APIs: Die Zukunft ist jetzt

Usability_Tag_CloudIn dem Moment, in dem Dr. Meg Jackson ihre Schlafzimmervorhänge öffnete, wusste sie, dass der Tag mit Chaos starten würde. Es war nicht vorgesehen, dass es im April schneite, volle 15 Zentimeter, seit sie ins Bett gegangen war.

Sobald das Telefon klingelte, ahnte sie, was los war. Nach dem Abheben hörte sie die allzu vertraute Stimme der Schuldirektorin, die ihre Stadt informierte, dass die Schule heute geschlossen bleiben würde.

Augenblicklich drehten sich Megs Gedanken um die Planung ihrer morgendlichen Termine. Den ersten Termin in einer Stunde hatte Mikey Thompson, ein Vierjähriger mit einer etwas überängstlichen Mutter, die sicher nicht erfreut wäre, wenn sich der Termin verschieben würde oder gar ausfiele. Vielleicht könnte sie die Kinder bei den Nachbarn unterbringen, während sie für ein paar Stunden in die Praxis fahren würde?

In diesem Moment kam die gute Nachricht. Die SMS auf ihrem Telefon war vom Terminvereinbarungssystem der Praxis und besagte, dass Mrs. Thompson den Termin auf nächste Woche verschoben hatte. Okay. Zeit zum Durchatmen und sich über den Tag klarzuwerden.

Ihr Handy vibrierte abermals, diesmal war es ein eingehender Anruf. "Margaret Jackson", antwortete sie.

"Hi Meg, hier ist Ted." Ted war ein anderer praktizierender Arzt.

Eine weitere Stimme: "Nickolas Richmond." Noch ein Doktor hatte sich zum Gespräch hinzugesellt.

"Hi zusammen!" Sie erkannte die Stimme von Mary Ellen, der geschäftsführenden Teilhaberin ihrer kleinen Praxis. "Ich wollte darüber sprechen, was wir heute tun. Die Straßen sind dicht und vielleicht sollten wir die Praxis heute geschlossen lassen."

Die Wunder von Twilio bestaunen

Die Technologien in diesem Szenario – Robocalls, SMS-Integration und Konferenzgespräche – sind heute für jeden Interaktionsdesigner mit Internetverbindung über einen coolen kleinen Service namens Twilio verfügbar. Die Programmierschnittstelle (API) von Twilio bietet eine reiche Bibliothek an automatisierten Funktionen (jede zu sehr überschaubaren Kosten), um Stimme, SMS und Telefon in fast jedes Interaktionsdesign zu integrieren.

Das Twilio-Team hat unglaubliche Arbeit geleistet und ein Toolset für alle, die gerne Kommunikation in ihre Applikationen integriert hätten, ausgeliefert. Sie haben die Technologie in kleine Teile aufgebrochen, die Teams in jeder beliebigen Reihenfolge neu kombinieren können, um ihre spezifischen Bedürfnisse zu erfüllen.

Im obigen Szenario fand die Schule einer kleinen Stadt es sinnvoll, ein Robocall-Nachrichtensystem zu implementieren, das die Direktorin von zu Hause aus bedienen kann. Die kleine Kinderarztpraxis integrierte SMS-Benachrichtigungen in das Terminvereinbarungssystem, um die Belegschaft über Last-Minute-Änderungen zu informieren. Außerdem hatten sie eine einfache App, um – wie eben passiert – alle Mitarbeiter sofort zu einer Telefonkonferenz zusammenzubringen, indem eine bekannte Nummer angerufen wird.

Wie Sie sich vorstellen können, ist Twilio ein populäres Tool geworden. Es ist einfach, diverse Kommunikationsmöglichkeiten nahtlos in Anwendungen zu integrieren.

Schwestern und Patienten verbinden

Stellen Sie sich eine Krankenschwester vor, die den Patienten-Call-in am Sonntagmorgen bequem von ihrem Frühstückstisch aus handhabt. Ein Patient ruft die Praxis an und eine Applikation mit Twilio-Technologie fragt ihn nach Namen, Telefonnummer und einer kurzen Beschreibung des Problems, das er gerne mit einer Krankenschwester besprechen möchte. Das System sagt dann, wie viele Anrufer schon in der Warteschleife sind, und schlägt vor, das Telefon für eine Info-SMS bereitzuhalten, sobald man als nächster an der Reihe ist.

Bevor die Schwester einen Anruf entgegennimmt, bringt das System die Akte des Patienten auf den Bildschirm. (Twilio nutzt Sprache-zu-Text-Fähigkeiten auf Basis des Namens und der Telefonnummer.) Zur selben Zeit sendet es dem Patienten die Info-SMS, um ihm zu sagen, dass er gleich dran ist und in Kürze angerufen wird.

Die Anwendung spielt dann die Aufzeichnung der Stimmaufnahme ab, während die Schwester die Akte des Patienten durchsieht. Drückt sie einen Button, ruft das System gleichzeitig die Telefone der Krankenschwester und des Patienten an und verbindet sie zu einem Zwei-Personen-Gespräch. Währenddessen kann die Schwester verfolgen, wie viele Patienten noch angerufen haben. (Sind es viele, kann sie einer Kollegin mithilfe des Systems eine SMS schicken und sie bitten, einige der Wartenden zu übernehmen.)

Die Welt der APIs

Der Twilio-Dienst ist ein Beispiel dafür, wie APIs die Dinge verändern, die wir mit unseren Interaktionsdesigns tun können. Ständig betreten neue APIs die Bühne, aus allen Ecken der Welt. Heute ist es leicht, ein Interaktionsdesign um ein Fotobearbeitungs-Tool, eine Kreditkartenzahlungsmöglichkeit, medizinische Datenbanken, eine automatisierte Fertigungsüberwachung und Millionen anderer Fähigkeiten und Ressourcen zu erweitern.

Der Versprechen der APIs ist nicht neu. Die erste Idee zu einer wiederverwendbaren, unabhängigen Software, die Entwickler nutzen können, um ihre Kernfunktionen zu erweitern, geht auf Systeme wie SmallTalk zurück, die in der 80ern auftauchten.

Von dort aus ist die Technologie losmarschiert, um einen Weg zu finden, effizient und praktikabel modularen Code zu entwickeln. Frühe Ansätze scheiterten daran, aus ihren monolithischen Strukturen auszubrechen oder die zugrundeliegende Implementierung von der Oberfläche zu separieren. Es brauchte mehr als drei Jahrzehnte, bis es Business-Mechanismen gab, die das einfach unterstützten.

Twilio ist ein tolles Beispiel dafür, wie weit wir gekommen sind. Allerdings sind sie nicht die einzigen. Tausende APIs sind verfügbar. Selbst die US-Regierung ist mit ihrer Big-Data-API-Initiative mit von der Partie. Heute können Sie Ressourcen von Organisationen wie der Arzneimittelzulassungsbehörde und der nationalen Gesundheitsbehörde und deren Fähigkeiten direkt in Ihre eigenen Applikationen einbauen. Viele weitere APIs sind auf dem Weg.

Es gibt gute Nachrichten für Designer

APIs geben Interaktionsdesignern einen viel reicherhaltigen Werkzeugkasten als je zuvor an die Hand. Heute können wir Vorteile aus so vielen Ressourcen ziehen, aus dieser Fülle des in Datenbanken gespeicherten Wissens, und Fähigkeiten beliebig kombinieren und zusammensetzen, um unseren Usern außergewöhnliche Nutzererlebnisse anzubieten.

APIs bieten uns LEGO-artike Bausteine, jeder mit einzigartigen Fähigkeiten, die wir zusammenstecken können, um unsere eigenen Möglichkeiten zu erweitern. Um SMS’ in Ihre Anwendung zu integrieren, hätte Ihr Entwicklungsteam noch vor ein paar Jahren die Besonderheiten der Anbindung an die Carrier Interfaces erlernen müssen (die nicht standardisiert waren) und kontinuierlich die sich ständig wandelnde Technologielandschaft bewältigen müssen. Die Kosten dafür waren für die meisten Organisationen inakzeptabel hoch und nur die reichsten Unternehmen konnten es sich leisten, so etwas zu entwickeln und zu warten – bei geringem Return on Investment.

Nun bringen exakt gebaute APIs wie die von Twilio und ihresgleichen diese Entwicklungs- und Wartungskosten signifikant nach unten. Die niedrigere Einstiegshürde bedeutet mehr Wettbewerb, was die Kosten noch weiter senkt. Das Einbinden dieser Fähigkeiten ist so einfach wie nie.

Es gibt auch schlechte Neuigkeiten

Die Integration ist zwar preisgünstiger als je zuvor, doch die Kosten des Interaktionsdesigns sind nicht inbegriffen. Tatsächlich steigen sie.

Es ist nicht leicht, über all die APIs mit ihren Fähigkeiten und Eigenarten auf dem Laufenden zu bleiben. Vielleicht wissen wir nicht, dass es für eine bestimmte Sache eine API gibt, die uns das Leben erleichtern würde, und lassen Potenzial ungenutzt. Ebenso schmerzlich ist es, eine API für leistungsfähiger zu halten als sie tatsächlich ist und dadurch Entwicklungs-, QS- und Supportkosten zu produzieren, die sich auf lange Sicht womöglich nicht lohnen. (Was passiert mit diesen Arztpraxen, wenn Twilio vom Markt verschwindet oder von einem Unternehmen mit einer anderen Business Mission aufgekauft wird?)

Interaktionsdesigner werden API-Fortbildung zu einem regulären Bestandteil ihrer Arbeit machen müssen. Gelegenheiten für Experimente wie interne Ein-Tages-Hackathons oder Nebenprojekte in der 20-Prozent-Zeit geben Designern und Entwicklern die Möglichkeit, mit APIs herumzuprobieren und zu spielen und interessante bestehende Ideen zu erweitern. Und Sie dachten, Ihre Todo-Liste wäre schon vollgestopft genug, stimmt’s?

APIs sind Designs

Damit APIs funktionieren, brauchen sie ein Design. Eine API zu designen, unterscheidet sich nicht so sehr von anderen Projekten im Bereich Benutzeroberflächen, außer dass die Benutzer hier brave Entwickler und Interaktionsdesigner sind.

Wir sehen einen Zweig des UX-Designs sprießen, der sich damit beschäftigt, einfach zu nutzende und zu wartende APIs zu entwickeln. Sie bieten Dokumentationen, Sandbox-Tools für das Testen von Funktionen, Beispiel-Code und simple Wartungsmodelle, um die API stets integriert sowie schnell und effektiv am Laufen zu halten.

Es wird nicht allzu lange dauern, bis unsere eigenen Unternehmen sich fragen müssen, was als API für die eigenen Mitarbeiter gebaut werden könnte. Als Designer können wir dabei eine Rolle spielen und helfen, unsere Kernkompetenzen zu einem integralen Bestandteil anderer Applikationen zu machen.

Die Zukunft hat schon begonnen

Bald werden wir APIs als Hauptgegenstand der Interaktionsdesignausbildung betrachten. Interaktionsdesigner müssen die Welle sehen, die da des Wegs kommt, und anfangen, sich vorzubereiten, indem sie lernen, was diese Dinger können (und was nicht).

Eine API-gefüllte Zukunft ist zugleich spannend und beängstigend. Aber es ist die Verwirklichung des Versprechens nahtloser Nutzererlebnisse, die wahrscheinlich am aufregendsten ist. Und deswegen sind wir ja schließlich UX-Profis geworden.

Dieser Artikel wurde im Original am 4. April 2013 unter dem Titel APIs: The Future Is Now von Jared M. Spool veröffentlicht. Jared M. Spool gehört zu den führenden Usability-Experten unserer Zeit. Seine Website erreichen Sie unter http://www.uie.com. Weitere Artikel von Jared M. Spool finden Sie im Usability-Special von //SEIBERT/MEDIA.