Agile Remote-Transition I: Warum?

Agile Remote-Transition

Bild von Picography unter CC0-Lizenz (Pexels.com)

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Wie man ein agiles Vorgehen in einem Unternehmen etabliert, wird in vielen Beiträgen detailliert beschrieben. Aber wie geht eine agile Organisation mit Remote-Teams und genau einem Standort vor, um verteiltes Arbeiten zu ermöglichen und verteilte Mitarbeiter bestens zu integrieren? Warum ist es für ein Unternehmen grundsätzlich sinnvoll, sich mit dem Thema zu beschäftigen? Welche Hürden gibt es und wie überwindet man sie effektiv? Und wer eignet sich eigentlich als Remote-Arbeitgeber bzw. -Mitarbeiter? Dazu ein paar Erfahrungen und Gedanken.

Das Agile Manifest

Aus den Principles behind the Agile Manifesto:

The most efficient and effective method of conveying information to and within a development team is face-to-face conversation.

Hier könnte die Reise zum agilen Remote-Team schon vorbei sein, denn dieser Satz lässt sich als klare Absage an das verteilte Arbeiten verstehen. Aber wir sollten nicht den Absatz davor überlesen. Dort findet sich ein weiteres Prinzip:

Build projects around motivated individuals. Give them the environment and support they need, and trust them to get the job done.

Und wenn die hier beschriebene Umgebung eines Team-Mitglieds eben ein paar Hundert Kilometer vom Unternehmensstandort entfernt ist, dann sollten die Voraussetzungen für eine Integration geschaffen werden.

Warum sollte man sich überhaupt mit Remote beschäftigen?

Das Thema Remote spaltet die IT-Welt nach wie vor. Nachdem vor allem in Amerika verteiltes Arbeiten weit verbreitet war, schwenken einige große Konzerne inzwischen um und holen ihre Mitarbeiter zurück ins Büro (Why Are Big Companies Calling Their Remote Workers Back to the Office?). Warum also überhaupt Remote-Arbeit etablieren, wenn Google und Co. schon wieder genau das Gegenteil machen?

Aus Arbeitnehmersicht ist das Home-Office bzw. ein dauerhaftes Von-zu-Hause-Arbeiten eine tolle Möglichkeit, seinen Alltag flexibel zu gestalten. Paketannahme, Waschmaschine ausräumen usw. können schnell erledigt werden, wenn es notwendig ist. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es mit einem kleinen Kind besonders toll ist, genau dann Mittagspause zu machen, wenn es aus der Krippe kommt, und nicht erst nach Feierabend Zeit zu haben. Besonders angenehm ist auch der Wegfall des Arbeitswegs: Schon eine einfache Fahrt von einer halben Stunde summiert sich im Monat auf rund 20 Stunden. Auch wenn man mittlerweile unterwegs gut arbeiten kann, ist es dennoch keine volle Arbeitszeit.

Für ein Unternehmen ergeben sich zunächst Vorteile durch den Wegfall eines festen Büroplatzes samt Infrastruktur. Darüber hinaus erweitert sich das Suchfeld für neue Mitarbeiter bzw. können Mitarbeiter, die aus privaten Gründen umziehen, in der Firma gehalten werden. Ersteres wird in Zeiten des Fachkräftemangels immer wichtiger, da hochqualifizierte Spezialisten gerade in Ballungszentren hart umkämpft sind. Letzteres hat den naheliegenden Vorzug, dass erfahrene, loyale Mitarbeiter trotz Wohnortwechsel mit ihrem Erfahrungsschatz und ihrer „Eingespieltheit“ der Organisation erhalten bleiben.

Der zweite Blick

Auf den zweiten Blick öffnen sich Unternehmen durch die Integration von Remote-Mitarbeitern nach außen. Auch Vor-Ort-Mitarbeiter profitieren von den notwendigen Optimierungen der (digitalen) Kommunikation. Beispielsweise wird das Arbeiten im Home-Office für alle erleichtert, Meetings werden standardmäßig gestreamt und ggf. sogar aufgezeichnet, alle notwendigen Informationen müssen digital verfügbar sein und unklare mündliche Absprachen gehören – hoffentlich – der Vergangenheit an.

Diese Punkte können auch ohne Remote-Angestellte schon funktionieren, aber mir als „Auswärtigem“ fällt es viel schneller auf, wenn sie nicht eingehalten wurden. Diese „interne Draufsicht“ erzwingt es geradezu, Informationen zu kommunizieren und zu dokumentieren; das wiederum hilft letztendlich allen Team-Mitgliedern und dem Unternehmen.

Ein weiterer Aspekt ist die Erweiterung des Wirkungsraums einer Organisation. Durch die Teilnahme an Konferenzen und User-Groups in der Neckar-Alb-Region kann ich meine Erkenntnisse aus einem weiteren Ballungszentrum ins Unternehmen tragen, das sonst vermutlich unbeachtet bleiben würde. Noch deutlicher wird dies bei Remote-Mitarbeitern in anderen Ländern oder gar Kontinenten: So hatten wir bereits Kollegen in den USA oder Australien.

Nur Vorteile?

Das Remote-Land, in dem Milch und Honig fließen? Nein, natürlich nicht. Die oben beschriebenen Verbesserungen sind vor allem initial mit einem erheblichen Aufwand verbunden. Software- und Hardware-Infrastruktur müssen vorbereitet und lauffähig sein. Aus meiner Erfahrung ist es hierbei sinnvoll, möglichst viele Trockenübungen durchzuführen und einfach mal für einen Tag oder gar eine Woche so zu tun, als ob man extern wäre.

Dann treten schon einige Probleme zutage, bevor sie im Live-Betrieb zu Störungen führen (mehr dazu in einem folgenden Artikel). Aber trotz aller Tests und Versuche werden auch nach der Umstellung immer wieder Hürden auftauchen, die Optimierungen an Prozessen und Infrastruktur erforderlich machen.

Was hat das nun mit „Agile“ zu tun?

Ganz einfach: Verteiltes Arbeiten ist für mich gelebte Agilität. Das Vertrauensverhältnis zwischen Unternehmen bzw. Team und Remote-Mitarbeiter, das unter anderem in den agilen Prinzipien beschrieben wird (siehe Zitat oben), wird überdeutlich. Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass die Kollegen trotz der Entfernung an mich denken und meine Arbeit schätzen.

Auch ein ständiges „Inspect and Adapt“ im Hinblick auf Kommunikation und Prozesse wird durch verteiltes Arbeiten forciert. Selbst kleinere Unschönheiten, die vor Ort erst später eine Rolle spielen würden, fallen einem Remote-Kollegen oft sofort auf, weil beispielsweise wichtige Infos fehlen oder Prozesse ohne Dokumentation verändert wurden.

Dies war der Einstieg in das Thema der agilen Remote-Transition. In folgenden Artikeln werde ich mich mit weiteren W-Fragen beschäftigen und unter anderem diskutieren, wie wir bei vergangenen Remote-Transitionen vorgegangen sind und wer für Remote-Arbeit geeignet ist.

Weiterführende Infos

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