Vandalismus und Edit Wars im Firmenwiki? Scheinriesen!

Die Bekämpfung von Scheinriesen im Rahmen einer Wiki-Etablierung im Unternehmen ist ein wichtiger politischer Negativfaktor, der die Einführung eines Firmenwikis massiv behindern kann. Ein Argument lautet: Eine Qualitätssicherung und ein Schutz vor Kontrollverlust, Qualitätsgau, Verantwortungslosigkeit und Chaos wären ohne Inhaltsfreigabe und Vorabkontrolle der eingestellten Wiki-Inhalte doch gar nicht möglich. Wer so argumentiert, sitzt jedoch einem Missverständnis auf, denn er unterscheidet offenbar nicht zwischen absichtlich und versehentlich gemachten Fehlern. Vandalismus und Edit Wars treten im Unternehmenswiki nicht auf.

Vandalismus

Absichtliche Fehlinformationen sind aus dem Internet und gerade aus Wikipedia, dem größten Wiki überhaupt, gerade bei emotional besetzten Themen natürlich bekannt. Drei harmlose Beispiele allein vom grünen Rasen: Auf Wikipedia.de trug der FC Schalke 04 für kurze Zeit den zweifelhaften Spitznamen Die Uschis – so bezeichnen die Fans des Lokalrivalen Dortmund die Mannschaft des "Erzfeindes" abfällig. Eintracht Frankfurt war einmal für einige Stunden ein vom DFB künstlich am Leben erhaltener Sportverein mit Großmannssucht aus Frankfurt am Main. Und von Borussia Mönchengladbach war auf der entsprechenden Wikipedia-Seite einst folgende Information zu lesen: 1. August 1900: Der Verein wird gegründet, nachdem ein paar Schweinehirten ihren dritten Mann beim Skat erschlugen und nun ein neues Hobby suchten. (Weitere heitere bis bösartige dieser Kreativleistungen finden Sie hier.)

Phänomene wie dieses, also Vandalismus und auch bewusst verbreitete Fehlinformationen, haben der deutschen Wikipedia so lange zu schaffen gemacht, bis die Community eine inhaltliche Vorabkontrolle etabliert hat: Heute wird jede Änderung erst gesichtet, ehe sie freigeschaltet wird.

Aber ein internes Firmenwiki ist kein öffentliches Wiki, kein Internetforum und kein Weblog. Es kann nicht mal eben ein Nutzer aus dem Internet vorbeikommen und Unheil anrichten. In einem Firmenwiki sind diese Phänomene Scheinriesen: Es gibt keinen Vandalismus und keine Trolle. Im Enterprise Wiki kann jede Bearbeitung zurückverfolgt werden. Alle Änderungen sind personalisiert und über die Revisionskontrolle nachvollziehbar, selbst wenn ein Mitarbeiter nur ein einziges Zeichen ändert. Es wird deshalb im Unternehmen keinen Mitarbeiter geben, der böswillig Dokumente manipuliert und Informationen absichtlich verfälscht, sofern ihm irgendetwas an seinem Job liegt. Im Firmenwiki arbeitet niemand anonym, und deshalb hat die Vandalismusfrage hier faktisch keine Relevanz.

Edit Wars

Ein weiteres Wikipedia-Phänomen sind Editierkriege, die mitunter groteske Ausmaße annehmen. Und sog. Edit Wars sind in der Wikipedia nach wie vor an der Tagesordnung. Ein bekanntes aktuelles Beispiel, dem sogar der Spiegel einen mehrseitigen Artikel gewidmet hat, ist der inhaltliche Streit um den Wiener Donauturm innerhalb der Autoren-Community: Es ging um die Frage, ob der Donauturm als Fernsehturm gilt oder nicht (sic!). Die Diskussionsbeiträge zum Thema nehmen inzwischen weit über 600.000 Zeichen ein, den Umfang eines stattlichen Romans.

Doch auch solche Erscheinungen sind im Unternehmenswiki weitgehend gegenstandslos. Zunächst müssen wir Wikipedia zugestehen, dass verbittert geführte Edit Wars die Ausnahme und nicht die Regel bilden: Ein absurdes Beispiel geistert durch die Medienlanschaft, während sich Tausende Artikel still, leise und ganz problemlos organisch weiterentwickeln. Im personalisierten Unternehmenswiki ist dieses Verhältnis aller Erfahrung nach noch viel deutlicher ausgeprägt.

Sicherlich gibt es auch in vielen Firmen mitunter Profilierungssucht und Rechthaberei. Doch bei der Arbeit mit dem Wiki gehen die Mitarbeiter ihrem Job nach und agieren nicht privat, sie bewegen sich in einem ganz anderen Umfeld als zwei starrsinnige Wikipedia-Autoren an ihren heimischen Rechnern – und sie sind nicht anonym. Grundsatzdiskussionen gibt es in jedem Unternehmen, aber sie werden konstruktiv und auf einer ganz anderen Ebene ausgetragen.

Auch sollte man fachliche Diskussionen nicht mit Editierkriegen verwechseln. Im Wiki ist es ausdrücklich erwünscht, dass Mitarbeiter sich per Kommentar auch ausführlich zum Thema austauschen und die Inhalte dadurch voranbringen und verbessern.

Fehler macht niemand absichtlich

Vandalismus und Edit Wars finden im Firmenwiki nicht statt. Fehler dagegen passieren jedem Mitarbeiter, natürlich auch im Wiki. Ein Rechtschreibfehler im Wiki ist jedoch per Klick behoben: Wer ein Dokument liest, kann es in der Regel auch editieren und einen Buchstabendreher in Sekundenschnelle korrigieren. Auch das ist Zusammenarbeit.

Bei einer Wiki-Seite mit vielen Fehlern oder auch mit offensichtlich fachlichen Ungenauigkeiten sind ein Kommentar oder eine E-Mail an den Autor mit einer freundlichen Bitte, das Dokument noch einmal durchzuarbeiten, die effizientesten Maßnahmen zur Qualitätssicherung. Und häufig erweist sich auch ein Hinweis an einen Dritten als sinnvoll, der mit seinem Input fachliche Unstimmigkeiten oft schnell beseitigen kann.

Restriktionen torpedieren die Mitarbeiteraktivierung

Eine inhaltliche Vorabkontrolle benötigt ein Firmenwiki in aller Regel nicht. Zudem ist ein solcher Freigabeprozess in vielen Unternehmen kaum praktikabel: In Unternehmen mit einigen Dutzenden, Hunderten oder gar Tausenden Mitarbeitern müssten – sofern diese sich beteiligen – auch Hunderte und Tausende Änderungen pro Woche kontrolliert und freigegeben werden, ganz abgesehen von der inhaltlichen Qualitätssicherung, für die ggf. jeweils Fachleute aus den einzelnen Bereichen heranzuziehen wären. Kurzfristige und tagesaktuelle Freigaben dürften unter diesen Umständen aussichtslos sein.

Eine vorgeschaltete Freigabe wäre also nicht nur teuer und aufwändig, sondern auch kontraproduktiv für das gesamte Wiki-Projekt. Restriktionen gefährden das empfindliche Pflänzchen Mitarbeiteraktivierung: Mitarbeiter sollen freiwillig ihr Know-how teilen, werden durch Beschränkungen aber daran gehindert.

Letztlich besteht hierdurch die große Gefahr, unbeabsichtigt wieder einen Zustand herbeizuführen, der oftmals mithilfe eines Wikis eigentlich behoben werden soll: den des statischen Intranets, das unter dem sog. One Administrator’s Syndrome leidet.

Unternehmen, die ihr Wiki von Beginn an mit solchen Beschränkungen betreiben und eine unzureichende Partizipation der Mitarbeiter beklagen oder die darüber nachdenken, nachträglich vermeintliche inhaltliche Schutzmechanismen zu etablieren, raten wir:

Lassen Sie es sein. Reißen Sie so viele Hürden wie möglich ein und vertrauen Sie Ihren Mitarbeitern. Sie werden es rechtfertigen.

Denken Sie über eine Wiki-Einführung nach? Benötigen Sie Unterstützung bei einem laufenden Wiki-Projekt? Haben Sie Fragen zur Mitarbeiteraktivierung oder suchen Sie Wege, intern politische Ressentiments zu überwinden? Wir sind Experten für Unternehmenskommunikation mit Erfahrungen aus Dutzenden Wiki-Projekten und helfen Ihnen gerne. Bitte sprechen Sie uns unverbindlich an. Ausführliche Informationen inklusive umfangreicher Videoinhalte finden Sie auch auf unserer speziellen Seite rund um die Einführung von Firmenwikis.

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