Die Apple Watch im Selbstversuch: Hakeliger Einstieg, dann aber durchaus vielversprechend

Apple WatchDer Eine war vom Augenblick der Keynote an verzückt und konnte es kaum erwarten, diese brillante Innovation anzulegen. Der Andere ist skeptischer und fragt, was die Uhr können soll, was das iPhone nicht schon beherrscht („Was ist das Killer-Feature?“). Der Dritte findet den Gedanken einfach absurd, ein ab 400 Euro aufwärts teures "Spielzeug" am Handgelenk spazieren zu tragen. Und zwischen diesen Auffassungen gibt es viele Grautöne. Auf jeden Fall ist die Apple Watch im Gespräch und Meinungen gibt es reichlich. Ich gehöre zugegebenermaßen zur Gruppe der Apple-Fans und befinde mich seit kurzem im Selbstversuch. Diese ersten, ganz subjektiven Erfahrungen möchte ich hier mal teilen. (Dieser Artikel in in einer kurzen Version auch im Wiesbadener Kurier vom 24. Juni 2015 erschienen, siehe unten.)

Inbetriebnahme: Schrecklich und frustrierend

Man bekommt keine zweite Chance, um einen guten ersten Eindruck zu machen, heißt es. Den hat die Apple Watch in meinem Fall fürchterlich vergeigt. Bestimmt 20 vergebliche Anläufe beim Koppeln mit teilweise 20 Minuten Wartezeit für einen Durchlauf hat es gedauert, bis das Gerät endlich mit meinem iPhone verbunden war. Die Erfahrung bei der Einrichtung war wirklich unterirdisch. "Steve ist tot", frotzelte ein Kollege mit einem Pebble-Uhrenmodell, als ich das Ding gerade frustriert an die Wand werfen wollte. Seitdem es geschafft ist, steht die Verbindung aber stabil und auch die weitere Erfahrung ist bisher reibungslos und ohne Probleme. Und damit zum praktischen Einsatz.

Pünktlicher: Mehr Aufmerksamkeit für meine Termine

Die ständige Anzeige des Kalenders mit dem nächsten Termin ist für mich sehr hilfreich. Früher habe ich interne Termine öfter mal einfach vergessen. Ich habe das Gefühl, dass die Uhr das verbessert und mich insofern zuverlässiger macht.

Hauptnutzen: Alle Nachrichten auf der Uhr statt auf dem Handy lesen

Der Hauptnutzen besteht für mich aber derzeit darin, dass ich alle Push-Nachrichten auf der Uhr lesen kann. Sie werden vom iPhone auf die Apple Watch umgeleitet; ich kann das Telefon in der Hosentasche stecken lassen und bekomme den Inhalt der Mitteilung schneller mit. Das ist praktisch, spart Zeit, erhöht bei Textnachrichten meine Reaktionsgeschwindigkeit und ist für mich aktuell einer der Hauptnutzen.

Siri at your fingertips

Wenn man mit der Sprachsteuerung Siri gut umgehen kann, ist die Uhr eine wirkliche Bereicherung. Ich habe schon in den ersten drei Tagen bestimmt 40 OmniFocus-Aufgaben über den Umweg der Apple-Erinnerungen angelegt: "Erinnere mich daran: Ich muss ein Brot kaufen." Früher mit dem Telefon wären es wohl maximal zehn gewesen.

Checks: Tolle Idee, die noch besser werden wird

Die individuellen Anwendungen namens Checks sind hilfreich. Die meisten Anwender wissen vermutlich nicht, dass man sie durch Streichen von unten nach oben aktivieren kann. Viele Apps unterstützen das auch noch nicht. Und bei denen, die es tun, ist das Feature oft noch nicht besonders durchdacht. Aber hier steckt jede Menge Potenzial drin!

Nützlich: Schnell Kennzahlen ansehen können

Ich wünsche mir eine Geckoboard-Integration, damit ich die für mich und für unser Unternehmen relevanten Kennzahlen schneller im Blick habe. Aktuell schaue ich auf die Bewegungen des DAX, was auch ganz interessant ist und mir zeigt, wie cool Dashboard-KPIs wären.

Und sonst?

  • Die HipChat-App für die Watch ist ganz nett. Ich habe in HipChat auch schon auf Erwähnungen geantwortet.
  • Nett ist es außerdem, eine weitere Zeitzone direkt im Blick zu haben. Die Uhrzeit unserer Kollegin Uta in San Diego kann ich jederzeit rasch ablesen.
  • Ganz toll finde ich das Orten des eigenen Telefons! 😀
  • Die Bring! App zeigt mir meine Einkaufliste vom Telefon. Das ist praktisch.
  • Kalender und Wetter bieten bisher keinen Mehrwert, außer dass ich beides eben schneller im Blick habe.
  • Die ganzen Körper- und Fitnessfunktionen kommen mir ziemlich unausgereift und unzuverlässig vor. Da scheint noch viel Luft nach oben zu sein.
  • Die Batterie hält einen Tag bei normaler Nutzung locker durch und ich sehe aktuell nicht, dass das für mich zu einem Problem werden könnte.

Ungewünschte Aufmerksamkeit

Neben den funktionalen Aspekten gibt es noch ein paar andere, die nicht unberücksichtigt bleiben sollten. Ja, man fühlt sich mit der Uhr ein bisschen wie ein Freak. Manche Leute tragen das Teil wahrscheinlich stolz wie Oskar durch die Gegend und genießen die Ego-Massage durch ein derzeit noch nicht sehr verbreitetes "Accessoire". Mir dagegen ist es eher etwas unangenehm, wenn fremde Leute mir aufs Handgelenk starren. Wenn die Uhr weniger auffällig oder gar nicht sichtbar wäre, fände ich das netter.

Endlich wieder Schwitzen am Handgelenk

Ich trage seit über 20 Jahren keine Armbanduhr mehr. Es ist eine große Umstellung und ein ungewohntes Gefühl, jetzt wieder am Handgelenk zu schwitzen. Ich vermute, dass ich das nur dann länger durchhalten werde, wenn die Uhr nützlich genug ist. Aktuell sieht es für mich so aus.

Privates Gadget

Ich habe die Uhr privat bestellt und bezahlt, weil ich nicht absehen konnte und es auch nicht vor meinen Kollegen hätte rechtfertigen können, dass es sich um eine betriebliche Notwendigkeit handelt. (Auch wenn das sicher eine abzugsfähige Ausgabe gewesen wäre, die das Finanzamt problemlos anerkannt hätte.) Es ging und geht mir mehr um eine inhaltliche Einschätzung für mich selbst. Und die lautet Stand jetzt: Bisher ist es nur ein praktisches Gadget und tatsächlich eher ein Spielzeug für Nerds. Vielleicht darf es an meinem Armband bleiben. Ich sehe aktuell allerdings noch nicht, dass wir für alle reisenden Mitarbeiter eine solche Uhr anschaffen.

Wie sind Ihre Erfahrungen? Ich freue mich über Kommentare, Fragen, Anregungen und Tipps. 🙂

Ach ja, und hier ist ergänzend noch der eingangs angesprochene Artikel aus dem Wiesbadener Kurier vom 24. Juni:

Apple Watch Wiesbadener Kurier

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