Agile Management Innovations: Voraussetzungen für mehr „Flow“ schaffen

Viele Unternehmen, die in der Software-Entwicklung und auch in anderen Prozessen mit agilen Methoden bereits die ersten Schritte gegangen sind und Frameworks wie Scrum und Kanban auf Teamebene erfolgreich etabliert haben, sehen sich im nächsten Stadium schnell einigen naheliegenden Fragen gegenüber:

Wie bringen wir mehr Agilität in das gesamte Unternehmen und in die Organisation über die Software-Entwicklung hinaus? Wie können wir unser Unternehmen mit seinen Abteilungen und Hierarchien so verändern, dass die agilen Strukturen auch hineinpassen? Wie vermeiden wir, die selbstorganisierten Teams in das Korsett der klassischen Organisation zu pressen und so große Teile der agilen Kraft und Produktivität direkt wieder abzuschnüren? Kurz:

Wie können wir uns zur agilen Organisation weiterentwickeln?

Hier setzt it-agile an, ein Dienstleister, mit dem wir partnerschaftlich verbunden sind. Im Gespräch mit Martin Seibert, das Sie unten in der Aufzeichnung sehen können, stellt Bernd Schiffer (Twitter, Agile-Trail-Weblog) die sogenannten Agile Management Innovations (AMIs) vor – Vorschläge auf Basis von Heuristiken, um eine Umgebung schaffen, in der sich die agilen Teams tatsächlich entfalten können und in der die Produktivität auch wirklich gelebt werden kann.

Doch zuvor die Frage: In welchem Zustand ist ein Mitarbeiter eigentlich am produktivsten?

Hintergrund: Die Voraussetzungen für Flow schaffen

Kennen Sie die Situation, so in eine Aufgabe vertieft zu sein, dass Sie irgendwann „zu sich kommen“ und staunen, wie viel Zeit vergangen ist – und begeistert davon sind, was Sie für tolle Ergebnisse geschaffen haben?

Für jenen Zustand der Selbst- und Zeitvergessenheit, in dem Sie sich während der Arbeit befunden haben, hat der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi den Begriff Flow geprägt. (Siehe hierzu auch das wunderbare Video zu Martin Pinks Vortrag „The Surprising Truth About What Motivates Us“.) Und diese Flow-Momente sind das Ziel: Die agile Organisation will Mitarbeiter häufiger und dauerhaft in einen solchen Flow zu versetzen.

Für das Erreichen von Flow-Momenten benennt Bernd Schiffer drei zentrale Voraussetzungen:

  • Autonomie, also Selbstbestimmung statt Reglementierung und Anweisungen von oben
  • Mastery, also die Möglichkeit, persönliche Meisterschaft zu erlangen und immer besser zu werden
  • Purpose, also einen Zweck und eine Vision dahingehend, in welche Richtung sich die Kraft und Produktivität, die durch agile Prozesse entstehen, kanalisieren sollen

Als Faustregel kann gelten: Flow lässt sich dann am ehesten erreichen, wenn der Mitarbeiter weder überfordert noch unterfordert ist und wenn seine Fähigkeiten und die Anforderungen an ihn ausbalanciert sind.

Die AMIs: Impulse für die agile Organisation

Damit ist der Bogen zu den Agile Management Innovations geschlagen: Sie wollen Impulse dafür bieten, als gesamtes Unternehmen agiler zu werden und den Boden für mehr Flow zu ebnen. Bernd Schiffer und seine Kollegen haben 26 AMIs gesammelt und beschrieben. Einige Konzepte wie Open Space sind längst weit verbreitet, andere Anregungen machen – je nach Unternehmen, dass diese Möglichkeiten evaluiert – zunächst einen etwas verwegenen Eindruck.

In der Live-Session mit der Präsentation kommen exemplarisch drei AMIs zur Sprache.

Slack
Das Slack-Konzept sieht vor, dass jeder Mitarbeiter einen bestimmten Teil seiner Arbeitszeit ohne Vorgaben mit den Dingen verbringen kann, die ihn interessieren. Das Stichwort lautet Freiraum. Slack soll gewissermaßen Stau im Kopf der Mitarbeiter vermeiden und Möglichkeiten bieten, eigene Ideen zu verwirklichen, auch wenn sie nichts mit der eigentlichen Arbeit und dem Tagesgeschäft zu tun haben.

Für die Ergebnisse, die in Slack Time entstanden sind, gibt es inzwischen zahllose eindrucksvolle Beispiele: So haben Google-Mitarbeiter den Web-Mail-Dienst GMail in ihrer Slack Time entwickelt, in der Slack Time sind Atlassians Plugins Team Calendars und Bonfire entstanden, mit denen das Unternehmen heute beachtliche Umsätze erzielt.

Konsent
Das Motto ist hier: Entscheidungsfindung im Konsent statt im Konsens. Bei klassischen Mehrheitsentscheidungen tragen immer Personen die Entscheidung nicht mit; sie werden überstimmt, tatsächlicher Konsens ist erfahrungsgemäß sehr schwer zu erreichen.

Konsent soll Mehrheitsentscheidungen, hinter denen auch immer einige Beteiligte nicht stehen, überflüssig machen und hat die Konnotation „keiner ist dagegen“. Ein Beispiel für die Herbeiführung von Konsent ist das Thumb-Voting im Team:

Die Person steht voll hinter der Idee und sieht sich hier als Vorreiter.

Die Person enthält sich nicht etwa oder signalisiert, dass es ihr egal ist. Vielmehr bedeutet der Querdaumen, dass sie die Entscheidung mitträgt – zwar nicht aus vollem Herzen, aber das Team kann sich darauf verlassen.

Die Person macht von ihrem Veto-Recht Gebrauch und hat dabei die Verpflichtung, eine Begründung abzugeben. So gibt sie den anderen Beteiligten auch die Möglichkeit, weiter an dieser Entscheidung zu arbeiten. Das Team hat die Chance, Kompromisse zu finden, die letztlich alle mittragen.

Teams (Organizational Partitioning)
Hinter Organizational Partitioning steht die Überlegung, das Unternehmen komplett in Teams zu „zerlegen“, ohne dass dabei ein globaler Gedanke verloren geht – siehe die oben erwähnte Flow-Voraussetzung Purpose.

Die Idee: Die gesamte Organisation ist in cross-funktionale, selbstorganisierte und autonome Teams unterteilt, die sich so viel besser organisieren und viel effektiver an Themen arbeiten können.

Management Experiments

Diese drei Beispiele für AMIs haben mit allen anderen eines gemeinsam: Sie sind keine Rezepte, die immer funktionieren; man kann sie nicht einfach im eigenen Unternehmen nachkochen. Der Erfolg und auch die Tiefe der Integration in die Organisation hängen maßgeblich von der Natur des Unternehmens und seinem ureigenen kulturellen Fingerabdruck ab.

Die AMIs sind vielmehr Anregungen für Innovationen, weil jede Organisation sie für sich lernen muss. In vielen Fällen wird es sich allerdings lohnen, mit ihnen zu experimentieren, um dem Ziel „mehr Flow“ näher zu kommen.

Aufzeichnung der Live-Session mit Bernd Schiffer und Martin Seibert

Die folgende Playlist enthält das gesamte Material, das anlässlich der Live-Session über die AMIs von it-agile entstanden ist: eine kurze Vorschau auf die Präsentation, die Aufzeichnung der kompletten (etwa 50-minütigen) Sendung sowie die englische Wiederholung des ausführlichen Gesprächs:

Weiterführende Informationen

Die Folien zur Präsentation
Einführender Blog-Artikel von Bernd Schiffer
Schulungsangebot von it-agile
Das Agile-Dienstleistungsportfolio von //SEIBERT/MEDIA

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