Conscious Capitalism: Kann Kapitalismus bewusst sein?

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Differenzierungsfaktor der Zukunft

Conscious CapitalismIn einer aufgewühlten Zeit, in der öffentliche Gelder auf irrationale Weise verschleudert werden, in der immer wieder neue Korruptionsfälle durch die Presse gehen und in der ein Vorstandschef 500 Mal so viel verdient wie der normale Angestellte im selben Unternehmen, ist es nicht einfach, daran zu glauben, dass Kapitalismus "bewusst" sein kann.

Aber die einfache Antwort lautet: Ja, es geht! Beispiele von Unternehmen, die einen bewussteren Kapitalismus praktizieren, sind häufiger als wir denken. Erfolgreiche Organisationen, die es sich auf die Fahnen geschrieben haben, Gutes zu tun, und die für einen höheren Sinn und Zweck arbeiten, gibt es überall. Conscious Capitalism ist nicht nur hochprofitabel; bewusster Kapitalismus wird auch ein Differenzierungsfaktor im Hinblick auf Erfolg und Profitabilität in der nahen Zukunft sein.

Die Zeiten, in denen wir diskutiert haben, ob Kapitalismus oder Sozialismus besser für die Menschheit ist, sind vorbei. Wir können zusammenfassen, dass Kapitalismus gut darin ist, Wohlstand zu schaffen, aber daran scheitert, Wohlstand zu verteilen, während Sozialismus gut darin ist, Wohlstand zu verteilen, aber unfähig, Wohlstand zu schaffen. Wir sehen, dass Kapitalismus und Sozialismus gewissermaßen Teile desselben Puzzles sind - oder Teile der Lösung, um die es hier gehen soll.

Vier Grundprinzipien für eine "stille Revolution"

Wir haben zu Beginn dieses Jahrhunderts viele Bewegungen kommen sehen: B Corp, Kreislaufwirtschaft, B Team, Sharing Economy, Collaborative Economy, Creative Capitalism und etliche andere; nur das Dreisäulenmodell ist schon etwas älter. Das alles sind Ideen, die Teil der Lösung sind, und sie alle tragen auf die eine oder andere Weise die vier Grundprinzipien in sich, über die wir nun diskutieren wollen.

Ich bin sicher, dass wir in zehn oder 20 Jahren auf diese Zeit zurückblicken und resümieren werden, dass wir Zeugen einer stillen Revolution gewesen sind. Und dann wird die Menschheit dem neuen ökonomischen System, das gerade entsteht, einen viel besseren Namen geben.

Conscious Capitalism ist eine jener Ideen und inzwischen zu einer globalen Bewegung angewachsen. Der bewusste Kapitalismus ist eine Unternehmensphilosophie, die Wohlstand auf humane Art und Weise generiert und die auf vier Grundsätzen basiert:

Bewusste Führung: Es handelt sich nicht um eine Revolution innerhalb der Organisation, sondern um eine Transformation von oben nach unten - weg vom Egosystem.

Wohlstandsgenerierung durch einen höheren Zweck: Der Zweck eines Unternehmens besteht nicht darin, Profit zu erzielen, sondern Wert für die Gesellschaft zu generieren - und das finanzielle Ergebnis ist eine Konsequenz aus diesem Ansatz.

Einbindung aller Interessengruppen: Die Erkenntnis, dass alle Teilnehmer im unternehmerischen Ökosystem interdependieren, weist den Weg zu echten Win-win-win-Modellen.

Die Schaffung einer Verantwortungskultur: Kollektive Verhaltensweisen, die von höheren Werten und einem höheren Zweck angetrieben werden, tragen zur Fortdauer des Unternehmens bei und verhindern, dass das Modell von Konkurrenten kopiert wird.

Eine weltweit wachsende Bewegung

Diese Bewegung wurde 2007 in den USA ins Leben gerufen. Die Grundlagen haben der Wissenschaftler Raj Sisodia und der Mitbegründer und CEO des Unternehmens Whole Foods Markets John Mackey erschaffen. In Europa wurde Conscious Capitalism formell mit der Gründung der spanischen Conscious-Capitalism-Ortsgruppe im Jahr 2016 vorgestellt, die 2018 Gastgeberin der Europäischen Conscious-Capitalism-Konferenz war.

Auch in Deutschland gibt es eine starke Conscious-Capitalism-Community. Sie veranstaltet am 23. September die diesjährige Europäische Conscious-Capitalism-Konferenz in Berlin.

In den Ortsgruppen überall auf der Welt (laut ConsciousCapitalism.org sind es mehr als 50) engagieren sich zumeist Geschäftsführer und Entrepreneure. Sie verbindet die Überzeugung, dass ihre Unternehmen mehr als nur Profit generieren können und dass es in ihrer Macht steht, die Gemeinschaften zu transformieren, denen sie angehören. Ziel und Zweck dieser Bewegung bestehen darin, durch Unternehmen Menschlichkeit zu fördern und Unternehmensverantwortliche durch Erfolgsgeschichten zu inspirieren.

Erfolg als natürliche Konsequenz

An dieser Stelle finde ich es wichtig zu betonen, dass Conscious Capitalism nicht mit Ansätzen wie sozialer Unternehmensverantwortung oder Cause-Marketing verwechselt werden sollte. Diese beiden Konzepte mögen integrale Bestandteile eines bewussteren Kapitalismus sein, dennoch bilden sie nur Einzelschritte im Rahmen des Transformationsprozesses der Unternehmenswelt.

Im Jahr 2006 hat Professor Raj Sisodia das Buch "Firms of Endearment" veröffentlicht. Darin arbeitet er heraus, dass Leute, die sich von einem Sinn und Zweck leiten lassen, außergewöhnliche Leistungen erzielen können. Er zeigt außerdem, dass Organisationen, die diesen Unternehmensprinzipien folgen, auf Basis eines übergeordneten Zwecks und der Integration aller Interessengruppen Wert für die gesamte Gesellschaft schaffen und dabei weit über dem Marktdurchschnitt performen.

In einer Analyse der Unternehmen, die er in diesem Buch betrachtet, belegt er, dass diese Organisationen Performances von 1.600 Prozent gegenüber 168 Prozent des historischen Marktdurchschnitts erzielen (Variation des S&P500-Index über einen Zeitraum von 15 Jahren). Ein weiterer Performance-Richtwert stammt von Jim Collins. Die Unternehmen in seinem Buch "Good to Great" weisen Performances von 178 Prozent über denselben Zeitraum auf, was auch noch deutlich unter der Leistungsfähigkeit von Conscious-Capitalism-Organisationen liegt.

Immer mehr bewusste Unternehmen übernehmen Verantwortung für die Auswirkungen ihrer Aktivitäten auf die Gesellschaft und für die Entwicklung ihrer Gemeinschaft und der Umwelt. Ein Beispiel ist Howard Schultz, der CEO von Starbucks mit über 21.000 Filialen und 140.000 Mitarbeitern, der mit all seinen Angestellten an der Studie teilgenommen hat.

Überall erscheinen bewusste Unternehmen auf der Bildfläche. Einige davon haben Eingang in eine Publikation vom April 2018 gefunden. Der Conscious Capitalism Field Guide bietet einen einfachen Schritt-für-Schritt-Ansatz, um die genannten Prinzipien zu implementieren, und untermauert das mit Praxisbeispielen und Testimonials von modernen Führungskräften über ihre Reise in Richtung eines bewussten Unternehmens.

Zweite Europäische Conscious-Capitalism-Konferenz am 23.9. in Berlin

Der Weg zur bewussten Organisation ist keine Option mehr, sondern eine Notwendigkeit, um in der sich abzeichnenden neuen Ökonomie zu bestehen. Dies ist ein Pfad ohne Umkehr: Heutige Unternehmen, die in diesem Jahrhundert überleben wollen, passen sich jetzt an, um ihre Präsenz in der Welt, die sie miterschaffen, sicherzustellen - unabhängig von Gesetzesinitiativen oder Druck von NGOs oder politischem Credo.

Was tut Ihre Organisation für ihre langfristige Tragfähigkeit? Woran arbeiten Sie als Führungskraft heute, um in Ihrer Gemeinschaft auf ein positives Vermächtnis hinzuwirken?

Bei der Conscious-Capitalism-Konferenz am 23. September 2019 in Berlin haben Sie die Gelegenheit, Erfahrungen auszutauschen und tief in die Ideen von Vordenkern und Wissenschaftlern über die Veränderungen, die Conscious Capitalism fördert, einzusteigen. Dies ist die zweite Konferenz dieser Art in Europa. Sie verfolgt das Ziel, bewusste Unternehmer zusammenzubringen, durch eindringliche Erfolgsgeschichten zu inspirieren und den Wandel zu einer menschlicheren Unternehmenswelt voranzutreiben.

Hier finden Sie alle Details zur Konferenz:

Thomas Eckschmidt ist Mitbegründer und Geschäftsführer von CBJ - Conscious Business Journey, einer weltweiten Organisation, die gegründet wurde, um Veränderungen anzustoßen. Sie bietet Zertifizierungsprogramme für Berater und andere Bildungsinitiativen, die helfen, die vier Prinzipien von Conscious Capitalism zu implementieren. Thomas hat die Conscious-Capitalism-Bewegung in Brasilien ins Leben gerufen und Gründungen in diversen weiteren Staaten wie Spanien, Deutschland oder Argentinien unterstützt. Er ist Mitautor der Bücher "Fundamentals of Conscious Capitalism" (2016) und "Conscious Capitalism Field Guide" (2018). Seine berufliche Reise durch die Unternehmenswelt (zehn Jahre), als Berater (zehn Jahre) und zuletzt als Conscious-Capitalism-Entrepreneur hat ihn in 20 Länder geführt und ihm zwölf Awards, vier Patente und 14 Buchveröffentlichungen eingebracht. Auf Basis dieser Erfahrungen bietet er ein weltweites Conscious Business Change Agent-Zertifizierungsprogramm mit 550 zertifizierten Fachleuten in sechs Ländern an. Mehr Infos: www.CBJourney.com.