Wie UX-Teams üben und trainieren

Alex Rodriguez, der bestbezahlte Baseballspieler der Major League, macht dasselbe wie jeder weniger gut bezahlte Spieler: Er trainiert, den Ball zu treffen, zu werfen und zu fangen.

Alex spielt mehr als 100 Spiele in einer normalen Saison und trotzdem findet er die Zeit zum Üben. Er weiß, dass er in Bestform bleiben muss. Das Training ist Teil seiner Routine.

Die Spieler der obersten Liga sind nicht die einzigen Profis, die regelmäßig üben. Musiker, Feuerwehrleute, Piloten und Chirurgen trainieren regelmäßig ihre Fähigkeiten.

Wie sollten UX-Profis trainieren? Wie könnten wir unsere Fähigkeiten permanent verbessern? Wir haben untersucht, wie andere Usability- und Design-Experten üben, und wollten sehen, ob es sich nicht lohnen könnte, sich diese oder jene Technik auszuborgen.

Ein Nebenprojekt ist keine Übung, sondern Arbeit

Etwas ist uns gleich aufgefallen: Übungsaktivitäten sehen kaum aus wie Arbeitsaktivitäten.

Als wir UX-Experten nach ihren Trainingsmethoden fragten, sagten viele: „Natürlich, ich mache regelmäßig Nebenprojekte für Freunde und gemeinnützige Organisationen.“ Nebenprojekte sind eine gute Sache, aber wir glauben nicht, dass sie sich zum Üben eignen. Da auch die Freunde oder die wohltätigen Organisationen auf hochqualitative Ergebnisse angewiesen sind, haben Nebenprojekte große Ähnlichkeit mit der Arbeit im Tagesgeschäft.

Übung sieht anders aus. Gutes Training konzentriert sich auf den Prozess, während Arbeit auf das Ergebnis fokussiert ist. Wenn Ärzte, Musiker und Piloten üben, machen sie nicht ihre ganze Arbeit. Sie untersuchen den Arbeitsprozess und wiederholen oft mehrfach dieselben Schritte.

Wenn sie ihre Wundverschlusstechnik trainieren, benutzen viele Chirurgen Tierabfälle aus Metzgereien, um Einschnitte zu vernähen. Sie führen nicht das gesamte chirurgische Prozedere durch, denn sie sind nicht am Ergebnis interessiert. Sie schließen vielmehr schnell und sauber den Einschnitt und wiederholen das Ganze anschließend.

Ein Muskelgedächtnis durch Übungen aufbauen

Piloten von Fluggesellschaften üben Notlandungen im Flugsimulator. Professionelle Köche trainieren ihre Fähigkeiten im Umgang mit dem Messer; sie hacken Zwiebeln, schneiden Tomaten, tranchieren Fleisch. Sie wiederholen diese Übungen, bis sie viele der Aktionen ausführen können, ohne über sie nachzudenken.

So wird ein Muskelgedächtnis aufgebaut. Wenn wir etwas Neues ausprobieren, das Geschicklichkeit und Präzision erfordert, müssen wir uns auf die initialen Bewegungen konzentrieren. Aber wenn wir diese Bewegungen wiederholen, trainieren wir unser Gehirn weg vom bewussten Denken und hin zu unbewussten Muskelreaktionen.

In seinem Buch „Blink! Die Macht des Moments“ beschreibt Malcolm Gladwell die Vorstellung, dass 10.000 Stunden nötig sind, um es in einer Disziplin zur Meisterschaft zu bringen. Ein Großteil dieser Stunden wird zum Aufbau des Muskelgedächtnisses verwendet.

Wollen wir im Entwicklungsprozess bessere Skizzen und Wireframes anfertigen? Dann müssen wir Zeichnen und Skizzieren üben. Unsere Muskeln lernen schneller zu skizzieren, wenn wir dieselben Design-Elemente wieder und wieder zu Papier bringen.

Ein Muskelgedächtnis aufzubauen, ist kein kreativer Vorgang. Wenn Sie Ihr Skizzenbuch aufschlagen, werden Sie dieselben Bilder in dutzendfacher (oder hundertfacher) Ausführung sehen. Die Bilder jüngeren Datums werden vielleicht nicht einmal besser aussehen als die älteren, da wir uns nicht auf das Ergebnis konzentrieren. Im Fokus steht der Akt des Zeichnens.

Sie sollten Ihre Übungen wiederholen, bis Ihre Finger genau wissen, was sie tun müssen. Sie müssen weiter trainieren, da Sie die Wiederholung benötigen, um das Muskelgedächtnis intakt zu halten.

Das Trainieren von Problemlösungen

Vor einigen Jahren haben wir an einem Online-Trainingsservice für Ärzte mitgearbeitet. Die Website enthielt Fallstudien, beschrieb die Probleme der Patienten, ihre Krankengeschichten, ihre Körpermaße und ihre Symptome. Die Ärzte konnten dann Tests anfordern, die Ergebnisse auswerten, ihre Diagnosen erstellen und Behandlungen vorschlagen. Die Seite beurteilte anschließend, wie sie im Vergleich zu anderen Experten abgeschnitten hatten und wie alternative Diagnosen und Behandlungen aussehen könnten (zusammen mit ihrer Wirkungswahrscheinlichkeit).

Die Fallstudien-Website unterstützte die Ärzte in ihren Prozessen. Sie wies aus, wo sie eine wesentliche Vitalfunktion oder einen wichtigen Abschnitt der Patientengeschichte übersehen hatten. Sie zeigte ihnen, welche Untersuchungsmethoden am effektivsten sind. Sie gab Hilfestellungen für bessere Diagnosen und Behandlungen.

Das Üben von Problemlösungen ist eine andere Art des Trainings als das Aufbauen eines Muskelgedächtnisses, auch wenn wir uns noch immer auf den Prozess und nicht auf das Ergebnis konzentrieren. Durch diese Übungen trainieren wir, zu einem Problem Hypothesen zu entwickeln, geeignete Maßnahmen zur Bestätigung unserer Hypothesen vorzuschlagen und Lösungsvorschläge für das Problem zu finden.

Nathan Curtis, der Autor von „Modular Web Design“ lehrt uns eine praktische Problemlösungstechnik, um eine Bibliothek aus wiederverwendbaren Design-Komponenten aufzubauen. Wir beginnen mit einer großen Homepage wie CDC.gov oder ESPN.com und drucken alle Seiten aus. Wir markieren die wiederverwendbaren Elemente mit Markern und schneiden sie anschließend aus; in einem Notizbuch sammeln wir diese Elemente und stellen so eine provisorische Komponentenbibliothek zusammen.

Diese Technik verbessert unsere Fähigkeiten, Elemente zu identifizieren, die wiederverwendbar sind. Wir können diese Übung hervorragend im Team praktizieren: Zunächst versucht es jeder für sich, dann werden die Ergebnisse verglichen. Wir sehen, welche Ansätze die einzelnen Teammitglieder verfolgt haben und lernen voneinander.

Wie beim Aufbau des Muskelgedächtnisses ist auch hier die Wiederholung ausschlaggebend. Problemlösungsfähigkeiten werden kumulativ erlernt. Indem wir die Techniken der anderen Beteiligten kritisieren und sagen, was uns daran gefällt, erkennen wir, was wir für uns selbst nutzen können, um noch besser zu werden.

Spielerisches Erkunden üben

Einige Musiker nennen es Rumklimpern: Sie spielen auf dem Instrument herum und erzeugen beiläufig Tonfolgen, haben aber keine konkrete Zielvorstellung. Das machen sie stundenlang, sie spielen einfach Töne, Riffs und Sequenzen, um zu sehen, was dabei herauskommt. In diesem Prozess erforschen sie den musikalischen Raum.

Spielerisches Erkunden hilft zu ermitteln, wo die Grenzen liegen. Es gibt dabei kein spezifisches Problem zu lösen. Es geht nicht darum, die Muskeln zu einer bestimmten Reaktion zu trainieren. Es beantwortet vielmehr die Frage: „Wenn ich das hier in diese Richtung bewege, was geschieht dann?“

Wir können unsere Arbeit auf viele verschiedene Arten erforschen. Ein Team, mit dem wir zusammengearbeitet haben, spielt regelmäßig mit den Elementen ihrer Designs. Sie wenden ganz unterschiedliche Stile an und beobachten, was sich verändert.

Beispielsweise haben sie mit dem Login-Dialog herumprobiert. Wie würde es aussehen, wenn die Design-Stile sich an verschiedenen Filmgenres orientieren würden, etwa Science Fiction, Horror, romantische Komödien oder Bollywood? Wie würden sich jeweils Stil, Farben, Layout usw. verändern?

Ein anderes Team trainiert die Fähigkeiten, die für die Moderation von User-Tests wichtig sind, mithilfe von Rollenspielen. Auf spielerische Weise verkörpern die Mitarbeiter die Testteilnehmer. Dafür ziehen sie verschiedene Charaktere aus dem Hut: Du bist sehr leicht in Rage zu bringen, Du äußerst Deine Meinungen gerne laut, Du findest den Moderator sehr attraktiv. Aufgabe des Moderators ist es nun, wirksame Techniken anzuwenden, um die Sitzung in der Spur zu halten. So lernt dieses UX-Team, wie es in Extremsituationen richtig reagiert.

Viele verschiedene Übungsansätze

Der Aufbau eines Muskelgedächtnisses, das Trainieren von Problemlösungen und das spielerische Erkunden sind nur drei Übungsansätze. Andere Teams versuchen es mit Aufwärmübungen vor jedem Design-Meeting oder trainieren insbesondere die Zusammenarbeit untereinander.

Je mehr Ansätze Sie verfolgen, desto besser werden Ihre Fähigkeiten und desto mehr Möglichkeiten eröffnen sich Ihnen. Abwechslung vermeidet Eintönigkeit, insbesondere zwischen Projekten.

Unabhängig vom gewählten Ansatz sind Wiederholungen wichtig. Wenn wir etwas nur ein Mal machen, berauben wir uns vieler Alternativen.

Das ist auch das Problem, wenn wir Nebenprojekte als Training nutzen wollen. Wir können nicht sagen: „Halt, ich möchte das noch einmal versuchen.“ Wir können uns hierbei nicht auf den Arbeitsprozess konzentrieren und das Ergebnis ignorieren.

Viele Unternehmen, darunter Google, verfolgen einen 20-Prozent-der-Arbeitszeit-Ansatz: Mitarbeiter können ein paar Stunden der Woche auf Projekte außerhalb des Tagesgeschäfts verwenden. Nutzt man diese 20 Prozent ganz oder zum Teil für Trainingsübungen, kann das für Unternehmen ebenso wertvoll sein wie abgeschlossene Projekte.

Die Häufigkeit ist am wichtigsten

Eine einzige Übungssitzung ist ein guter Anfang, aber kein gutes Ende. Der Trick besteht darin, regelmäßig zu üben.

Manager und Teamleiter können regelmäßige Trainingszeiten ausweisen und Aktivitäten vorschlagen. Ein paar Übungsstunden pro Woche bieten eine kostengünstige Möglichkeit, um die Fähigkeiten nachhaltig und kontinuierlich zu verbessern. Ideal sind Übungen, in denen die Teammitglieder ihre Fähigkeiten gemeinsam verbessern, indem die stärkeren Mitarbeiter die Kollegen unterstützen, die vielleicht ein bisschen mehr Hilfe brauchen.

Wichtig ist zudem, etwas Zeit in Retrospektiven zu investieren. Was ist im Training gut gelungen? Was könnte ich verbessern? Was kann ich von anderen Teammitgliedern lernen? Wobei kann ich Kollegen helfen?

Ich habe noch nie einen Usability-Experten oder Designer getroffen, der nicht in Topform sein und der nicht spektakuläre Ergebnisse erzielen wollte. Übung ist ein wichtiger Bestandteil der Fortbildungsstrategie.

Dieser Artikel wurde im Original am 14. Juni 2011 unter dem Titel Developing a UX Practice of Practicing von Jared M. Spool veröffentlicht. Jared M. Spool gehört zu den führenden Usability-Experten unserer Zeit. Seine Website erreichen Sie unter http://www.uie.com. Weitere Artikel von Jared M. Spool finden Sie im Usability-Special von //SEIBERT/MEDIA.