Was digitale Zusammenarbeitskultur und Social-Intranet-Projekte mit der modernen Naturwissenschaft gemeinsam haben

Sir Isaac Newton, Begründer der modernen Naturwissenschaft

Isaac Newton war womöglich kein besonders umgänglicher Zeitgenosse, aber sicherlich einer der genialsten Köpfe der Menschheitsgeschichte und der Begründer dessen, was wir heute als moderne Naturwissenschaft kennen. Sein größter Verdienst ist zweifellos die erste umfassende mathematische Formulierung der Gravitation. (Die ist zwar „nur“ ein Spezialfall, wie Einstein später nachwies, bleibt aber nichtsdestotrotz eine epochale Leistung.)

Uns sollen an dieser Stelle allerdings zunächst seine Forschungen zur klassischen Mechanik interessieren, die einigen von uns vielleicht sogar noch aus dem Physikunterricht in Erinnerung sind.

Newtons zweites Grundgesetz der Bewegung, auch bekannt als das sogenannte Aktionsprinzip, lautet vereinfacht formuliert: F = ma. Kraft gleich Masse mal Beschleunigung. Stellen wir diese Gleichung um, wird klar, dass wir viel Kraft brauchen, wenn wir eine große Masse beschleunigen wollen; je größer die Masse, desto mehr Kraft ist nötig.

In seinem sehr empfehlenswerten Buch Leaders Eat Last hat Simon Sinek diese Gesetzmäßigkeit auf die Veränderung von Unternehmen übertragen:

„If we wish to change the direction of a large company or solve a large problem, we need to apply a huge force.  And this is often what we do. We have a big repositioning or a big reorg. The trouble with applying large force to anything, however, it rattles us. We fear it may cause more harm than good. It undermines the Circle of Safety. […]

However, there is another variable that we often neglect. The ‚a‘ for acceleration. Who says the change has to be sudden or instantaneous. Citing many successful leaders who did not march in with new theories and start dismantling their organizations. They experimented.“

Ich möchte einen Schritt weiter gehen und dies auf die Benutzerakzeptanz von Software-Systemen wie Wikis und Social Intranets und die Etablierung echter digitaler Zusammenarbeit in Unternehmen übertragen. Denn damit geht eine große organisatorische und kulturelle Verschiebung in der Organisation einher, und auch damit ist der Einsatz von Kraft, Ressourcen und Anstrengung aufseiten der Leader, Vorreiter und Pioniere verbunden, die sich als Team dem Erfolg des Systems und einer neuen, modernen Zusammenarbeit in ihrer Organisation verpflichtet fühlen.

Nach dem Rollout des Intranets geht für dieses Team die Hauptarbeit erst richtig los, vor allem wenn es in einem großen, eher traditionell organisierten Unternehmen tätig ist. Je größer das Unternehmen ist und je mehr Mitarbeiter es hat, desto mehr Kraft ist wahrscheinlich auch nötig, um es in eine neue Richtung in Bewegung zu setzen und zu beschleunigen.

Hier im Blog haben wir schon häufiger thematisiert, welche Aufgaben dieses Team nun hat und auf welche Fragen es praktische Antworten liefern muss: Wie bekommen wir die Mitarbeiter dazu, sich mit dem neuen System zu beschäftigen? Wie fördern wir die Nutzung? Was können wir gegen die Angst tun, Wissen zu teilen?

Theorien und Mitarbeiter brauchen Belege

Fred Hoyle, unfreiwilliger Namensgeber der Urknalltheorie

Bleiben wir bei der Analogie Naturwissenschaft. In der ist es wie in Unternehmen. Neue Theorien und Konzepte setzen sich nicht über Nacht durch. Sie werden selten sogleich freudig angenommen, sondern ihnen wird vielmehr mit Skepsis bis hin zur Feindschaft begegnet.

Den Begriff Big Bang hat Fred Hoyle geprägt, ein erbitterter Gegner der Urknalltheorie; er war abfällig und spöttisch gemeint. Auch Wissenschaften jenseits der Physik bieten vielerlei Beispiele: Alfred Wegeners Ideen zur Kontinentalverschiebung wurden zunächst als Fieberfantasien bezeichnet. Georg Cantor wurde für seine Überlegungen über mathematische Unendlichkeiten bis aufs Blut und bis in die geistige Umnachtung angefeindet (John Barrow: Einmal Unendlichkeit und zurück). Oder denken wir an Darwin und die Rezeption seiner Evolutionstheorie.

Um dem Stadium der Hypothese zu entwachsen und zu einer wissenschaftlichen Theorie zu reifen, muss sie Belege und Beobachtungen dafür liefern, dass sie die Realität besser beschreibt als eine alternative Theorie. Nur dann wird sie schließlich auf breiter Ebene akzeptiert. Am stärksten sind Belege, wenn die Theorie eine Vorhersage trifft, die dann anschließend beobachtet wird – man denke an Eddingtons Sonnenfinsternis-Experiment, das den bescheidenen Einstein auf die Titelseiten der Weltpresse brachte und über Nacht zum ersten globalen Star der Naturwissenschaften machte.

Vor einer ähnlichen Herausforderung steht eine neue Software im Unternehmen. Sie muss „nachweisen“, dass Dinge mit ihr besser funktionieren als ohne sie oder als mit einem Alternativsystem. Nur dann werden die Mitarbeiter sie annehmen und freiwillig nutzen.

Es hilft dem Projektteam jedoch nichts, nur davon zu reden, was das neue Intranet alles kann und was durch die neue Zusammenarbeit alles besser wird. Praktische Beobachtungen zählen. Hier sollte das Projektteam also praktisch unterstützen, Anwendungsfälle zeigen, die konkrete Probleme lösen, demonstrieren, wie viel einfacher Meetings durchgeführt und dokumentiert werden können, Vorlagen aufsetzen und erste hilfreiche Inhalte erstellen. Erkenntnisse aus der Diffusionsforschung können bei alldem hilfreich sein.

Den tatsächlichen Nutzen erkennen die Mitarbeiter erst, wenn sie selbst in dem System gemeinsam mit anderen arbeiten. Kleine Erfolge eines Anwenders, im Intranet etwas schneller und besser erledigt zu haben als bisher, sind als „Belege“ stark und mächtig: Schau an, es funktioniert!

Paradigmenwechsel erfordern Zeit

COBE: Erst Belege durch moderne Satelliten-Technologie führten zum Paradigmenwechsel hinsichtlich der Entstehung des Universums.

Viele naturwissenschaftliche Theorien, die heute als wahr gelten und die durch Experimente, Beobachtungen und eingetroffene Vorhersagen vielfach bestätigt worden sind, haben Jahrzehnte benötigt, um sich durchzusetzen. Es hat fast ein Jahrhundert und zahlreiche Verfeinerungen und Belege gebraucht, bis die Urknalltheorie anerkannt war. Paradigmenwechsel vollziehen sich langsam.

Das mag die unterschiedlichsten Ursachen haben. Vielleicht sind sie in den Besonderheiten des Wissenschaftsbetriebs zu suchen, der nicht dafür bekannt ist, von heute auf morgen radikal neue Positionen einzunehmen. In anderen Fällen war eine Theorie vielleicht trotz einer wachsenden Zahl von Belegen zunächst zu verwegen, um wahr sein zu können.

Ähnlich ist das in Unternehmen, die alle ihre kulturellen und organisatorischen Besonderheiten haben und nach wie vor oft von Hierarchiedenken, Anweisungskultur und Management-Entscheidungen geprägt sind. Ein Team, das dort plötzlich mit etwas so Merkwürdigem wie selbständiger digitaler Zusammenarbeit ohne Anweisung daherkommt, wird Zeit brauchen, um Überzeugungsarbeit zu leisten, um erste Belege zu liefern und um Unterstützung dafür zu gewinnen, die Mitarbeiter von der Leine zu lassen.

Erfolgreiche Pilotprojekte und Use Cases helfen, Management-Rückhalt und einflussreiche Unterstützer zu gewinnen. Organisatorische und kulturelle Verschiebungen gibt es aber in keinem Unternehmen mit einem Ruck, schon gar nicht in Organisationen mit tausenden Mitarbeitern.

Auch darüber haben wir in anderen Artikeln bereits ausführlicher nachgedacht:

Lapidar gesagt: Geduld und Spucke! Das Durchhaltevermögen des Social-Intranet-Teams ist wichtig. Der Erfolg kann sich erst spät einstellen.

Zufälle und Experimente

Penzias und Wilson: Es war kein Taubendreck auf dem Teleskop, sondern die kosmische Hintergrundstrahlung.

Damit naturwissenschaftliche Theorien entstehen, müssen manchmal Zufälle herhalten. Jeder kennt die Anekdote vom Apfel, der Newton angeblich auf den Kopf fiel und ihn auf die Idee der Gravitation brachte. Oder das „Heureka“ des Archimedes, als er beim Baden das nach ihm benannte Prinzip entdeckt hatte.

Und es braucht auch gescheiterte Experimente Experimente mit unvorhergesehenem Ausgang. Michelson und Morley als Verfechter der Lichtäther-Hypothese hatten mit ihrem berühmten Experiment alles Mögliche im Sinn, nur nicht, eine Steilvorlage für die Annahme einer konstanten Lichtgeschwindigkeit zu liefern, die zu einem zentralen Baustein in Einsteins Überlegungen zur Speziellen Relativitätstheorie wurde. Penzias und Wilson hielten dieses seltsame schwache Rauschen zunächst für durch Taubenmist auf dem Radioteleskop verursacht; während andere es vielleicht ignoriert hätten, wiesen die beiden Forscher stattdessen die kosmische Hintergrundstrahlung nach – eine der wichtigsten Entdeckungen in der Geschichte der Kosmologie und einer der überzeugendsten Belege für die Urknalltheorie.

Auch in einem Intranet müssen die Leute experimentieren, Dinge ausprobieren und Erfahrungen sammeln dürfen. Wie sonst sollen sie lernen, es effektiv, effizient und produktiv zu nutzen? Funktionelle Beschränkungen und ein striktes Berechtigungsmanagement sind in diesem Zusammenhang Gift.

Das Intranet-Team muss ebenfalls experimentieren, Dinge einführen und auch wieder abschaffen, schnell iterieren, um sich Problemlösungen Schritt für Schritt zu nähern. Wir haben das vor einiger Zeit mal am Bild eines Marsches durch die Wüste ohne GPS veranschaulicht.

Auch die Zufälle können eine Rolle spielen: Ideen, die das Potenzial haben, das Projekt anzutreiben, gibt es sicherlich an vielen Stellen in der Organisation und überall in der Hierarchie. Womöglich werkelt in der Entwicklungsabteilung gerade ein studentischer Mitarbeiter im Rahmen seiner Thesis an einer kleinen Lösung, die für das gesamte Intranet-Einführungsprojekt wertvoll sein könnte. Das Projektteam sollte mit offenen Augen durchs Unternehmen gehen. Damit anzufangen, alles in einem Social Intranet zu dokumentieren und damit „offiziell“ zu machen, ist schon mal ein guter Ansatz dahingehend, dass uns weniger Zufälle und Ideen entgehen.

Veränderung entsteht im Team

Werner Heisenberg, nur einer von vielen Vätern der Quantentheorie

In der Physik gibt es Ausnahmeerscheinungen, die Kraft ihres Geistes die Naturwissenschaft im Alleingang revolutioniert haben. Aber es gibt nicht viele von ihnen. Einstein war ein solches Genie, Newton ebenso, dann muss man wohl schon bis zu Galilei, Kepler und Kopernikus zurückgehen, um ähnliche Größen zu finden. Und selbst der geniale Newton schwächte seine eigene Bedeutung ab:

„Wenn ich weiter geblickt habe, so deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen stehe.“

Die moderne Naturwissenschaft war und ist ein Teamsport. Die Quantenmechanik verdanken wir nicht nur Heisenberg und Schrödinger, sondern auch Niels Bohr, Max Born, Wolfgang Pauli, Paul Dirac und zahlreichen weiteren Physikern. Zum Urknallmodell haben dutzende oder eher hunderte Forscher beigetragen, über Generationen hinweg – von Lemaitre mit seiner frühen Vorstellung eines explodierenden Uratoms über Hubble und seine Entdeckung der Rotverschiebung bis zum COBE-Team, das 1992 die durch die Theorie vorhergesagten winzigen Schwankungen in der kosmischen Hintergrundstrahlung nachwies und der Urknalltheorie damit zum endgültigen Durchbruch verhalf.

Auch in großen Unternehmen gibt es selten die eine Person, die alles zum Guten hin umkrempelt bzw. allein umkrempeln kann. In einem Konzern mit 20.000 Menschen kann kein Einzelner großflächig eine neue Zusammenarbeitskultur mit einem neuen Intranet etablieren.

Veränderung braucht zwar Führung, doch führungsstark ist in diesem Zusammenhang selten zwangsläufig der, der ganz oben sitzt. Wirkliche Veränderung hin zu einer digitalen Zusammenarbeitskultur erwächst nicht aus verordnetem Change-Management und ähnlichem Business-Theater, sondern von unten und von mittendrin, aus einem Team mit Stakeholdern aus möglichst vielen Unternehmensbereichen. Wenn hier auch externe Partner mit im Boot sitzen, die solche Veränderungsprojekte schon häufiger durchgeführt haben – umso besser.

Wenn mehrere Leute aus unterschiedlichen Unternehmensbereichen der Meinung sind, dass die Dinge nicht optimal laufen, ist es wahrscheinlich recht einfach, Teamkollegen zu finden, die helfen, ein Graswurzelprojekt mit voranzutreiben. Vermutlich gibt es auch schon jemanden, der sich darum kümmern soll, dass die Produktivität steigt, dass die Kosten für interne Projekte sinken, dass so etwas wie – Zauberwort! – Wissensmanagement implementiert wird. Diese Personen sind nicht schwer zu identifizieren und sie tragen in einer Gruppe Gleichgesinnter wahrscheinlich gerne dazu bei, die Dinge zum Wohle aller und zum Wohle der Organisation zu bewegen.

Theorien sind nie final, Intranets auch nicht

Auch Einsteins Relativitätstheorie hat Grenzen.

Ein einmal erbrachter mathematischer Beweis ist definitiv gültig – an jedem beliebigen Ort im Universum und bis ans Ende aller Tage. Kann auch eine naturwissenschaftliche Theorie final und endgültig sein? Nein, das liegt nicht in ihrer Natur. Eine Theorie kann massiv belegt sein, sie ist jedoch nicht final zu beweisen und bleibt immer falsifizierbar: Eine einzige Beobachtung, die ihren Vorhersagen widerspricht, bringt sie (zumindest in Teilen) zu Fall.

Einstein hat gezeigt, dass Newtons Gravitationstheorie zwar einen Ausschnitt der physikalischen Wirklichkeit gut modelliert, aber keinesfalls ihre gesamte Bandbreite. Relativitätstheorie und Quantenmechanik sind wir Hund und Katze und wollen sich auf Gedeih und Verderb nicht konsistent zusammenführen lassen, was bedeutet, dass beide Theorien ihre Grenzen haben und nicht die ganze physikalische Realität beschreiben. (Irgendwann wird es vielleicht eine Theory of Everything geben – die bekanntesten Ansätze sind die String-Theorie und die Schleifen-Quantengravitation –, aber davon sind die Wissenschaftler noch weit entfernt.)

Das gilt für das Social Intranet nicht minder. Wenn es definitiv und endgültig ist, dann nur, wenn es tot ist und niemand es mehr nutzt. Ein gesundes Intranet verändert sich ständig und sollte sich auch ständig verändern – und zwar über die rein inhaltliche Komponente und den nutzergenerierten Content hinaus.

Zwar ist Veränderung an sich kein Wert – es gibt schließlich jede Menge Veränderungen zum Schlechten hin. Aber auch in Unternehmen sind viele Menschen naturgemäß bestrebt, sich nicht mit dem Status quo zufrieden zu geben. Angesichts der komplexen Welt da draußen am Markt wäre alles andere auch gefährlich.

Durch Experimente, technische und organisatorische Iterationen, neu ausgelieferte Funktionen, neue integrierbare Produkte etc. ist ein Intranet permanent in Bewegung. Wenn ich auf die bisherige Evolution unseres eigenen Intranets bei //SEIBERT/MEDIA zurückblicke, dann fallen mir schon einige Dinge ein, auf die ich hätte verzichten können und die tatsächlich auch wieder abgeschafft wurden. Aber alles in allem ist das System heute für mich wertvoller und nützlicher als vor zwei oder vier Jahren. Und ich gehe stark davon aus, dass es in zwei oder vier Jahren noch hilfreicher sein wird.

Fazit

Was soll nun eigentlich die Kernaussage dieses langen Textes sein, werden sich die ein, zwei Leser vielleicht fragen, die bis hierhin durchgehalten haben. 😀 Es ist im Grunde trivial: Niemand wird Ihnen guten Gewissens sagen, dass Sie alle Sorgen los sind, wenn Sie jetzt ein modernes Social Intranet ausrollen. Veränderung im Sinne der Verbesserung von Zusammenarbeit ist ein nie endendes Projekt. Der Start und die initiale Beschleunigung erfordern viel Kraft – insbesondere in sehr großen Organisationen. Es braucht auch Hartnäckigkeit – vom Wunsch getrieben, allen das (Arbeits-)Leben leichter zu machen.

Die Existenz von sogenannten Gravitationswellen hat Einstein 1916 aus seiner Allgemeinen Relativitätstheorie gefolgert. Erstmals direkt gemessen wurden sie 99 Jahre später; eine Leistung, die mit dem Physik-Nobelpreis 2017 ausgezeichnet wurde. Solche Zeiträume wollen wir hier nun nicht in die Raumzeit werfen. 😉 Aber es dauert, große Dinge in Bewegung zu setzen. Die Mühe wird sich auszahlen.

Weiterführende Infos

Linchpin – Social Intranet mit Confluence
Social Intranet mit Linchpin: Das Trailervideo und die Möglichkeiten in 150 Sekunden
Referenzen: Projekte, auf die wir stolz sind

Tipps für naturwissenschaftlich interessierte Leser

Brian Greene – Der Stoff, aus dem der Kosmos ist
Simon Singh – Big Bang: Der Ursprung des Kosmos und die Erfindung der modernen Naturwissenschaft
Lee Smolin – Die Zukunft der Physik
ScienceBlogs.de

Alle Bilder: Wikipedia

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