen-Software für kleine Unternehmen interagierten.

Als die Rebellen ihr Notizen verglichen, stellten sie fest, dass sie viele Bugs in der eingesetzten Software gesehen hatten. Viele der Bugs, die während der Feldstudien aufgefallen waren, hatten sich bei ihren eigenen Tests nicht gezeigt; sie waren also neu für das Team. Ihnen wurde bewusst, wie kaputt ihr QS-Prozess eigentlich war.

In diesem Moment wurde ein weiteres neues Design-Prinzip geboren: Feinschliff vor neuen Features. Das Rebellenteam erkannte, dass es so versessen darauf gewesen war, neue Funktionen auszuliefern, dass sie die bestehende Software nicht adäquat fertiggestellt hatten. Bugs sorgten für so viele Beeinträchtigungen, dass die User die neueren Features gar nicht nutzten. Durch das Fixen der Bugs würden sie mit dem Code, den sie bereits geschrieben hatten, neue Möglichkeiten an die User ausliefern können.

In jüngerer Zeit…

Ein drittes Rebellenteam, diesmal tief in einer Militärbehörde, arbeitete an einem komplexen Freigabe-Workflow. Sie hatten die Stabsoffiziere der Einrichtung bei der Nutzung der Management-Applikation beobachtet und festgestellt, dass die Oberfläche die Nutzer ständig nach Informationen fragte, die sie woanders heraussuchen mussten. Im Endeffekt nahmen die Stabsoffiziere manuell Berechnungen vor und tippten Informationen von einem Computer-Werkzeug in ein anderes Computer-Werkzeug.

In diesem Moment wurde noch ein Design-Prinzip geboren: User nicht zwingen, Dinge zu tun, in denen Computer gut sind. Die Stabsoffiziere hatten das Problem kompensiert, indem sie Tabellen-Applikationen und andere Tools aufgesetzt hatten, um die Fragen zu beantworten, die die Worklflow-Oberfläche stellte. Das Rebellenteam nahm sich vor, diese Tools zu inventarisieren und sie in zukünftige Versionen der Freigabe-Software einzubauen.

Die besten Design-Prinzipien kristallisieren sich heraus

Das waren nicht die einzigen Prinzipien, die diese Rebellenteams formulierten. Tatsächlich stellte jedes Team noch einige auf, basierend auf dem, was sie von ihren Usern gelernt hatten.

Die Rebellen kreierten diese Prinzipien nicht plötzlich. Sie kristallisierten sich heraus, während die Teams lernten – oftmals mitten in ihren Projekten. Die Liste mit Prinzipien wuchs und die Teams nahmen sie gerne an.

Diese einzelnen Prinzipien kristallisierten sich heraus. Sie ergeben sich in der Regel aus Nutzerforschung. Das Team erkennt im bestehenden Design Muster von Dingen, die nicht funktionieren. In diesem Moment wird ein Teammitglied vorschlagen, ein neuen Prinzip zu formulieren, das die künftige Design-Arbeit steuert.

Teams übernehmen herauskristallisierte Prinzipien wie diese gerne. Sie bringen sie in Design-Diskussionen ein. Sie stehen im regelmäßigen Austausch, in dessen Rahmen sie darüber debattieren, ob etwas durch die Prinzipien abgedeckt ist oder nicht. Sollten wir dem User in diesem Fall eine Option anbieten?

Diese Diskussionen sind gesund, da sie dem Team helfen, die Feinheiten und Nuancen der Designs zu verstehen. Das neue Verständnis dieser Feinheiten hilft ihnen, reale Nutzerprobleme zu lösen, die sie beobachtet haben. Die Prinzipien machen es einfach, zu erkennen und sich darauf zu verständigen, was am Design anders gemacht werden muss.

Herauskristallisierte Prinzipien sind nicht göttlich inspiriert

Es gibt eine andere Art von Design-Prinzipien, die sehr populär ist. Diese Prinzipien kommen von einem Teamleiter oder einem Komitee, der bzw. das für die gesamte Organisation entscheidet, welche Best Practices gelten sollten. Facebook beispielsweise hat wundervolle Design-Prinzipien wie Klarheit in die Komplexität bringen oder Akkurat und vorhersehbar sein.

Solche Prinzipien kristallisieren sich nicht heraus. Oft werden sie deklariert, als wären sie von einer höheren Macht durch eine Art göttlicher Inspiration überliefert worden. Das Team hat kein Mitspracherecht, ob es die Prinzipien anwendet oder nicht, und es gibt nur wenige Beispiele dahingehend, wie Teams sie nutzen, um ihre Designs zu verbessern.

Während herauskristallisierte Prinzipien lebendige Regeln sind, die das Team umarmt, treffen wir nur selten auf Teams, die solche göttlich inspirierten Prinzipien in gleicher Weise annehmen. Wir erleben nie, wie Teams diese Prinzipien in Diskussionen einbringen. Es sind nur die herauskristallisierten Prinzipien, die Teams in ihre Arbeit einbeziehen.

Das Imperium mag seine göttlich inspirierten Prinzipien. Rebellen jedoch wollen ihre eigenen Regeln definieren. Sie bevorzugen herauskristallisierte Prinzipien.

Prinzipien bringen Teams von gutem Design zu großartigem Design

Herauskristallisierte Prinzipien werden zu Werkzeugen, um kluge Design-Entscheidungen zu treffen. Es sind diese klugen Entscheidungen, die ein gutes in ein großartiges Design verwandeln. Doch ehe Teams daran arbeiten können, ihre Designs großartig zu machen, müssen aus ihren schlechten Designs zunächst mal gute Designs werden.

Wenn ein Team versucht, ein schlechtes Design zu verbessern, werden die Prinzipien einfach zu identifizieren sein. Ist das aktuelle Design nicht nutzbar, reparieren sie es, bis es nutzbar wird. Wenn das Design Nutzer frustriert, re-designen sie es, bis das Design nicht mehr frustrierend ist. Das Team braucht keine nuancierteren Prinzipien als diese, weil leicht erkennbar ist, wie sich die Probleme beheben lassen, wenn man die Nutzer beobachtet.

Dort kommen die göttlich inspirierten Prinzipien her. Diese vereinfachten Prinzipien wie Klarheit in die Komplexität bringen müssen nicht für die tägliche Arbeit nützlich sein, wenn das Team noch daran knabbert, das Design überhaupt erstmal gut zu machen.

Heute wissen wir, wie man gute Designs entwickelt. Nun möchten wir großartige Designs erstellen. Wir sind den göttlich inspirierten Prinzipien entwachsen. Hier zahlen sich nun die herauskristallisierten Prinzipien aus.

Herauskristallisierte Prinzipien gehen über die göttlich inspirierten Prinzipien hinaus, weil sie in den Problemen verwurzelt sind, die das Team während der Nutzerforschung identifiziert. Sie sind in jedem Projekt einzigartig, selbst in großen Organisationen.

Während ein Facebook-ähnliches Unternehmen eine Handvoll göttlich inspirierter Prinzipien haben könnte, um sämtliche Projekte abzudecken, sind die herauskristallisierten Prinzipien für jedes Projekt spezifisch. Das Prinzip UX vor Knöpfen und Fragen ist perfekt für das Windows-7-Desktop-Projekt. Es würde für eine Windows-Systemadministration oder ein Netzwerk-Management-Tool nicht funktionieren, wo Konfiguration und Anpassung Kernbestandteile des User-Jobs sind.

Herauskristallisierte Prinzipien werden zur Begründung für künftige Design-Entscheidungen

Währen der Rebellion arbeiten die Rebellenteams eigenverantwortlich auf ein gemeinsames Ziel hin. Sie müssen Entscheidungen treffen, um ihre Projekte in die richtige Richtung zu lenken, oftmals ohne Kommunikation mit anderen Unternehmensteilen.

Herauskristallisierte Prinzipien sind ein instrumentelles Werkzeug, um zu solchen Entscheidungen zu kommen. Ein gutes Prinzip sagt dem Designer, wo es langgeht, wenn das nicht anderweitig klar wird. Sollten wir dies oder jenes tun? Wenn wir unsicher sind, sehen wir uns unsere Prinzipien an und haben Orientierung.

Die Prinzipien sind da, um uns bei zukünftigen Entscheidungen zu helfen. Sie werden zur Design-Begründung, die wir nutzen, um Entscheidungen zu erklären, von denen wir nicht mal wissen, dass wir sie treffen müssen.

Als sich das Team in der Behörde für das Prinzip User nicht zwingen, Dinge zu tun, in denen Computer gut sind entschieden hat, haben sie Entscheidungen im Hinblick auf künftige Funktionalitäten getroffen, die sie in jedem Release brauchen. Das Team mit der Kassen-Software wird Feinschliff vor neuen Features als seinen Weg nutzen, um die Auslieferung von Funktionalitäten gegebenenfalls aufzuschieben. Wenn alle diese Prinzipien abgesegnet haben, ist es einfach, diese Entscheidungen zu treffen.

Da herauskristallisierte Prinzipien aus Nutzerforschung entstehen, gibt es für jedes eine Entstehungsgeschichte. User haben ein Problem, das das Team mithilfe der Orientierung durch das neue Design-Prinzip löst. Wenn jedes Teammitglied die spezifische Geschichte kennt (oder besser noch: wenn jeder diese Nutzerprobleme aus erster Hand gesehen hat), dann wissen sie, warum das Team Entscheidungen trifft, um die Prinzipien zu unterstützen. Es ist sehr mächtig, wenn Teammitglieder ein klares, positives Ergebnis sehen, das auf ihren Entscheidungen basiert.

Herauskristallisierte Prinzipien klingen schließlich aus

Schließlich wird das Kassen-Software-Team einen verbesserten Qualitätssicherungsprozess entwickeln. Sie werden in der Lage sein, feingeschliffene Funktionalitäten schnell und effizient zu releasen. An diesem Punkt dient das herauskristallisierte Prinzip Feinschliff vor neuen Features keinem Zweck mehr. Es kann nun ausklingen.

Andere Prinzipien werden sich herauskristallisieren und seinen Platz einnehmen. Das Team wird weiterhin Nutzerforschung betreiben und weitere Probleme erkennen. Manche dieser neuen Probleme werden nun leichter zu identifizieren sein, weil das Design sich verbessert hat. Diese neuen Probleme werden neue Prinzipien erforderlich machen, die künftige Entscheidungen lenken.

Es erscheint ketzerisch zu suggerieren, dass die göttlich inspirierten Prinzipien nicht mehr effektiv sein könnten. Doch das passiert mit herauskristallisierten Prinzipien andauernd. Sie haben für einen spezifischen Moment in der Evolution des Produkts oder der Dienstleistung Gültigkeit und bleiben schließlich auf der Strecke.

Die effektivsten Rebellenteams wissen, wann es wichtig ist, ein neues sich herauskristallisierendes Prinzip zu formulieren, und wann es wichtig ist, es entschwinden zu lassen. So stellen sie sicher, dass das aktuelle Prinzipien-Set dem Team aktiv hilft, aus einem guten Produkt ein großartiges Produkt zu machen.

Dieser Artikel wurde im Original am 8. September 2017 unter dem Titel Emergent Principles: A Rebel Leader’s Secret to Better Team Design Decisions von Jared M. Spool veröffentlicht. Jared M. Spool gehört zu den führenden User-Experience-Experten unserer Zeit. Seine Website erreichen Sie unter http://www.uie.com. Weitere Artikel von Jared M. Spool finden Sie im UX-Special von //SEIBERT/MEDIA.