Konsistenz im UX-Design ist der falsche Ansatz

Das gegenwärtige Wissen ist ein deutlich besserer Weg, um über ein Problem nachzudenken.

Konsistenz im UX-Design dreht sich darum, Elemente uniform zu machen, sodass sie gleich aussehen und das gleiche Verhalten an den Tag legen. Wir hören Designer oft über konsistente Navigation, konsistente Seiten-Layouts oder konsistente Steuerungselemente reden. In all diesen Fällen suchen die Designer nach einer Möglichkeit, den Hebel an die Usability zu legen, indem sie Uniformität schaffen. Wenn der Nutzer erstmal gelernt hat, den Umgang mit dem Design an einer Stelle zu beherrschen – warum sollten wir dieses Wissen dann nicht auf die nächste Stelle transferieren? Das ist alles in Ordnung. Aber falsch.

Sehen wir uns zum Beispiel mal eine Design-Entscheidung an, die unsere Freunde bei Avis.com einst getroffen haben. Seinerzeit wählten sie die Nutzung eines Sternchens (*), um optionale Felder zu kennzeichnen, statt Pflichtfelder kenntlich zu machen. Weniger als zehn Prozent aller Felder auf der gesamten Website sind optional. Hätten sie Konsistenz mit der Welt da draußen hergestellt, wären in kompletten Formularen sämtliche Felder mit Sternchen versehen gewesen. Das hätte womöglich ganz eigene Probleme verursacht.

Also taten die UX-Designer bei Avis, was Designer eben tun: Sie trafen eine Wahl. Sie wählten die Option, inkonsistent im Vergleich zu praktisch allen anderen Formularen im Web zu sein. Aber intern und im Hinblick auf sich selbst waren sie konsistent.

Das Problem dabei, in Begriffen wie Konsistenz zu denken, besteht darin, dass sich diese Gedanken rein auf das Design fokussieren und der Nutzer dabei verlorengehen kann. „Ist das, was wir designen, konsistent zu anderen Dingen, die wir (oder andere) designt haben?“, ist die falsche Frage.

Die richtige Frage lautet vielmehr: „Wird das gegenwärtige Wissen des Nutzers ihm helfen zu verstehen, wie unser Design zu nutzen ist?“ Das gegenwärtige Wissen ist das Wissen des Users, wenn er auf das UX-Design trifft. Es umfasst die Summe alle Vorerfahrungen mit relevanten Produkten und Designs.

Wenn die Avis-Designer gefragt hätten „Wird der User wissen, wie er optionale Felder von Pflichtfeldern unterscheiden kann?“, dann wären sie vermutlich zu dem Schluss gelangt, dass Sternchen für optionale Felder doch den einen oder anderen Nutzer verwirren könnten. Vielleicht hätten sie eine andere typographische oder visuelle Lösung gewählt oder es auf die altbewährte Art gemacht und neben die entsprechende Feldbezeichnung einfach „optional“ geschrieben.

Wenn wir über Konsistenz nachdenken, denken wir über das Produkt nach. Wenn wir über das gegenwärtige Wissen nachdenken, denken wir über die Nutzer nach. Das sind zwei Seiten derselben Medaille. Doch wir haben festgestellt, dass die UX-Designer, die mehr Zeit damit verbringen, über die Nutzer nachzudenken, auch diejenigen sind, die besser nutzbare UX-Designs entwickeln.

Warum fühlen wir uns zur Konsistenz hingezogen? Weil es einfacher ist, über sie nachzudenken. Wir müssen rein gar nichts über unsere Nutzer wissen, um Dinge konsistent zu machen. Wir müssen nur etwas über unser Design wissen, und mit dem dürften wir als Designer halbwegs vertraut sein.

Die Auseinandersetzung mit dem gegenwärtige Wissen verlangt von uns dagegen tiefes Wissen über die User. Und dafür braucht es Zeit für Nutzerforschung und investigative Anstrengungen. Aber wir produzieren viel, viel bessere Ergebnisse.

Eines ist witzig am Nachdenken über gegenwärtiges Wissen: Wenn wir fertig sind, fühlt sich unsere Oberfläche konsistent an. Warum? Weil sie zu den Erwartungen der User passt und weil sie sich so verhält wie die Dinge, denen sie zuvor schon begegnet sind.

(Dies hat den interessanten Nebeneffekt, dass die falsche Sache verstärkt wird. Wenn wir auf eine Website stoßen, die sich konsistent anfühlt, sagen wir wahrscheinlich nicht „Hey, diese Designer haben gute Arbeit gemacht, weil sie offenbar untersucht haben, wie es um mein gegenwärtiges Wissen bestellt ist“. Stattdessen werden wir sagen: „Hey, sie haben die Dinge konsistent gemacht. Das sollten wir auch tun.“ Auf diese Weise erlebt der Kreislauf der schlechten Praxis eine ständige Verstärkung.)

Meine Empfehlung lautet: Wann immer das Team davon spricht, etwas konsistent zu machen, sollten wir die Konversation darauf lenken, worin das gegenwärtigen Wissen des Nutzers besteht.

Dieser Artikel wurde im Original am 12. Dezember 2018 unter dem Titel Consistency in Design is the Wrong Approach von Jared M. Spool veröffentlicht. Jared M. Spool gehört zu den führenden User-Experience-Experten unserer Zeit. Seine Website erreichen Sie unter http://www.uie.com. Weitere Artikel von Jared M. Spool finden Sie im UX-Special von //SEIBERT/MEDIA.