Kritik: Das Geheimnis, um die Skills von User-Experience-Teams zu mehren (Teil 2)

Im ersten Teil des Artikels hat der Autor die Herausforderungen beschrieben, Teams mit unterschiedlich ausgeprägten Skills in User-Experience-Design zu schulen, und Kritik als die beste Möglichkeit benannt, die Fähigkeiten der Teammitglieder zu trainieren. Nun erläutert er, worauf es bei diesem Prozess des Kritisierens ankommt. 

Fokus ist der Schlüssel

Ich habe letztens an einer Kritik-Session teilgenommen, in der das Team entschieden hat, sich auf die Informationsarchitektur des UX-Designs zu fokussieren. Der Designer, der vorher gewusst hatte, dass dies der Fokus sein würde, begann, indem er die IA-Ziele des Projekts vorstellte. Er sprach über die User und über deren Ziele mit der IA, und dann zeigte er uns Variationen, die er für das Design ausgearbeitet hatte. Er redete über Design-Prinzipien, auf die er sich fokussiert hatte, und über Alternativen.

Die ganze Zeit stellten die Teammitglieder (einige von ihnen waren sehr fachkundig und erfahren im Zusammenhang mit Informationsarchitektur) ihm Fragen über seine Entscheidungen und gedanklichen Prozesse. Der Moderator der Session stellte sicher, dass auch die weniger erfahrenen Teilnehmer die Möglichkeit hatten, Fragen zu stellen und informative Antworten zu erhalten.

In der Session wurden jede Menge Dinge angesprochen, die das Hauptthema nur tangierten, und es gab ein paar Abschweifungen, doch der Moderator machte tolle Arbeit und brachte uns souverän auf die Informationsarchitektur zurück. Am Ende der Session waren komplexe Konzepte erklärt worden und neue Terminologien aufgekommen. Der Designer, der im Unternehmen noch ziemlich neu war, nahm eine fundierte Bestätigung, dass er gute Arbeit abgeliefert hatte, und einige Ideen von erkundenswerten Alternativen mit aus der Sitzung.

Weil das Team vorher vereinbart hatte, sich in dieser bestimmten Session auf die Informationsarchitektur zu fokussieren, war jeder vorbereitet. Und alle lernten eine Menge, was sich in künftigen Gesprächen des Teams über das UX-Design widerspiegeln sollte.

Linsen des Lernens

Die Informationsarchitektur ist nicht die einzige Sache, über die ein Team während des Kritisierens etwas lernen kann. Sie können jeden Aspekt des UX-Designs oder des UX-Design-Prozesses aufgreifen – und sie sollten es. Hier sind einige der unterschiedlichen Linsen, die Teams mithilfe von Kritik aufsetzen können:

Design-Konzepte: All die verschiedenen Aspekte des Design vom visuellen Design bis zum Copywriting, vom Informationsdesign bis zum Interaktionsdesign. Kritik-Sessions, um über die Möglichkeiten von Typografie oder Layout-Rastern zu sprechen, oder andere, um über Microcopy oder die Bezeichnungen von Formularfeldern zu diskutieren, helfen, die entsprechenden Fähigkeiten zu entwickeln.

Das UX-Design selbst: Was versuchen wir zu bauen? Ist der Fluss durch das Design der richtige Weg, um das Problem anzugehen? Sind wir bei den leitenden Prinzipien angekommen, die dieses UX-Design erfolgreich machen werden?

Designsysteme: Ist dieses UX-Design Teil einer größeren Suite an Designs? Entwickeln wir ein Designsystem, das wir an anderen Stellen nutzen können? Erkunden wir die Systeme, die es da draußen gibt - so wie Material, das neue Designsystem von Google?

Wer sind die Nutzer: Was wissen wir über die User? Was macht sie anders als Nicht-User? Welche sind die unterschiedlichen Personas, für die wir entwickeln? Wie deckt dieses UX-Design die verschiedenen Szenarien ab? Welche alternativen Wege gibt es, um für diese Personas und Szenarien zu designen?

Business-Anforderungen: Was sind die expliziten und impliziten Business-Ziele? Haben wir für die dringenden kurzfristigen Anforderungen designt? Haben wir sichergestellt, dass unser UX-Design längerfristig überdauern könnte?

Beschränkungen (technische und andere): Gegen welche Beschränkungen müssen wir antreten? Was passiert mit dem UX-Design, wenn es maximal heruntergefahren ist (einfache Geräte ohne Fähigkeiten wie JavaScript beispielsweise)? Haben wir die verschiedenen progressiven Erweiterungsoptionen erkundet?

Teamprozess und Kollaboration: Wie arbeiten wir als Team? Welche Alternativen gibt es zu unserem Workflow? Wo verbringen wir Zeit mit Dingen, die uns nicht näher an ein besseres UX-Design heranbringen?

Kritikprozess: Lernen wir in diesen Kritik-Sessions alles, was möglich ist? Sind die richtigen Leute im Raum? Welche alternativen Techniken könnten wir nutzen, um effektiver zu lernen?

Jede Kritik kann sich auf einen oder mehrere dieser Punkt fokussieren. Idealerweise wird das entschieden, ehe die Session geplant ist und die Arbeit beginnt. Teams, die in eine Kritik-Session gehen und wissen, was sie lernen wollen, werden wahrscheinlich das Maximum aus ihr ziehen und voller Energie und Begeisterung rauskommen.

Kritik von Design-Reviews trennen

Design-Reviews sind ein notwendiger Teil des Prozesses. In Reviews wird determiniert, ob ein UX-Design bereit ist, in die nächste Phase einzutreten. Muss noch daran gearbeitet werden oder sollte es zugunsten eines anderen Ansatzes beiseite gelegt werden?

Ein Fehler, den wir häufig beobachten, ist der, dass Teams Design-Reviews mit Kritik kombinieren. Sie nutzen die Review-Session, um konstruktives oder affirmatives Feedback zum Design abzugeben.

Das kann die Kritik um ihren edukativen Wert beschneiden, denn alle sind auf Deadlines und darauf fokussiert, die Projektziele zu treffen. Findet Kritik unabhängig von Review-Sessions stat, bleibt ihr edukativer Charakter gewahrt. Sie hilft jedem Teammitglied, die Arbeit am UX-Design als eine Chance zum Lernen zu verstehen, und gibt den UX-Designern die Chance, mehr Risiken bei ihrer Arbeit einzugehen.

Kritik und das Wachstum des UX-Teams

Regelmäßige Kritik, ob formal oder ad hoc, erhöht die Fähigkeiten der Teammitglieder schnell. Durch die Fokusänderung bei jeder Session stellt das Team sicher, dass die Skill-Sets der Beteiligten immer weiter abgerundet werden. Ein Vokabular im Hinblick auf UX-Design entsteht und Prinzipien entwickeln sich.

Kritik ist eine großartige Möglichkeit, sich in Sachen UX-Design zu bilden, was dem Unternehmen wiederum hilft, Design-fokussierter zu werden. Wenn mehr Leute in den Kritikprozess mit einbezogen werden, beispielsweise Produktmanager, Stakeholder, Content-Anbieter und Führungskräfte, sehen Teams eine unternehmensweite Bewunderung für die harte UX-Design-Arbeit und die Ergebnisse, die aus ihr hervorgehen können. Kritik ist der effektivste Weg, der zu kontinuierlichem Lernen und Wachstum eines Teams führt.

Dieser Artikel wurde im Original am 10. Dezember 2014 unter dem Titel Critique: The Secret to Growing Your UX Team Skills von Jared M. Spool veröffentlicht. Jared M. Spool gehört zu den führenden User-Experience-Experten unserer Zeit. Seine Website erreichen Sie unter http://www.uie.com. Weitere Artikel von Jared M. Spool finden Sie im Usability-Special von //SEIBERT/MEDIA.