Lean Innovation: Der wahre Wert unserer Zeit

Zeit ist unsere knappste Ressource. Andere Ressourcen wie Geld und Personal können nach oben und unten fluktuieren, aber die Zeit bewegt sich nur in eine Richtung.

Wenn ich dieses Zitat anbringe, scheinen die Leute es zu verstehen – doch ihre Aktivitäten beweisen dann das Gegenteil. Die meisten Menschen bewerten Geld nach wie vor höher als Zeit und treffen Entscheidungen, indem sie den aktuellen Geldwert dem zukünftigen Wert ihrer Geldinvestition gegenüberstellen (Return on Investment, ROI).

Das erinnert mich (unter anderem) an manche Entrepreneure in frühen Stadien der Gründung, die fälschlicherweise davon ausgehen, dass Bootstrapping billig sein müsse. Und sie loben sich selbst dafür, keine Ausgaben zu haben, aber gleichzeitig investieren sie ihr Schweißkapital in alles Mögliche. Sie verzichten darauf, Bücher anzuschaffen, für Trainings zu zahlen oder Experten anzuheuern.

Die Begründung: Ich habe noch keinen Umsatz, also habe ich wenig Geld und viel Zeit. Ich mache es selbst.

Das ist ein großer Trugschluss.

Erstens hat Bootstrapping nichts mit billig zu tun. Beim Bootstrapping geht es darum, effizient mit unseren Ressourcen umzugehen. Das Hauptziel eines Bootstrappers besteht darin, so schnell wie möglich Kundenumsatz zu generieren. Die Lerngeschwindigkeit, nicht die Sparsamkeit ist hier der wirkliche unfaire Vorteil. Mit anderen Worten: Der ROI ist integriert, Geld wird für Geschwindigkeit eingetauscht.

Zweitens ist unser Schweißkapital die teuerste Art von Kapital und sollte für unseren unikalen Beitrag reserviert sein – für etwas, das Andere nicht einfach replizieren können. Das ist unsere Superkraft oder unsere unikale UVP. Alles Sonstige kann und sollte delegiert werden – vorausgesetzt, der ROI ist da.

Doch wie bestimmen wir den ROI? Gehen wir die Schritte mal durch.

Der Wert unserer Zeit

Zunächst müssen wir unsere Zeit korrekt bewerten. Schweißkapital kostet nicht gar nichts. Weit gefehlt!

Eine Möglichkeit, das Schweißkapital zu bewerten, besteht darin, die Opportunitätskosten der Arbeit in unserem Startup in Stundensätzen zu nutzen. Nehmen wir an, wir könnten in einem regulären Job 75 Dollar die Stunde (150 K / Jahr) verdienen. Wenn wir uns stattdessen dazu entschließen, diese Zeit in unser Startup-Projekt zu investieren, sollten wir unsere Zeit entsprechend dieses Stundensatzes bewerten, oder? Das ist ein Anfang, aber es ist noch nicht der vollständige Weg. In der Startup-Mathematik müssen wir auch das Risiko und die Amortisationszeit ausgleichen.

Die Mathematik der Opportunitätskosten geht von einer hohen Sicherheit, bezahlt zu werden, aus. Wenn das nicht der Fall ist (so wie bei der Arbeit in einem Startup), müssen wir das ausgleichen. Nutzen wir die gängige zehnprozentige Erfolgsrate von Startups, so steigt der Wert unseres Schweißkapitals von 75 Dollar pro Stunde auf 75 Dollar pro Stunde durch 0,1 – also auf 750 Dollar die Stunde.

Dann ist da die Amortisationszeit. In einem normalen Job werden wir monatlich bezahlt. In unserem Startup müssen wir vielleicht ein Jahr oder zwei oder länger auf ein volles Gehalt verzichten… Die entsprechende Anpassung unseres Schweißkapitals bringt den Gegenwert nahe an 1.000 Dollar pro Stunde oder womöglich sogar darüber hinaus.

Wenn wir in einem Startup arbeiten, ist unsere Zeit 1.000 Dollar pro Stunde wert.

Das bedeutet:

  • In unserem Unternehmen sind wir der Investor Nummer eins.
  • Wir dürfen nicht einfach nach einer ein- oder zweifachen Gehaltsrendite suchen. Wir müssen zehnmal so groß denken.
  • Wir können nur so viele Stunden "verkaufen", wie der Tag hat, und auch Stundensätze haben eine Decke. Was können wir verkaufen, wenn wir schlafen?

Wie man den ROI bestimmt

Die Bestimmung des ROI ist nun einfach: Wenn wir jemanden oder etwas "anheuern" können, der oder das eine Arbeit für weniger als 1.000 Dollar pro Stunde erledigt, sollten wir das tun.

Nun ja, ganz so einfach ist es nicht. Wir haben immer noch das Problem der Cash-Verfügbarkeit. Solange wir nicht irgendwo eine persönliche Kriegskasse voller Gold deponiert haben, können wir für all die Aufgaben, die erledigt werden müssen, nicht einfach nach Gutdünken Geld ausgeben.

An dieser Stelle scheint die wahre Essenz des Bootstrappings durch: richtige Aktion zur richtigen Zeit. Zu jedem beliebigen Zeitpunkt gibt es nur einige wenige Aktivitäten, auf die es ankommt. Wir müssen all unsere Energie in diese Aktionen stecken und den Rest ignorieren.

Innerhalb dieser Schlüsselaktivitäten finden wir oftmals eine Mischung aus Kern-Jobs und Nicht-Kern-Jobs. Nicht-Kern-Jobs wie die Buchhaltung oder die Terminplanung können und sollten an weniger teure Dienstleister oder Tools delegiert werden. Diese Dinge selbst zu machen, hat einen ROI von null.

Unter den Kern-Jobs werden wir Aufgaben finden, in denen wir gut sind (beispielsweise fallen sie unter unsere persönliche UVP), und Aufgaben, in denen wir noch nicht gut sind. Die entsprechenden Fähigkeiten selbst zu erwerben, erscheint klug, doch das ist es nicht. Ein besserer Ansatz besteht darin, in einen Lernbeschleuniger zu investieren – zum Beispiel ein Buch oder einen Workshop oder einen Experten; oft in dieser Reihenfolge.

Zur Erinnerung: Am Anfang ist in der Regel die Lerngeschwindigkeit unser einziger unfairer Vorteil!

Übers Bücher-Kaufen braucht man nicht lange nachzudenken. Ein Buch kostet 20 Dollar, und selbst wenn wir nur eine einzige neue Idee auf unser Startup anwenden können, könnte der ROI beim Zehn- bis Tausendfachen liegen. Das Problem ist natürlich, dass Jahr für Jahr Millionen von Büchern veröffentlicht werden. Die wahren Kosten sind nicht die für das Buch, sondern unsere Zeit.

Wir brauchen eine bewusste Strategie:

  • Starten wir mit Dingen, die zu unserem Ziel "richtige Aktion zur richtigen Zeit" passen.
  • Wenn eine Fähigkeit für uns neu ist, sollten wir zeitlose Klassiker gerade veröffentlichten Büchern vorziehen. Bücher, die den Test der Zeit bestanden haben, sind vielfach überprüft worden, und wenn sie immer noch beliebt sind oder empfohlen werden, liegt es daran, dass sie dauerhaft gültige Prinzipien lehren und keine kurzfristigen Taktiken. Hier sollten wir beginnen. Taktiken kommen später.
  • Warum bis zum Ende des Buchs warten, bis wir es anwenden? Wenn ich ein Buch kaufe, überfliege ich zuerst das Inhaltsverzeichnis und verpflichte mich lediglich, die Einleitung zu lesen. Hier legt der Autor normalerweise seine These dar. Wenn ich hier nichts Neues oder Anwendbares finde, blättere ich den Rest des Buchs durch und schaue, ob etwas meine Aufmerksamkeit erregt. Falls das nicht der Fall ist, lege ich das Buch weg. Meine Zeit ist zu kostbar, um ein schlechtes Buch zu lesen.

Die Investition in Trainings oder Experten ist in der Regel größer als bei einem Buch – sowohl in Sachen Geld als auch im Hinblick auf die Zeit. Es ist also vernünftig, den ROI dieser Lernbeschleuniger vorher durch kleinere Samples zu testen. Vielleicht gibt es online Bücher, Artikel, Videos usw. Auch hier gilt: Wenn es um etwas geht, das wir jetzt lernen müssen, sollten wir das verfügbare Material sichten und anzuwenden versuchen, was wir können, bevor wir etwas buchen. Dadurch wird das persönliche Gespräch zehnmal produktiver.

Ich zum Beispiel bin immer wieder verblüfft, Leute in meinen Workshops zu finden, die meine Bücher vorher nicht gelesen haben.

Nicht zu vergessen: der Wert der Freizeit

Die ROI-Berechnung erreicht ihre Grenzen bei diversen immateriellen Dingen, die weitaus wertvoller als Geld sind. Wir haben uns bis jetzt darauf fokussiert, wie wir Arbeitszeit bewerten. Aber es gibt drei weitere Aspekte, die ebenso wichtig für ein sinnvolles Leben sind:

Gesundheit

Wenn wir härter arbeiten, als gesund ist, fügen wir uns Schaden zu und werden vielleicht nicht in der Lage sein, unseren späteren Lohn in Gänze zu ernten.

Beziehungen

Wenn unsere Arbeit auf Kosten unserer Beziehungen geht, werden wir vielleicht niemanden haben, mit dem wir uns gemeinsam über den späteren Lohn freuen können.

Wohlstand

Wir sind der Investor Nummer eins in unsere Idee, und wir müssen ihre Lebensfähigkeit sogar noch schonungsloser bewerten als unsere tatsächlichen Investoren. Sie investieren Geld. Wir investieren Zeit. Zeit ist wertvoller als Geld. Doch ungeachtet unserer bestmöglichen Anstrengungen sind Startups inhärent unsicher und es kann passieren, dass es am Ende keinen Lohn gibt. Wir brauchen einen Plan B.

Denken wir mal nach: Wenn wir nur 300 Dollar im Monat in den S&P 500 Index Fund stecken, würde die Summe in 40 Jahren auf rund eine Million wachsen. Der ROI, wenn man so etwas mit 20 Jahren (oder mit 30 oder 40) automatisiert, ist Wahnsinn!

Arbeit

Und schließlich: Gute, originäre Arbeit entsteht durch Kreativität. Und jüngste Studien zeigen, dass Kreativität in den leeren Bereichen zwischen den Strecken mit harter, fokussierter Arbeit auftritt. Anders gesagt: Wir müssen Freizeit fürs "Nichtstun" integrieren, um etwas Sinnvolles zu erschaffen.

Ich selbst balanciere diese Quadranten mit einem Kalender. Wie bei den meisten Entrepreneuren treibt mich meine Natur dazu, den Großteil meiner Zeit der Arbeit zu widmen. Also blocke ich in meinem Kalender zuerst nicht verhandelbare Zeiträume für die anderen drei Quadranten. Dann priorisiere ich meine verbleibende Zeit für Arbeitsaktivitäten.

Uns wird beigebracht, Geld über Zeit zu stellen. Hoffentlich bringt Sie dieser Artikel wenigstens dazu, sich zu fragen, wie Sie Ihre Zeit verbringen. Was uns unterscheidet, ist, was wir mit den 24 Stunden anstellen, die uns Tag für Tag gegeben werden. Verschwenden wir sie nicht!

Dieser Artikel wurde im Original am 11. Februar 2020 unter dem Titel The True Value of Your Time von Ash Maurya veröffentlicht. Ash Maurya gehört zu den führenden Köpfen der internationalen Gründerszene und ist einer der renommiertesten Experten für Lean Startup und Customer Development. Die Website seines Unternehmens LEANSTACK und seinen Blog erreichen Sie unter http://leanstack.com. Mehr Fachartikel bietet unser Lean-Special.