Proaktives UX-Design – ein großer Sprung, für den Minischritte nötig sind

Heute beobachten wir, wie immer mehr Team erfolgreich proaktives UX-Design in ihre Projekte einbringen. Das ist nicht einfach, aber die Resultate sind es wert.

Wenn Teams proaktives User-Experience-Design betreiben, liefern sie bessere Produkte aus. Proaktives UX-Design packt die größeren Herausforderungen an, vor denen die Nutzer stehen. Durch das Ausliefern besserer Produkte trägt das Team zum Erfolg des Gesamtunternehmens bei.

Die meisten Teams starten beim reaktiven UX-Design. Reaktives UX-Design ist genau das, wonach es sich anhört: Man reagiert auf ein momentanes Problem. „Oh, könnt ihr das reparieren?“ „Hilfe! Nutzer beschweren sich, dass dies und jenes zu kompliziert ist! Was können wir tun?“

Wenn es keine proaktiven UX-Design-Maßnahmen unternimmt, behebt das Design-Team nur Probleme, die durch Entscheidungen entstanden sind, die das Produkt-Team bereits getroffen hat. Diese bereits getroffenen Entscheidungen drehen sich darum, was das Produkt tun, wie es funktionieren und welcher Art die zugrundeliegende Architektur sein soll.

Zu dem Zeitpunkt, zu dem das Design-Team eingebunden wird, haben sich diese bereits getroffenen Entscheidungen längst zementiert. Sie stellen die UX-Designer vor große, oftmals herausfordernde Beschränkungen, unter denen sie arbeiten müssen. Die Design-Probleme müssen gelöst werden, aber die Optionen, diese Probleme zu lösen, sind stark eingeengt.

Wenn Teams es sich im Reaktionsmodus bequem gemacht haben

Ungeachtet der herausfordernden Beschränkungen ist reaktives UX-Design oft ein bequemes Plätzchen, an dem Teams sich wiederfinden. Es ist klar, was sie tun müssen. Die UX-Designer erstellen Wireframes, die kommunizieren, wie die Bildschirme und Seiten aussehen sollten. Sie führen Usability-Tests durch, um sicherzustellen, dass die Nutzer einfach mit dem Design interagieren können, wenn es umgesetzt ist.

Für jene Produkt-Teams, in denen es davor keine ernsthaften Design-Bestrebungen gegeben hat, fühlt sich reaktives UX-Design wie eine ungeheure Verbesserung an, und das ist es auch. Das Unternehmen sieht dank der besseren Designs glücklichere Nutzer.

Leider können Design-Teams an diesem Plätzchen auch leicht steckenbleiben. Die Produktleitung, die die Vorteile guter Design-Arbeit sieht, will mehr davon. Doch alles, was sie kennen, sind die Prozesse und Ergebnisse reaktiven UX-Designs. Sie mögen die Wireframes und die Usability-Tests. Sie glauben, dass gute Design-Arbeit genau so aussieht. Sie glauben, dass Design-Arbeit immer am Ende des Prozesses kommt. Und unbeabsichtigterweise bekräftigt das Verhalten des Design-Teams diesen Glauben.

Die Produktleitung weiß nicht, dass es besser werden könnte. Sie haben nie die Vorteile proaktiven UX-Designs gesehen. (Um ehrlich zu sein: Sie haben wahrscheinlich nie die Vorteile irgend einer Art von UX-Design gesehen, bis das Design-Team mit seinem reaktiven Maßnahmen begann.) Das ist alles, was sie über UX-Design wissen.

Die Vorteile des proaktiven UX-Designs

Wenn Design-Teams proaktiv agieren, erkunden sie im Rahmen der Nutzerforschung das Nutzererlebnis detaillierter. Sie bewegen sich über Usability-Tests hinaus. Sie gehen nach draußen und suchen die Nutzer direkt auf, sie sehen ihre Kunden und User in ihren natürlichen Habitaten.

Diese Beobachtungen ergeben einen größeren Kontext von den Herausforderungen der Nutzer. Diese Herausforderungen werden oft nicht von den Produkten der Konkurrenz adressiert, ganz zu schweigen von den eigenen Produkten der Organisation.

Das Design-Team kann diese Einsichten nutzen, um alternative Richtungen für das Produkt vorzuschlagen. Diese Richtungen sind geprägt von den tatsächlichen Bedürfnissen der User, nicht vom Druck des Marktes oder von Vermutungen darüber, wie Leute das Produkt vielleicht nutzen.

Die Errungenschaften des proaktiven UX-Designs geben dem Produkt-Team substanziell mehr Führung. Das Design-Team kann Journey-Maps und Service-Blueprints erstellen, um zu zeigen, wie die aktuellen Nutzererlebnisse aussehen. Sie können eine Experience-Vision entwickeln, um dafür zu werben, wie sich ein ehrgeiziges ideales Kundenerlebnis anfühlen würde.

Wenn proaktives UX-Design sich bestmöglich entfaltet, vertraut der Rest des Produkt-Teams in diese Arbeit. Das Produkt-Team integriert die Nutzerbedürfnisse in wichtige Entscheidungen im Vorfeld. Diese Entscheidungen vermeiden restriktive Beschränkungen des Produkts. Das Eliminieren dieser Beschränkungen reduziert die späteren „Design-Schulden“ und macht die Entwicklung großartiger Design-Lösungen einfacher.

Sobald die Leute der Produktleitung sehen, was proaktives UX-Design bringen kann, lieben sie es. Aber das ist das Dilemma. Sie werden nicht investieren, bevor sie die Vorteile gesehen haben, was nicht passieren kann, bevor sie investiert haben.

Proaktives UX-Design einzuführen, ist nicht einfach

Das Design-Team muss seine Komfortzone des ausschließlich reaktiven Arbeitens verlassen. Das ist schwierig, da die reaktive Arbeit das Team voll einspannen kann. Wenn die Teammitglieder die ganze Zeit damit verbringen, auf Design-Probleme zu reagieren, wo finden sie dann die Ressourcen, um proaktives UX-Design zu betreiben?

Das reaktive UX-Design kann nicht einfach eingestellt werden. Es fügt dem Produkt dringend benötigten Wert hinzu. Allerdings kann sich die Art und Weise verändern, wie die meisten Teams die reaktive Design-Arbeit handhaben. Statt selbst die ganze Arbeit zu machen, können die Designer anfangen, die Bürde zu teilen.

Entwickler können lernen, wie man bessere Interaktionen designt. Sie können Techniken wie Pairing einsetzen, wo ein Designer und ein Entwickler zusammensitzen und sich durch das Design eines Bildschirms oder eines interaktiven Dialogs arbeiten. In diesen Sessions lernt der Entwickler die Grundlagen guten Interaktions-Designs. Mit der Zeit kann er mehr von der Design-Arbeit übernehmen und braucht zum Beispiel weniger Wireframes.

Ebenso schafft es ein breiteres gemeinsames Verständnis davon, welche Probleme die Nutzer mit dem Produkt haben, wenn Entwickler und Produktmanager mehr in die Nutzerforschung eingebunden werden. Dann fangen sie an, Entscheidungen zu treffen, die von den Beobachtungen dessen geprägt sind, was die User in diesen Sessions getan haben. Die Bürde des Designers als alleiniger Anwalt der User wird leichter.

Nichts davon passiert schnell. Es braucht für alle Beteiligten Zeit, auf Tempo zu kommen. Es muss zu einer Gewohnheit werden, auf diese Weise zu arbeiten.

Proaktives UX-Design passiert nicht organisch

Ohne konzentrierte Maßnahmen anzustoßen, wird das Design-Team für immer im Kreislauf des reaktiven UX-Designs steckenbleiben. Proaktives UX-Design erfordert andere Arbeit als die, die im reaktiven UX-Design gemacht wird. Das Design-Team muss diese zusätzliche Arbeit in seine tägliche Routine einbinden.

Manche Teams versuchen, dem Management die Idee des proaktiven UX-Designs zu verkaufen, aber das funktioniert selten. Wegen des Dilemmas kann sich die Geschäftsführung nicht auf eine große Prozessänderung einlassen. Es erscheint zu riskant. Auch können die Teams nicht einfach den Schalter auf die neue Arbeit umlegen. Die Designer müssen weiterhin reaktiv Design-Probleme lösen, während sie parallel die neue Praxis des proaktiven UX-Designs adaptieren.

Stattdessen müssen die Design-Leader Veränderungen inkrementell umsetzen. Sie müssen die neuen Arbeitspraktiken eine nach der anderen einführen.

Die Faustregel ist einfach: Wenn der Rest des Teams merkt, dass wir etwas anders machen, verändern wir wahrscheinlich zu viel zu schnell. Design-Leadership ist ein Geduldsspiel. Um zu vermeiden, dass wir Widerstand gegen Veränderungen auslösen, muss jede Veränderung unentdeckt unter dem Radar stattfinden.

Proaktives UX-Design ist die Mühe wert

Wenn die Einführung proaktiven UX-Designs in einer Organisation einfach wäre, würden es alle machen. Es ist natürlich nicht einfach. Das Team wird auf viele Stolpersteine treffen.

Design-Leader, die diese Herausforderung annehmen, müssen wissen, was sie da vorhaben. Für viele ist es die erste große Herausforderung als Design-Leader.

Doch es ist die Mühe wert. Die Untersuchungserkenntnisse darüber, wer die Produktnutzer sind und was sie brauchen, sollten jede Entscheidung im Prozess untermauern – nicht nur die Entscheidungen, die am Ende des Prozesses kommen.

Alle profitieren davon, wenn man sich die Zeit nimmt und das Unternehmen in Richtung Proaktivität stößt. Das Produktmanagement bekommt eine Vision, die aus der Nutzerforschung hervorgeht und die zeigt, wie das Produkt erfolgreicher werden kann. Die Entwickler erwerben Fertigkeiten und Einblicke, um bessere Designs zu produzieren. Die User erhalten ein besseres, sorgfältigeres Nutzererlebnis.

UX-Design und Nutzerforschung können nun jede Entscheidung bezüglich des Produkts beeinflussen. UX-Design erhält jetzt seinen metaphorischen festen Platz am Tisch.

Das ist ein großer Sprung für die Organisation, wenn auch viele Minischritte nötig sind, um ihn zu erreichen.

Dieser Artikel wurde im Original am 2. August 2018 unter dem Titel Proactive UX Design: A Big Leap Requiring Baby Steps von Jared M. Spool veröffentlicht. Jared M. Spool gehört zu den führenden User-Experience-Experten unserer Zeit. Seine Website erreichen Sie unter http://www.uie.com. Weitere Artikel von Jared M. Spool finden Sie im UX-Special von //SEIBERT/MEDIA.