UX-Design: „Komplette Website ansehen“ muss sterben (Teil 2)

Im ersten Teil dieses Artikels hat der Autor dargestellt, welche Probleme separate Desktop- und abgespeckte Mobile-Websites bereiten können: Viele User der sogenannten M-Dot-Sites möchten dennoch Funktionen nutzen, die nur die Desktop-Version bietet, drücken den Link "Komplette Website ansehen" und finden sich mitten in einem schrecklichen mobilen Nutzererlebnis aus dem Jahr 2007 wieder. Die Lösung? Responsives Design. Es folgt eine Case Study, die zeigt, wie ein Umstieg nahtlos gelingen kann.

Fallstudie: Capital One

Jahrelang hat Capital One seinen Kunden eine M-Dot-Site angeboten. Sie sammelte ein bisschen Traffic und servierte eine Teilmenge des Marketing-Contents der Website. Es gab ein spezielles Team, das sie pflegte und hart daran arbeitete, die Inhalte aktuell zu halten, wenn es Änderungen an der kompletten Website gab.

Doch wenn Mobile-User auf der kompletten Site landeten, waren sie fast augenblicklich wieder weg. Sie blieben weniger als eine Minute, sie erkundeten kaum einer der Funktionen, die die komplette Website bot.

Das Team, das für die komplette Site zuständig war, schaute sich die Statistiken genau an. 94 Prozent der Leute, die die Website von mobilen Geräten aus besuchten, verschwanden so schnell wie sie gekommen waren. Das Team wolle sehen, was man tun könnte, um mehr Leute zum Bleiben zu bringen. Sie glaubten, dass ein responsives Design die schlechten Werte reduzieren könnte.

Mit einem Design-System starten

Ehe sie mit der Arbeit an einem responsiven Design beginnen konnten, musste das Capital-One-Team von seinem alten Modell der Seiten-Templates ablassen. Diese Templates waren für eine spezifische Bildschirmgröße gebaut. Das würde nicht funktionieren, denn es galt, eine Fülle von Endgeräten zu bedienen, alle mit unterschiedlich großen Screens.

Sie bauten ein Design-System auf, das dem Atomic-Design-System von Brad Frost glich. Sie brachen alles auf jeder Seite in wiederverwendbare Komponenten herunter, die sie in Containern platzieren konnten. Die Container konnten je nach verfügbarer Bildschirmgröße auf der Seite umarrangiert werden.

Das Team baute auch ein neues CMS, um die Inhalte von der Präsentation zu trennen. Den Content an einer Stelle zu haben, bot ihnen eine Plattform der Wiederverwendung und der Kontrolle.

All das taten sie, bevor sie mit der Arbeit an ihrer responsiven Site begannen. Sie nutzten das neue Design-System und das neue CMS, um das Desktop-Nutzererlebnis zu erschaffen, das sie wollten.

Da sie aber die responsive Zukunft im Hinterkopf hatten, machten sie es so, dass es einfach sein würde, diese Richtung einzuschlagen, wenn die Zeit gekommen wäre. Als alles vorbereitet war, brauchten sie nur zwei Monate vom Projekt-Kickoff bis zum Launch ihrer responsiven Website mit 2.500 Seiten.

Solide Resultate

Innerhalb von 24 Stunden nach dem Launch gingen die Zahlen der mobilen Drop-offs um 15 Prozent zurück. Innerhalb weniger Monate stieg die Zahl der Leute, die die komplette Site von mobilen Geräten aus besuchten, von fünf auf 44 Prozent an. Wiederholte Mobile-Besuche stiegen ums Zehnfache im Vergleich zur Prä-Responsive-Zeit. Mobile-Nutzer blieben nun mehr als fünf Minuten statt nur 45 Sekunden.

Noch viel wichtiger: Sie sahen einen Anstieg der Produkt-Conversions durch ihre mobilen Nutzer. In den ersten zwei Monaten stiegen die Conversions, die von mobilen Geräten ausgingen, um acht Prozent. User mit Tablets konvertiertern sogar 17 Prozent höher.

Aus dem Umstieg auf ein responsives Design resultierte nicht nur ein besseres Nutzererlebnis für die Anwender, sondern auch ein höherer Umsatz durch mobile User. Das Projekt war ein großer Erfolg.

Den M-Dot sterben lassen

Der signifikante Anstieg in Sachen Umsatz und Traffic zur kompletten Website durch mobile Nutzer erregte die Aufmerksamkeit des Senior-Managements von Capital One. Die Inhalte und das Layout der Desktop-Website hatten sich gar nicht verändert, aber sie responsiv zu machen, hatten große Auswirkungen auf den Geschäftssaldo.

Während ihrer gesamten Lebensdauer hatte die M-Dot-Site solche Ergebnisse niemals erzielt. Dem Capital-One-Managent war klar, wohin künftige Investitionen fließen würden.

Das Design-Team hat der M-Dot-Site nicht explizit den Garaus gemacht. Stattdessen schrieben sie clevererweise ein bisschen Code, der einen Cookie speicherte, wenn jemand den Link "Komplette Website ansehen" nutzte. Bei künftigen Besuchen landeten diese User dann automatisch auf der responsiven kompletten Website; die M-Dot-Site wurde unsichtbar.

Die M-Dot-Site und ihr Link "Komplette Website ansehen" sind schließlich aus Mangel an Aufmerksamkeit von allein gestorben. Aber die responsive Website half, sie zu töten.

Dieser Artikel wurde im Original am 11. März 2015 unter dem Titel 'View Full Site' Must Die von Jared M. Spool veröffentlicht. Jared M. Spool gehört zu den führenden User-Experience-Experten unserer Zeit. Seine Website erreichen Sie unter http://www.uie.com. Weitere Artikel von Jared M. Spool finden Sie im Usability-Special von //SEIBERT/MEDIA