Die zweite Drückebergerei: Brotkrumenpfade

Im letzten Artikel haben wir darüber diskutiert, warum Sitemaps im Grunde faule Ausreden sind – Entwickler konzentrieren sich auf die Symptome und nicht auf die eigentlichen Probleme. Dieses Mal sehen wir uns eine zweite verbreitete Drückebergerei an: Brotkrumenpfade.

Hänsel und Gretel

Im Märchen der Gebrüder Grimm werden die beiden Kinder eines Holzfällers im Wald ausgesetzt. Klugerweise verstreuen sie auf dem Weg dorthin in regelmäßigen Abständen Brotkrumen, die Ihnen helfen sollen, wieder nach Hause zu finden.

Brotkrumenpfade auf Websites verfolgen ein ähnliches Ziel: Sie sollen den Usern helfen, zum Ausgangspunkt zurückzukehren. (Bei Hänsel und Gretel werden die Brotstücke interessanterweise von kleinen Waldtieren gefressen und die schöne Idee löst sich in Luft auf.)

Blicken wir zurück ins Jahr 2002. Seinerzeit hat Informationsarchitekt Keith Instone die verschiedenen Arten von Brotkrumenpfaden auf Websites definiert:

  • Positionsbezogene Brotkrumenpfade zeigen dem User, wo innerhalb der Site-Hierarchie er sich befindet.
  • Wegbezogene Brotkrumenpfade zeigen dem User den Pfad innerhalb der Site, dem sie tatsächlich gefolgt sind.
  • Eigenschaftsbezogene Brotkrumenpfade zeigen dem User seine ausgewählten Attribute bei einer Detailsuche an.
  • Applikationsbezogene Brotkrumenpfade zeigen dem User den Fortschritt einer Anwendung.

Die meisten Websites, die Brotkrumenpfade verwenden, geben dem User Hinweise auf seine Position: In der Regel wird auf jeder Seite der Weg innerhalb der Hierarchie dargestellt, den der User theoretisch beschritten haben müsste, um sie zu erreichen. Auf Energy.gov beispielsweise zeigt die Page „Eine kurze Geschichte der Kohlenutzung“ den Pfad „Bildungsaktivitäten > Energie-Wissen > Allgemeines zur Kohle > Geschichte der Kohle“ an, obwohl der Nutzer problemlos auf die Page gelangen konnte, ohne einen dieser Brotkrumen-Links anzuklicken.

Zwar kommen wegbezogene Brotkrumenpfade ihrem Märchen-Pendant am nächsten, aber auf Websites werden sie selten eingesetzt. Es ist auch kaum hilfreich, den oftmals umständlichen Weg des Users abzubilden. Heute, da geführte Navigationstechniken wie die Kameraauswahl auf CircuitCity.com allgegenwärtig sind, kommen eigenschaftsbezogene Brotkrumenpfade immer mehr in Mode. Und um Prozessfortschritte (etwa beim Checkout in Web-Shops) darzustellen, bevorzugen viele Entwickler applikationsbezogene Brotkrumenpfade.

Normalerweise ist jedes Element im Brotkrumenpfad ein Link, der dem User irgendeine Form der „Rückkehr” gestattet. Von Rückkehr kann aber zumeist gar nicht die Rede sein, denn in vielen Fällen hat der User die übergeordneten Seiten gar nicht besucht, um dorthin zu gelangen, wo er sich gerade befindet. Folglich ist ein Brotkrumenpfad vielmehr ein geeignetes Mittel, um die Hierarchie einer Site darzustellen – dem User also eine breitere Perspektive auf die Inhalte zu eröffnen –, und damit sind wir beim Problem.

Das Symptom

Die Idee, die hinter einem Brotkrumenpfad steckt, ist einfach: Der User ignoriert ihn, bis er auf einer Seite landet, auf die er gar nicht wollte. Nun sieht er sich den Link-Wanderweg an und folgt dem Pfad, der ihn seiner Meinung nach eher zum eigentlich gewünschten Inhalt bringt. Und da er über mehr als eine Hierarchieebene springen kann, erhält er einen ausreichenden Einblick in die Site-Struktur, um Hinweise auf den gesuchten Content zu finden.

Weil die Entwickler die Site-Hierarchie bis ins Detail kennen – sie entscheiden ja unter Berücksichtigung bereits bestehender Inhalte, wo weiterer Content abgelegt wird –, ist es sinnvoll, auch dem User diese Hierarchie zu erklären. Dafür eignen sich Brotkrumenpfade. Sie fungieren sozusagen als Karten, die den Leuten jederzeit zeigen, wo sie sich befinden.

Als ich mich einmal mit einem Website-Betreiber über dieses Thema unterhalten habe, erzählte er mir, dass seinen Statistiken zufolge 11% der Besucher den Brotkrumenpfad nutzen würden und also einer von neun Usern irgendwann im Verlauf seines Aufenthalts auf diese Funktion zurückgriffe. Bei so viel Anklang könne der Brotkrumenpfad doch keine schlechte Sache sein.

Wie werden Brotkrumenpfade zu etwas Schlechtem?

Brotkrumenpfade sind nicht per se schlecht. Doch wie es mit Funktionen, deren Implementierung Ressourcen kostet, eben ist: Sind die zur Verfügung stehenden Ressourcen knapp, ist es leicht, schlechte Brotkrumenpfade zu produzieren. Solche mangelhaften Vertreter helfen jedoch niemandem; in gute Brotkrumenpfade muss man einiges investieren.

Damit sind wir bei der Ironie dieser Drückebergerei: Wenn niemand den Brotkrumenpfad nutzt, braucht man auch keine großen Anstrengungen zu unternehmen, um einen solchen zu implementieren oder gar zu verbessern. Und wenn es genug Bedarf an Verbesserungen gibt, muss man sich fragen, woher dieser Bedarf kommt. Anders ausgedrückt: Warum gehen so viele Leute auf der Site verloren?

Akustikgitarren

Vor einigen Jahren haben wir uns eBay genauer angesehen. Wir beobachteten einen jungen Mann, der sich für eine neue Akustikgitarre interessierte. Er gab fälschlicherweise „Akkustikgitarre“ in das Suchfeld der Site ein und dachte wohl, dies sei die korrekte Schreibweise.

Zu seinem Glück hatten Dutzende eBay-Verkäufer es ihm gleich getan und ebenfalls die falsche Schreibweise verwendet, denn immerhin 35 „Akkustikgitarren“ standen zum Verkauf. (Als ich diese Suche vor kurzem wiederholt habe, bin ich sogar auf 83 Produkte gestoßen; offenbar ist der Markt für „akkustische“ Instrumente ein wachsender.)

Dennoch kamen unserem jungen Mann 35 Treffer etwas zu wenig vor. Er klickte im Brotkrumenpfad den Link „Akustikgitarren“ an und stieß erfreulicherweise auf mehr als 3.000 Produkte. Der Brotkrumenpfad war seine Tür zum gesuchten Bereich.

Die wirklichen Ursachen

Es stimmt – dank des Brotkrumenpfades konnte unser Gitarrenfreund sein Ziel also erreichen. Doch wegen eines Problems hatte er sich vorher verirrt.

Man ist geneigt zu sagen: Selbst Schuld, immerhin war der Suchbegriff falsch geschrieben. Bei korrekter Schreibung wäre er sofort an der richtigen Stelle gelandet.

Andererseits: Hätte eBay den Auswirkungen seiner kleinen Unsicherheit nicht etwas entgegensetzen können? Gab es keine Möglichkeit, ihm zu helfen und auf den richtigen Weg zu führen?

Heute verfügt eBay interessanterweise über geeignete Funktionen. Geben wir in die Suchbox zum Beispiel die beiden Anfangsbuchstaben „ak“ ein, klappt ein Drop-Down-Menü auf und macht uns Vorschläge wie „Akku“, „Akkordeon“ und eben auch „Akustikgitarren.“ Übersieht der User diesen Hinweis, hilft ihm ein Link oben auf der Ergebnisseite weiter: „Meinten Sie … Akustikgitarren?“

Verschiedene Umstände bringen die Leute dazu, Brotkrumenpfade zu benutzen. Ein Fall ist jener mit der „Akkustikgitarre“: Ein User produziert Suchergebnisse, die nicht seinen Bedürfnissen entsprechen. Ein anderes Szenario ist die Suche mit korrekten Anfragen, die aber schwer zu deutende Ergebnisse hervorbringen und den Nutzer zu einer suboptimalen Auswahl nötigen.

Auch ein User, der auf Kategorie-Links klickt und meint, er würde einer guten Fährte folgen, um sich dann doch an der falschen Stelle wiederzufinden, könnte einen Brotkrumenpfad benötigen. Möglich ist außerdem, dass alles prima funktioniert, der User den gewünschten Content findet und sich nun etwas eingehender mit dem Thema beschäftigen möchte.

Das Scheitern des Brotkrumenpfades

In diesem seltenen Fall ist es Brotkrumenpfad durchaus sinnvoll, ihn zu implementieren allerdings schwer. Viele User nehmen ihn nicht wahr und ziehen keinen Vorteil aus ihm. Oder sie bemerken ihn, sind aber verwirrt, weil die Elemente nicht den Stationen entsprechen, die sie durchlaufen zu haben meinen.

Für diejenigen, die den Brotkrumenpfad tatsächlich zur Kenntnis nehmen und auch seinen Sinn verstehen, ist die Bezeichnung der einzelnen Elemente von großer Bedeutung. Ist der User mit dem Themengebiet nicht vertraut, könnten ihm die Begriffe verwirrend oder sinnlos erscheinen. Längere Links wären für ein besseres Verständnis sehr hilfreich, aber der Platz für Brotkrumenpfade ist selten üppig.

Das größte Problem ist der Mangel an Hinweisen auf andere Bereiche der Site. Wenn User den Brotkrumenpfad brauchen, weil sie sich im falschen Teil des Informationsgeästs befinden, benötigen sie solche Informationen am dringendsten. Doch Brotkrumenpfade zeigen uns immer nur den Ast, auf dem wir sitzen – und nicht den, auf dem wir sitzen sollten.

Die Bedürfnisse der User ermitteln

Wenn Teams sehen, dass die User offenbar Brotkrumenpfade benötigen, empfehlen wir ihnen, nach anderen und ganzheitlichen Lösungen zu suchen. Sie müssen die User beobachten und die Umstände identifizieren, aus denen sich der Bedarf ergibt. In nahezu allen Fällen wird sich ein besserer Weg als ein Brotkrumenpfad finden, um das Problem zu lösen.

In jenem beispielhaften Fall, in dem der User sich eingehender mit einem Thema befassen möchte, ist der beste Hinweis auf das „nächste Thema“ vielleicht ein einfacher, übergreifender Seitenkopf. Möglicherweise hilft eine Vorschlagsliste mit spezifischen weiterführenden Inhalten dem Nutzer viel eher? Hat man die Bedürfnisse der User verstanden, kommen großartige Ideen wie von allein.

Ach ja: Brotkrumenpfade sind nicht böse. Zumindest werden die User nicht vor Schreck von den Stühlen fallen.

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Dieser Artikel wurde im Original am 21. August 2008 unter dem Titel „Design Cop-out #2: Breadcrumbs“ von Jared M. Spool veröffentlicht. Jared M. Spool gehört zu den führenden Usability-Experten unserer Zeit. Seine Website erreichen Sie unter http://www.uie.com/. Weitere Artikel von Jared M. Spool finden Sie im Usability-Special von //SEIBERT/MEDIA.