Moderne Organisationsentwicklung – Soziale Dynamiken: Machen uns Kreise (ohn-)mächtig?

Seibert Media ist auf dem Weg zu einer kollegialen Netzwerkorganisation. Echt jetzt – das Ganze fühlt sich immer realer an. Und diesen Prozess begleiten wir mit einem dedizierten Podcast, der den Weg nach innen und außen transparent macht. Darin diskutieren Jo Seibert und Sarah Boost in ihrer Funktion als interne Agile Coaches für die Organisationsentwicklung mit Ralf Janssen von Kompano, der das Unternehmen bei dieser Neustrukturierung begleitet.

In den ersten Folgen von "Echt jetzt? Seibert Media denkt Agilität neu" ging es um die Gründe, warum der Weg hin zur kollegialen Führung notwendig für uns ist. Die ersten Schritte sind getan und die neuen Ideen sind inzwischen in den Köpfen angekommen. Wir haben Feedback und Kritik bekommen, darüber nachgedacht und über Lösungen gesprochen. Die ersten Beschlüsse wurden gefasst und die Kreise beginnen sich zu formieren. Wie geht es jetzt weiter?

In der neuen Episode im Echt jetzt?-Podcast werden die Sondierungsgespräche für alle kollegial geführten Kreise beleuchtet – und was dabei zum Teil Unerwartetes zu Tage kam:

Du willst nicht nur zuhören, sondern auch mitlesen? Dann findest du hier wieder die Transkription des Podcasts.

Sondierungsgespräche zur Zusammensetzung von Arbeitsgruppen

In den Sondierungsgesprächen haben sich die Teilnehmenden vor allem damit beschäftigt, welche Ziele die einzelnen Kreise haben und wie sie zu besetzen sind. Unser Plan war, am Ende der Sondierungen Arbeitsgruppen zusammenzustellen, die personelle Entscheidungsvorschläge erarbeiten und anschließend in die Diskussion geben sollen. Was einfach klingt, stellte sich als gar nicht so trivial heraus, weil noch unklar ist, wer am Ende das letzte Wort hat oder ob es eine Wahl gibt.

Während der Wortmeldungen dazu kristallisierte sich eine weitere politische Frage heraus: Wie gehen wir damit um, dass sich einige von uns sehr meinungsstark einbringen, während andere sich eher zurückhalten und sich nach dem Meeting lieber untereinander besprechen, beispielsweise im Flur oder im Chat?

Laute und leise Meinungen: Wie wird bei uns Politik gemacht?

In den Meetings selbst scheint dieses Phänomen, so Jo, weniger virulent zu sein als in der Zeit danach oder unmittelbar vor dem nächsten Meeting. "Wie viel Politik passiert denn quasi zwischen solchen Meetings?", fragt sich auch Sarah:

"Wie entscheiden wir uns, nachdem sich zum Beispiel Martin Seibert äußerst prägnant geäußert hat? Sagen wir im Meeting ja, aber in der Abstimmung nein? Wie ist es, wenn ich erst einmal nur testen will, ob meine Idee überhaupt resonanzfähig ist und deshalb nicht gleich mit allen darüber reden will? Das sind Fragen, die uns im Grunde schon lange begleiten. Vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, das Thema neu anzugehen."

Ralf sieht darin die Chance, die Diskussionskultur zu verändern und so die politischen Strukturen bei Seibert Media noch ein Stück transparenter und offener zu gestalten. Und zwar in beide Richtungen. Er formuliert es so:

"Ich glaube, das sind beide, die Lauten und die Leisen, die müssen beide etwas lernen. Beide Seiten müssen lernen, auf Augenhöhe miteinander zu kommunizieren, dem anderen Raum einzuräumen der eine, der andere aber auch, sich ein bisschen Raum zu nehmen."

Eine Patentlösung für die optimale Kommunikation gibt es im Konzept der kollegialen Führung nicht. Es bedeutet immer ein Stück Arbeit für alle Beteiligten, und es ist ein Prozess, ein Weg. Das muss uns bewusst sein, und daher ist es richtig, aufmerksam und (selbst-)kritisch zu bleiben. Vor allem, da wir ja erst am Anfang des Prozesses sind, wie Ralf betont.

Besetzung der Kreise: ein hochsensibles Thema

Doch was heißt das ganz konkret für die Besetzung der Kreise? Kommen da jetzt die rein, die am lautesten schreien oder denen wir zutrauen, etwas zu bewegen, oder diejenigen, die sich fachlich besonders gut eignen, aber sich nicht selbst vorschlagen würden? Hierfür gibt es in der kollegialen Führung sehr wohl eine Antwort, und zwar im Sinne von soziokratischen oder kollegialen Rollenwahlverfahren. Der Unterschied ist, dass auf diese Weise das System entscheidet, wie Positionen oder Rollen besetzt werden und nicht etwaige soziale Dynamiken, Präferenzen oder bisherige Positionen.

Auch wenn die ersten Kreise noch überschaubar sind, ist der Versuch, ohne explizite Wahlverfahren im Eilverfahren Personen zu benennen, nicht unbedingt der richtige Weg. "Die Besetzung der Kreise ist ein hochsensibles Thema, das ist mir ja dadurch erst deutlich geworden", so Jo Seibert.

Bei einer anonymen Wahl wird sich dann zeigen, ob eine Person, die allgemein als Leistungsträger gehandelt wird, aufgrund ihrer Leistung auch in eines der Gremien gewählt wird, oder ob sie vielleicht gerade wegen ihrer Dominanz nicht genug Stimmen bekommt. Es wurden ja sogar Bedenken geäußert, dass Bedenken geäußert werden könnten. Die soziale Dynamiken können bei Seibert Media äußerst subtil sein. Daher werden die Ergebnisse der Wahlen für alle interessant sein. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann keiner sagen, wie sie ausfallen werden. Das macht die Sache natürlich spannend.

Sicherlich wäre es zu aufwendig, für jeden einzelnen Kreis ein Wahlverfahren zu organisieren, doch bei besonders sensiblen, das ganze Unternehmen betreffenden Bereichen ist eine Wahl nicht nur empfehlenswert, sondern, wie Ralf meint, möglicherweise sogar "eine Heilung für diese ganzen Prozesse und auch insgesamt ein wertschätzender Prozess".

Um ein geeignetes Wahlverfahren zu finden, gab es während der Sondierungsgespräche bereits Diskussionen, die zu einem ersten Vorschlag führten. Er sieht vor, dass alle Personen aus einem Geschäftsbereich eine Gruppe von 15 bis 20 Leuten wählen, den Resonanzkreis. Innerhalb dieses Kreises findet dann eine Wahl darüber statt, wer in die Arbeitsgruppe kommt, die sich für diesen Koalitionskreis engagiert. Die anderen aus dem Resonanzkreis stehen weiterhin zu bestimmten Themen zur Verfügung.

Wie dieser Vorschlag vom Strategiekreis und vom Portfoliokreis aufgenommen wird, wird natürlich sehr interessant für uns. Gerade was diese beiden Kreise betrifft, sind auch die Bezüge zwischen den Kreisen zu bedenken, die thematisch miteinander eng verknüpft sind. Deshalb gab es, wie Jo berichtet, in den Sondierungsgesprächen auch Diskussionen darüber, wie sogenannte "Doppelverlinkungen" zwischen des Vertretern des Portfoliokreises und des Strategiekreises aussehen könnten.

Unser agiles Erbe: Ist das Ende der Basisdemokratie in Sicht?

Sarah fasst die Stimmung innerhalb und außerhalb der Sondierungsgespräche so zusammen, dass eine gewisse Unsicherheit für die Legitimation existiert und von einigen Seiten basisdemokratische Prinzipien erwartet werden oder zumindest eine Unsicherheit darüber vorhanden ist. Jo bestätigt, dass der basisdemokratische Gedanke zum Teil die Basis unseres agilen Unternehmens ist:

"Jeder darf mitreden, jeder darf hier auch Dinge bestimmen. Und ich kann immer mal eine Meinung irgendwo einbringen. Und jetzt ist genau die Frage … schneiden wir hier dann Dinge weg ... und sind wir dann eigentlich noch agil oder werden wir dann zum Konzern?"

Doch ist es nicht so, dass genau diese basisdemokratische Vorgehensweise uns in unserer Agilität hemmen kann? Sarah meint dazu:

"Wenn jeder überall mitredet und mitbestimmt, dann sind wir auch nicht mehr agil, weil wir dann gar keine Entscheidungen mehr schnell treffen können. Dann sind wir viel zu langsam. Dann sind wir wahrscheinlich langsamer als ein Konzern."

Wir müssen als Unternehmen steuerungsfähig bleiben, wollen aber unsere Werte nicht über Bord werfen. Es geht also, wie Sarah zusammenfasst, darum, genau auszutarieren,

"wie viel Teilhabe und Demokratie an welcher Stelle für uns sinnvoll und gut ist. Und wo braucht es vielleicht auch jemanden, der eher eine Entscheidung trifft oder wo nicht so viele Leute mit einbezogen werden?"

Was die Besetzung der Kreise betrifft, ist daher der Grundsatz wichtig, dass von der Peripherie heraus Koalitionskreise bestückt und bestellt werden. Wenn in der Peripherie eine Idee entsteht, muss sie auch ohne formale Hürden in den Konsens eingebracht werden können, so Ralf. Nicht nur diejenigen dürfen sich einbringen, die in einem Koalitionskreis sind. Alle sollen mitgestalten dürfen und sich proaktiv einbringen. Eigenverantwortung, Mitwirkung, Anerkennung von Leistung und Feedback, das sind Bestandteile unserer Kultur, auf die wir auch in Zukunft nicht verzichten können und wollen.

Wie geht es weiter auf dem Weg zur kollegialen Führung? Podcast Nr. 4 ist bereits veröffentlicht, das Reinhören lohnt sich auch hier!

Weiterführende Infos

From Teamwork to Network: Einblicke in die Organisationsentwicklung bei Seibert Media
Agilität neu denken: Durch kollegiale Führung den Spagat zwischen Chaos und Konzern meistern
Agile Leadership: Nützlicher Ansatz für moderne Führung oder gefährliche Denkfalle?


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