Wie wir dem „investigativen Qualitätsjournalismus“ des Spiegel auf den Leim gingen

Editiert: Klarnamen der Redakteure entfernt.
Editiert am 23.04.: Reaktion der Redakteurin auf unsere Nachfrage per Mail unten ergänzt.

Hallo Frau Kristiana L. vom Nachrichtenmagazin Spiegel,

in der vergangenen Woche hatten wir Besuch von einer Spiegel-Redakteurin, namentlich von Ihnen. Nach Ihrer Anfrage, etwas E-Mail-Verkehr und einem freundlichen Telefonat mit dem Geschäftsführer hatten wir einem Vor-Ort-Termin zugestimmt.

Schließlich waren Sie dann zusammen mit einem Fotografen einen halben Tag lang in unserem Wiesbadener Office, haben sich lange mit den Geschäftsführern und etlichen Mitarbeitern unterhalten und konnten sich vielerlei Eindrücke von unserer agilen Arbeitswelt und den Besonderheiten der agilen Organisation bei //SEIBERT/MEDIA verschaffen.

Worum es in ihrem Artikel gehen sollte, hatten Sie uns allerdings auch auf Nachfrage weder im Vorfeld noch bei diesem Termin verraten. (Da nicht nachzuhaken, könnte man vielleicht als etwas blauäugig von uns ansehen. Aber andererseits: Wann hat man schon mit dem Spiegel zu tun? Und wer weiß, wie die Gepflogenheiten da so sind?)

Am vergangenen Samstag haben wir es dann aus dem druckfrischen Spiegel 17/2015 erfahren und waren ordentlich überrascht!

„Frau Wallraff“ sucht Missstände, die es nicht gibt. Macht aber nichts!

Herausgekommen ist der Artikel „Neue soziale Frage“, der sich mit einem Strategiepapier von Bundesministerin Nahles beschäftigt. Im Kern geht es darum, dass die Zahl sogenannter Solo-Selbständiger durch die Digitalisierung der Arbeitswelt steige und die Sozialkassen darunter litten. Manche IT-Unternehmen würden Projektarbeit auslagern und keine festen, sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnisse mehr anbieten, zulasten der Beiträge zur Rentenversicherung. Dagegen will die Ministerin nun etwas tun. Und in diesem Artikel gibt es tatsächlich auch ein paar Absätze über //SEIBERT/MEDIA. (Rechts kann der relevante Abschnitt nachgelesen werden.)

Spiegel Auszug

Klick für eine größere Ansicht

Solo-Selbständige und //SEIBERT/MEDIA? Was hat das miteinander zu tun? Tja, nichts.

Eigentlich hätten Sie, liebe Frau L., eine Firma gebraucht, die keine „normalen Jobs“ mehr bietet, sondern nur noch mit Freelancern arbeitet. Und nach Ihrem Besuch bei uns hatten Sie dann das Problem, dass //SEIBERT/MEDIA nur normale Jobs hat. Unsere Mitarbeiter sind festangestellt und haben ganz reguläre Arbeitsverhältnisse.

Fiel eben das Wort „Problem“? Offenbar war es für Sie als investigative Journalistin gar keins: Macht nichts, das kriegen wir schon irgendwie hin, dass Seibert trotzdem als Paradebeispiel für „Seht her! In den neuen Arbeitsformen der digitalen Welt gibt es keine Sozialversicherungsbeiträge mehr, dafür Überwachung!“ herhalten muss.

Hand aufs Herz, Sie haben ganz offenbar versucht, in bester Günter-Wallraff-Manier Missstände bei uns aufzudecken. Leider haben Sie vieles missverstanden, missverstehen wollen und auch ins falsche Licht gerückt.

Zu einigen Ihrer Aussagen seien ein paar Worte gesagt.

Postillon? Nö, der Spiegel!

Das hier fand ich ja noch ganz lustig, hat was von einer Postillon-Meldung:

„Wer hier arbeitet, muss bereit sein, sich auf volle Kontrolle einzulassen. Der Lohn dafür ist Mitbestimmung.“

Ja, hier bei //SEIBERT/MEDIA können und sollen wir als Mitarbeiter mitgestalten. Dazu gibt es unsere Agile Org: Jeder kann jederzeit eigene Ideen einbringen und aktiv zu Entscheidungsfindungen beitragen. Der Zusammenhang mit „voller Kontrolle“?

Unsere Teams arbeiten nicht weisungsgebunden, sondern selbstorganisiert. Mitarbeiter haben flexible Arbeitszeiten und können in Abstimmung mit ihrem Team arbeiten, wann sie wollen. Wer mal einen Tag im Home-Office arbeiten will, weil die Handwerker kommen: Kein Problem. Jeder Kollege bucht seine Arbeitszeiten eigenverantwortlich ins Zeiterfassungs-Tool ein, ohne dass ihm dabei jemand auf die Finger schaut. Ich habe vorhin folgende E-Mail an meine Kollegen im Marketing-Team geschrieben: „Hi Team, wie im Standup erwähnt, würde ich gerne am 4. und am 15. Mai jeweils einen Urlaubstag nehmen. Einwände eurerseits?“ Und da war kein Abteilungsleiter, Personalchef oder Manager in CC einkopiert.

So viel zu „muss sich auf volle Kontrolle einlassen“.

Der Witz an der Sache sind die Suggestivfragen gewesen, die Sie den Kollegen gestellt haben. Sie konnten sich laut eigener Aussage schwer vorstellen, so selbstorganisiert und eigenverantwortlich zu arbeiten (sic!) und die dafür notwendige Energie dauerhaft aufbringen zu können. Danach haben Sie Ihre (angeblich) eigene Situation geschildert, dass Sie hin und wieder so gar keine Motivation hätten und auch mal eine Woche am liebsten nur durch Facebook & Co. klicken würden. (Wenn das der Chefredakteur hört!) Ihre Frage lautete dann, wie sich das bei uns verhalten würde.

Mal abgesehen davon, dass so ein Szenario nicht gerade sehr realistisch ist – Meine Kollegen haben Ihnen jedenfalls erklärt, dass mangelnde Auslastung ja aus einem Problem resultiert und genau hierfür die Scrum Master da sind, um darüber zu reden und dies zu ändern. Aber Ihnen soll stattdessen jemand von „voller Kontrolle“ erzählt haben? Und im Himmel ist Jahrmarkt.

Weiter im Text:

„Vor acht Jahren hat Seibert begonnen, sein klassisches Unternehmen umzuwandeln.“

Ja, eine Umwandlung des klassischen Unternehmens gab es bei uns. Eine Transformation von „klassisch mit Festangestellten“ auf „neue Welt ohne Sozialversicherung“ war es allerdings nicht. Schade, dass man genau diesen Eindruck bekommen muss, wenn man den Artikel liest. Ziel erreicht.

Wir haben von klassischer Organisation auf agile Organisation umgestellt. Dabei geht es um Projektmanagement-Methoden in der Software-Entwicklung und nicht um die Form irgendwelcher Arbeitsverhältnisse. Was es mit „Agile“ auf sich hat, stand auch alles ziemlich ausführlich in den ganzen Blog- und Info-Artikeln, die wir Ihnen zur Vorbereitung des Termins geschickt haben. Da hat wohl jemand seine Hausaufgaben nicht gemacht, sondern lieber durch Facebook geklickt. 😉

„Seither lässt er jeden Mitarbeiter und jeden Kunden online beobachten, ob die Teams ihre selbstgesteckten Ziele erreichen.“

Nun verwechseln Sie aber was, nämlich Transparenz und Zusammenarbeit vs. Beobachtung. Es ist eigentlich nicht schwer zu verstehen, dass es da einen gewaltigen Unterschied gibt. Über ein Extranet können unsere Kunden Projektergebnisse online einsehen. Ich kann mich im internen Wiki, im Firmen-Chat oder einfach am entsprechenden Task-Board und Burndown-Chart darüber informieren, woran die Kollegen in einem anderen Team gerade arbeiten und wie sie vorankommen.

Ich weiß ja nicht, wie es in der Spiegel-Redaktion zugeht, aber unsere Teams sind keine voneinander abgeschotteten, verfehdeten Parteien voller Geheimniskrämer. Die Kollegen reden ja auch beim Mittagessen über ihre Projekte. (Diesen transparenten Einblick gab es bei //SEIBERT/MEDIA übrigens schon immer – unabhängig von der agilen Organisationsform.)

Okay, solche Missverständnisse kommen vor und sind einfach Ihrer fehlenden Berührungspunkte mit agilen Vorgehensmodellen und Software-Entwicklung geschuldet. Dass Sie in Ihrem Artikel das Burndown-Chart eines Scrum-Teams zum Zentrum eines ominösen Überwachungsapparats stilisieren, zeigt ja doch recht deutlich, dass Sie nicht wirklich viel von dem verstanden haben oder verstehen wollten, was wir hier so tun.

Gepfeffert ist allerdings diese Aussage:

„Nach der Umstellung mussten bei Seibert Media einige Mitarbeiter gehen. Einen Betriebsrat gibt es nicht. Überflüssig, sagt Seibert.“

Soll ich’s nochmal sagen? Weil Sie es sind: Eine Umstellung von traditioneller Organisation auf agile Methoden hat nichts mit Arbeitsplätzen zu tun, sondern mit der Planung und Umsetzung von Software-Projekten. Dafür kann man niemanden rausschmeißen. Das ist hier nicht passiert und wurde auch in keinem Gespräch gesagt. Diese Darstellung ist einfach Quatsch. Es passt aber offenbar schön plakativ.

Wenn man die drei Sätze nacheinander liest, klingt es so, als fände besagter Seibert einen Betriebsrat deshalb überflüssig, weil ohne ihn Menschen einfacher entlassen werden könnten. Aber, Frau L.: Auch in einem Unternehmen ohne Betriebsrat gilt eine gewisse Regelung namens Kündigungsschutzgesetz, nach der kein Arbeitgeber einfach irgendwen feuern kann.

Bei uns ist noch niemand auf die Idee gekommen, einen Betriebsrat zu fordern oder zu gründen, und zwar deshalb, weil es noch kein Mitarbeiter hier für nötig gehalten hat.

Fazit: Absehbare Zeitverschwendung!

Was ist da schiefgelaufen? Wie sind aus den ganzen ausführlichen Gesprächen mit uns solche Zeilen geworden?

Sagen Sie jetzt nichts, ich kann’s mir nämlich denken: Es ist gar nichts schiefgelaufen und Sie sind einfach mit der Intention in den Besuch bei uns gegangen, dass Sie definitiv das mit rausnehmen werden, was zu Ihrer Story passt – egal, was die Leute Ihnen da bei //SEIBERT/MEDIA erzählen und zeigen, stimmt’s? Muss man mit so etwas „halt rechnen“, auch wenn es der Spiegel ist? Sieht so aus. Fakten, Fakten, Fakten muss man also wie gehabt woanders suchen.

Ganz ehrlich: Am liebsten hätten Sie sich wahrscheinlich eine Beispielfirma ausgedacht, in der es exakt so zugeht, wie Sie es für Ihren Artikel brauchen, richtig? Ach nee, das passt ja dann nicht zum „recherchierten Qualitätsjournalismus“ á la Spiegel.

Mit etwas mehr Transparenz und Ehrlichkeit hätten Sie ganz leicht herausfinden können, dass wir für dieses Artikelthema einfach kein sinnvolles Beispiel sind. (Dass wir dennoch zu einem gemacht wurden, mag jeder selbst beurteilen.) Reichlich Impulse für einen spannenden, inspirierenden Artikel zum Thema „Transparenz und Offenheit in Unternehmen“ hätten Sie stattdessen allemal zusammenbekommen. Am Ende war die ganze Aktion genau das, was mein Kollege Sebastian prognostiziert hat: reine Zeitverschwendung.

Allzeit fundierte Recherchen wünscht –

Matthias Rauer aus dem Marketing-Team von //SEIBERT/MEDIA

PS.: Abschließend noch eine Stimme meines Kollegen Oli zu dieser Geschichte aus unserem internen Microblog:

„Es macht einen schon echt nachdenklich, wenn man so etwas liest. Mir zeigt es wieder deutlich, dass man sehr kritisch mit Presseartikeln und Nachrichten umgehen muss. Erschreckend.“

Ergänzt: Antwort der Redakteurin auf unsere Mail im Vorfeld

Im Vorfeld hatten wir die sachlichen Punkte der Redakteurin zur Kommentierung zugeschickt. Auf diese erste Mail hat Sie geantwortet:

„Lieber Herr Seibert,

wir haben alle Unternehmen, die wir für diese Geschichte besucht haben, kritisch und aus Arbeitnehmerperspektive betrachtet. Dass dies der Anlass meines Besuchs bei Ihnen ist, habe ich Ihnen gesagt. Sie haben aber Recht damit, dass der Text durch eine starke Raffung in der Redaktion eine Zuspitzung bekommen hat. In einer längeren Version war sowohl das Agile-Konzept als auch unsere Unterhaltung über den Betriebsrat ausführlicher erläutert.

Doch dies ist bestimmt nicht der letzte Artikel, den wir über die Herausforderung einer digitalen Wirtschaft schreiben werden. Wenn Sie einverstanden sind, melde ich mich bei Ihnen, wenn wir uns wieder innovativen Unternehmenskonzepten widmen.

Freundliche Grüße,“

Weiterführende Infos

Agile Organisation bei //SEIBERT/MEDIA: Grundlagen und Intention
Die //SEIBERT/MEDIA-Kulturchronik 2015: Stimmen von Mitarbeitern, Kunden und Partnern
Welche Vorteile Scrum den Mitarbeitern bringt

Artikel teilen:Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Share on LinkedInEmail this to someonePrint this page