Management, Führung, Zusammenarbeit, Innovation – Bücherempfehlungen Teil I

Kennen Sie Denis Scheck? Falls nicht: Das ist der Literaturkritiker, der im ARD-Fernsehen die Sendung Druckfrisch moderiert. Ein fester Bestandteil dieser Reihe ist seine Kommentierung der aktuellen Top-Ten-Bestsellerlisten. Darin wird jedes Buch in wenigen Sätzen rezensiert - kurz und knapp, meinungsstark, teils auch polemisch, und am Ende kommt es auf den Empfehlungsstapel oder in die Tonne. Eine Grauzone gibt es nicht.

Das ist sicherlich kein besonders ausgefeiltes und differenziertes Rezensionssystem. Man kann bestimmt auch darüber streiten, ob eine 20-Sekunden-Kritik dem Inhalt eines langen Buch gerecht wird. Aber Schecks Top Ten kann auf jeden Fall als grobe Orientierungshilfe im Wust der Neuveröffentlichungen dienen - und amüsant sind seine eloquenten Verrisse allemal.

Könnten nicht Kollegen und Kunden von meiner "Vorarbeit" profitieren?

Denis Scheck liest sehr viel, und das haben er und ich gemeinsam. Auch ich lese reichlich - oder genauer gesagt: Ich lasse mir vorlesen. Wann immer sich mir die Gelegenheit bietet, habe ich ein Hörbuch im Player. Dabei bin ich natürlich in der angenehmen Situation, dass ich mir aussuchen kann, was ich konsumiere, während der Kritiker für seine Sendung querbeet alles liest und lesen muss, was es Neues gibt. Und so kann ich meinen inhaltlichen Vorlieben folgen. Wenig überraschend gibt es hier diverse Überschneidungen zu meiner Arbeit bei //SEIBERT/MEDIA.

Bei meiner Lektüre ertappe ich mich immer mal wieder dabei, dass ich denke: Wow, diese Ideen und Schlüsse könnten auch für meine Kollegen oder unsere Kunden wirklich hilfreich sein! Oder: Oje, mit diesem Käse sollte niemand seine Zeit verschwenden...

Und so ist in mir das Anliegen gereift, die Erfahrungen mit meinen Hörbüchern öffentlich zu teilen. Das ist eine Idee, die mich schon länger umtreibt. Dabei hatte ich verschiedene Ansätze im Hinterkopf.

Empfehlungsstapel oder Tonne

Erst wollte ich meine Kurzbesprechungen ganz klassisch mit Punktzahlen versehen: ein Punkt für Schrott, zehn Punkte für ein phänomenales Leseerlebnis.

Aber das hätte wahrscheinlich schnell zu Problemen geführt. Wann vergebe ich vier und wann fünf Punkte? Worin liegen die qualitativen Unterschiede zwischen Titel A mit acht Punkten und Titel B mit sieben Punkten? Kann ich so eine granulare Bewertung überhaupt für mich selbst nachvollziehbar machen - geschweige denn für andere Leser?

Und so bin ich schließlich bei einem Kondensat mit zwei Kategorien gelandet: "Ja, das lohnt sich meiner Meinung nach!" oder "Nein, das ist die Zeit nicht wert!". Empfehlungsstapel oder Tonne.

Im Gegensatz zur Fernsehsendung sind meine besprochenen Titel nicht zwingend druckfrisch. Es geht mir nicht um das Neueste vom Neuesten, sondern um dauerhaft interessante Gedanken. Die findet man durchaus in Büchern, die schon ein paar Jahre auf dem Buckel haben.

Lange Rede, kurzer Sinn. Hier ist der erste Teil meiner Literaturempfehlungen in wahlloser Folge:

Competing Against Luck: The Story of Innovation and Customer Choice

Clayton M. Christensen und Taddy Hall (Amazon, Audible)

Dieser Titel ist quasi die Urbibel der Jobs-to-be-done-Bewegung. Clayton Christensen ist ein bekannter Professor aus den USA, der sich dafür ausspricht, dass man weniger in Produkteigenschaften, sondern mehr in Anwendungsfällen denkt und die Produkte an diesen Nutzungsszenarien ausrichtet. Ein gut geschriebenes, kurzweiliges, interessantes Buch - nicht nur für Leute, die Produkte entwickeln. Empfehlenswert.

It Doesn't Have to Be Crazy at Work

Jason Fried und David Heinemeier Hansson (Amazon, Audible)

Die Software Basecamp und die Autoren dieses Titels sind Ikonen des Internets - das Gegenmodell der durch Venture Capital finanzierten Internet-Giganten. Sie produzieren sehr profitable und nachhaltige Software und schreiben darüber, warum in der Geschäftswelt vieles falsch läuft und was man besser machen kann. Das Buch dreht sich vor allem um Unternehmensorganisation und Möglichkeiten, sie besser zu gestalten. Sehr spannend!

21 Lessons for the 21st Century

Yuval Noah Harari (Amazon, Audible)

Harari analysiert den Einfluss aktueller Technologien auf die kommenden Jahren und fragt, was im 21. Jahrhundert durch den technischen Fortschritt des Internets passieren wird. Dabei geht er mit seinen Prognosen allerdings einige Schritte zu weit. Bei ihm liest es sich, als wären heute schon fast alle Jobs obsolet und automatisierbar. In der Realität ist die Automatisierung jedoch längst nicht so weit fortgeschritten. Dennoch sind die Überlegungen zur sogenannten "nutzlosen Klasse" ziemlich interessant, die entstehen könne, wenn einfache Tätigkeiten durch Technologien ersetzt werden und die betreffenden Arbeitnehmer am Markt keine Verwendung mehr finden, da andere Tätigkeiten zu komplex sind. Leider mangelt es dem Buch an konstruktiven Ansatzpunkten, um mit dieser Thematik umzugehen. Die "Lessons" sind zwar interessant, aber man muss stark abstrahieren und sie eher als Inspiration betrachten. Das ist teilweise schwierig, da Hararis Schlussfolgerungen nur dann passen, wenn die Zukunft bereits eingetreten ist. Einige andere seiner Implikationen sind aus meiner Sicht noch nicht valide. Gerade noch empfehlenswert.

Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft

Richard David Precht (Amazon, Audible)

Dieses Buch schlägt in eine ähnliche Kerbe wie Harari, ist aber viel schlechter: Inhaltlich flach und geprägt von technischer Ahnungslosigkeit schreibt der umtriebige Philosoph Precht ein apokalyptisches Szenario zusammen, in dem Google, Facebook, Amazon und Apple die Welt und insbesondere Deutschland versklaven werden. So zu tun, als ginge alles den Bach runter, ist weder konstruktiv, noch hat es mit der Realität zu tun, in der der Wohlstand statistisch weiter steigt. Zeitverschwendung, die für schlechte Laune sorgt.

The New Digital Age: Reshaping the Future of People, Nations, and Business

Eric Schmidt und Jared Cohen (Amazon, Audible)

Ein Blick auf die digitalisierte Welt aus Sicht des Google-Umfelds - quasi das Gegenstück zu Harari und Precht. Dieses Buch ist ziemlich stur durch die Google-Brille geschrieben. Ja, es ist gefällig zu lesen, manchen Ansichten folge ich bereitwillig, man lernt auch etwas über Google. Trotzdem: Eitel Sonnenschein zu besingen, finde ich letztlich genauso nutzlos, wie die Apokalypse zu beschreien.

The Subtle Art of Not Giving a F*ck: A Counterintuitive Approach to Living a Good Life

Mark Manson (Amazon, Audible)

Ein recht gutes, spannendes Buch, das den Leser lehrt, manche Dinge nicht zu ernst zu nehmen. Manson zeigt auf, wie schnell Menschen in emotionale Fallen tappen und sich von Themen stark emotionalisieren lassen, die das Theater gar nicht unbedingt wert sind. Nett.

When: The Scientific Secrets of Perfect Timing

Daniel H. Pink (Amazon, Audible)

Das populärwissenschaftliche Buch von Dan Pink ist deshalb eine spannende Sache, weil es wissenschaftliche Erkenntnisse und Studien kurzweilig, erhellend und unterhaltsam zusammenfasst. Das macht Spaß, ist kurz und knackig und sorgt für Aha-Momente, in denen man etwas lernt. Ein richtiges Popcorntüten-Buch, bei dem man Stück um Stück herausgreifen kann - und alle schmecken gut. Sollte man lesen.

Wie sich Menschen organisieren, wenn ihnen keiner sagt, was sie tun sollen

Lars Vollmer (Amazon, Audible)

Als deutscher Autor bewegt sich Lars Vollmer in unserem Kulturkreis und im Arbeitsumfeld deutscher Unternehmen. Das ist an sich schon interessant, weil es von diesen Einblicken nicht allzu viele gibt. Sein schlankes Buch ist eine inspirierende Lektüre, wenn man darüber nachdenkt, wie das eigene Geschäft morgen funktionieren müsste, damit man wettbewerbsfähig bleibt. Und das ist eine Frage, die auch große und erfolgreiche Unternehmen stark umtreibt, da sie heute jederzeit damit rechnen müssen, dass kleinere, agilere Konkurrenten auf der Bildfläche erscheinen, die die Probleme der Kunden schneller und besser lösen. Lars Vollmer zeigt anhand von Beispielen, Prinzipien und Ideen, was Unternehmen tun können, um sich robuster und weniger fragil aufzustellen. Das ist trotz des flotten und pointierten Stils teils schwer verdaulich, denn "Wie sich Menschen organisieren..." weist schonungslos auf Probleme hin und plädiert für einen grundsätzlichen Wandel. Dabei sind alle Vorschläge und Prinzipien praktikabel, realistisch und umsetzbar. Unbedingt empfehlenswert.

The Antidote: Happiness for People Who Can’t Stand Positive Thinking

Oliver Burkeman (Amazon, Audible)

"Sieh's doch mal positiv!" Oliver Burkeman räumt mit Phrasen wie diesen auf und wirft einen realistischen Blick auf schwierige, unangenehme Situationen. Das ist erfrischend und hilfreich. "The Antidote" bietet eine Perspektive jenseits des typischen US-Motivationsschmus und wirbt dafür, sich von Sprüchen wie "Das schaffen wir!", "Wir sind die Größten!" und "Du musst dein Glück nur fassen!" nicht so leicht emotionalisieren und euphorisieren zu lassen. Klare Empfehlung.

Antifragile: Things That Gain from Disorder

Nassim Nicholas Taleb (Amazon, Audible)

In diesem Buch geht es darum, dass viele Leute versuchen, etwas Robustes zu schaffen, beispielsweise ein niemals untergehendes Unternehmen. Doch starre, unverrückbare, eben robuste Mauern stehen dem im Wege, worauf es heute ankommt - nämlich der Fähigkeit, flexibel auf Änderungen zu reagieren. Nassim Taleb nutzt den Begriff "antifragil" als zeitgemäßen Gegenpol zum Zerbrechlichen: Man kann es nicht kaputt machen, aber es passt sich leicht an. "Antifragile" zeigt, dass sich hinter dem Begriff Flexibilität deutlich mehr Komplexität verbirgt, als man denkt. Es lohnt sich, darüber nachzudenken.


Das waren meine ersten zehn (natürlich absolut subjektiven) Kurzrezensionen zu oft mehr, manchmal auch weniger nützlichen Büchern. Alle Titel sind bei Amazon und in Hörbuch-Ausgaben auf den einschlägigen Portalen erhältlich.

Mehr Leseempfehlungen und -warnungen gibt es im zweiten Teil. Über Zuspruch, Einwände oder Kritik an meiner Kritik freue ich mich - zum Beispiel hier als Kommentar oder auf Twitter. 🙂


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