Das Kind muss einen Namen haben – Intranet-Namen Teil 1

Intranets bekommen typischerweise einen Namen. Nun ist dies in einem Land, in dem selbst Autos Namen von ihren Besitzern erhalten, nicht grundsätzlich ungewöhnlich. Die Notwendigkeit der Namensgebung von Intranets liegt aber zunächst darin, dass man sie auf-rufen muss, damit sie antworten können. Dazu braucht es eine Bezeichnung statt einer Zahlkombination wie etwa 172.16.0.42. Stephan Schillerwein hat eine schöne Liste solcher Intranet-Namen veröffentlicht, die gute Impulse gibt, aber auch etwas nachdenklich macht: Inwiefern denken Intranet-Macher eigentlich darüber nach, welche Bedeutung sie ihrem „Kind“ durch die Namensgebung anhängen?

Name ist nicht Schall und Rauch

Nomen est Omen, heißt es, und es bedeutet, dass der Name ein (Vor-)Zeichen für das ist, was vom Bezeichneten auf dem Lebensweg erwartet wird. Nehmen wir zwei exemplarische Vornamen. Manfred zum Beispiel trägt – historisch zusammengefasst – für den Namensträger die Aufgabe in sich, dass ein Mann den Frieden in sich tragen und verbreiten soll. Michael ist bereits ein ganzer Satz in Frageform, der dem Namensträger schon im Hebräischen mit „Wer ist wie Gott?“ eine wichtige Stellvertreterfunktion zuweist.

Kurzum: Namensgebung ist eine wichtige Angelegenheit, und sollte auch für Intranets ernsthaft und sorgfältig betrieben werden. Wer stattdessen Goethe mit „Name ist Schall und Rauch“ zitiert und damit die Bedeutung der Namensgebung relativiert, setzt sich selbst und andere auf die falsche Fährte. Hierzu mehr in einem späteren Posting.

Im täglichen Berufsalltag zeigt sich die Bedeutung des Intranet-Namens stets dann, wenn man ihn eintippt, in der Adresszeile seines Browsers wahrnimmt oder Links zu Zielobjekten im Intranet weiterreicht – es ist eine dauerhafte Verbindung mit dem Namen und dem Namensträger, also dem Intranet.

Wer acht Stunden am Tag oder länger mit „Weissnix“ zu tun hat, wird vermutlich abends anders nach Hause gehen als jemand, der sich im Arbeitsalltag der Unterstützung von „Checker“ gewiss sein darf.

Dieses Phänomen genauer zu untersuchen, wäre mal eine spannende Forschungsaufgabe für die User Experience Researcher: „Auswirkungen von Intranet-Namen auf den Gemütszustand von Gelegenheits- und Intensivnutzern – eine empirische Untersuchung“ könnte das heißen. Ich bin mir sicher, dass sich daraus ein größeres Forschungsprojekt mit einigen Promotionen, Vorträgen auf internationalen Konferenzen und abgeleiteten Handlungsempfehlungen zur Intranet-Benamung für UX-Practitioner, Marketing- und Kommunikationsleute sowie Organisationsentwickler machen ließe.

Andersartig, aber erfolgreich: FragHorst

Es geht aber auch ohne solche Strategien und viel pragmatischer, wenn bei Intranet-Verantwortlichen Intuition und gutes Gespür für die Nutzergruppe zusammen finden: Der Name des Intranets der BG-Unfallklinik Frankfurt am Main, einer der besten Adressen für Hochleistungsmedizin im deutschsprachigen Raum, ist schlicht und ergreifend „FragHorst“.

Horst ist als Name klassisch, hat einen adelig-ritterlichen Anklang, steht ursprünglich für Dickicht und Gebüsch und beschreibt damit hervorragend den Reifegrad von Zugriffs- und Ablagestrukturen eines Intranets. Durch den cleveren Schachzug, dem Intranetnamen einen appellativen Impetus zu geben, also dem Horst das „Tuwort“ Frag voranzustellen und beides zu einer sprechenden Einheit zu verbinden, ist Horst als universeller Ansprechpartner im Klinikum gesetzt. Horst ist für alle da, und Horst weiß oft Bescheid. Das Intranet der BG Unfallklinik Frankfurt gilt als Best-Practice-Lösung in der Klinik-Szene.

Nun mag man einwenden, dass Horst als Jungenname in der heutigen Zeit nicht auf der Top 10 der Vornamensliste steht. Aber gerade dort gehört er in dieser Hinsicht auch nicht hin – er steht für eine Generation, die schon ein bisschen was hinter sich gebracht hat. Und dass man ihn immer fragen kann, macht ihn vor allem zuverlässig. Würde FragHorst nicht FragHorst heißen, sondern z.B. KnowledgePlace, Workspace oder AlterGauner, wäre es etwas anderes. Und genau diese Andersartigkeit zeigt sich im beruflichen Alltag und im Sprachgebrauch der Klinikmitarbeiter. Kostprobe: „Ilse, wo ist das Spezialformular?“ „Frag net misch, frag Horst!“ Klarheit und Direktive sind damit systematisiert als gangbarer digital gestützter Weg angelegt. Und es funktioniert in der Praxis.

Intranet-Namensgebung ernstnehmen

Insgesamt lohnt es sich also, Intranet-Namen gewissenhaft und alltagstauglich auszuwählen. Für den tieferen Einstieg empfehle ich bei Interesse, als Bezugstheorie die Onomatologie hinzuzuziehen und die Arbeitsweisen der Namensforscher in der Praxis aufzugreifen.

Als Gestaltungsansatz für Intranet-Projektleiter ist vor allem eines wichtig: Der Intranet-Name wirkt wie ein Prägestempel, und bevor man seinem Kind einen schlechten Namen gibt, sollte man sich der Akzeptanz und Zustimmung des sozialen Umfelds vergewissern. Eine konkrete Möglichkeit besteht darin, über einen Ideenwettbewerb Namensvorschläge einzusammeln und die Mitarbeiter an der Auswahl zu beteiligen. Damit kann man etwas dafür tun, dass der Name im Dialog der adressierten Community gut greift und gut läuft.

Drei Fragen bleiben allerdings noch offen:

  • Welche Rolle spielt das Thema Gender Mainstreaming bei der Benamung von Intranets?
  • Wäre es dramaturgisch hilfreich, nach dem Go-Live eines Intranets auch eine Art Taufe zu praktizieren?
  • Sollte man den Intranet-Namen nach einem Relaunch ändern?

Diesen Punkten werden wir demnächst weiter nachgehen. Im kommenden Beitrag wird es aber erstmal ums Aufräumen in der Virtualität gehen.

Karsten Wendland ist Leiter des Instituts für Informationsgestaltung und Komplexitätsreduktion ininko® (www.ininko.de) im Steinbeis-Verbund und Professor für Medieninformatik an der Hochschule Aalen. Seine aktuellen Arbeitsschwerpunkte sind Digitalisierung der Arbeitswelt, Informationsmanagement und Technikgestaltung. Hier finden Sie eine Übersicht über alle Gastbeiträge von Karsten Wendland im //SEIBERT/MEDIA-Blog