Build that wall! – Gleitzeit, Home-Office und „richtiger“ Feierabend

In meinem früheren Leben habe ich eine Ausbildung zum Offset-Drucker absolviert. Die Firma mit zehn Mitarbeitern war ein Handwerksbetrieb mit klassischen Arbeitsformen. Dazu gehörten auch die Arbeitszeiten: Morgens um 7 fingen wir an, um 9 war Vesper, um 12 dann Mittagspause, und um 16:15 Uhr ging es in den Feierabend.

Diese Struktur hatte durchaus ihren Reiz, denn mit dem Verlassen der Werkstatt war der Arbeitstag wirklich vorbei. Ungünstig waren diese Zeiten wiederum, wenn man zum Beispiel einen Termin beim Arzt oder bei der Zulassungsstelle hatte, die ja meist genau in diesem Zeitraum geöffnet haben. Dann blieb uns im Zweifel nichts anderes übrig, als Urlaub zu nehmen.

Mit Gleitzeit und der Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten, sind solche Termine natürlich leichter wahrzunehmen. Aber in dieser Konstellation tut sich eine andere Frage auf: Wann hat man eigentlich Feierabend? Wenn man acht Stunden auf der Uhr zu stehen hat? Wenn man abends müde genug ist? Wenn man die aktuelle Aufgabe abgeschlossen hat? Vermutlich ist es nicht immer 16:15 Uhr.

Ich gehöre bei //SEIBERT/MEDIA zu den Remote-Mitarbeitern, die zumeist im Home-Office arbeiten, und will hier mal ein paar Erfahrungen und Tipps teilen.

Stein auf Stein

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Gleitzeit ist in vielerlei Hinsicht eine feine Sache, doch sie erfordert eine ordentliche Portion Selbstdisziplin. Diese war in der Ausbildungszeit mit ihrem "normalen" 9-to-5-Tag nicht in diesem Maße notwendig.

Für eine bessere Trennung von Beruflichem und Privatem hilft mir das Konzept der "festen" Arbeitszeiten. Dadurch muss ich einerseits weniger darauf achten, meine Stunden voll zu bekommen, andererseits brauche ich nicht jeden Tag neu darüber nachzudenken, wann ich morgen aufstehe und wann ich Feierabend mache. Auch die Einigung auf "Kernarbeitszeiten" im Team, um beispielsweise Meetings in diese Zeit zu legen, geht in diese Richtung.

Mit Kindern ist eine regelmäßige Tagesstruktur naturgemäß gegeben: Sie müssen in den Kindergarten oder zur Schule, und auch andere feste Termine müssen eben eingehalten werden.

Die Arbeitszeit-Routine macht es auch für meine Familie einfacher zu wissen, wann ich beschäftigt bin und ab wann nicht mehr, was wiederum zu weniger Störungen "im Tunnel" führt.

Mit dem Kopf durch die Wand

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Neben dem physischen Feierabend, zu dem man das Büro verlässt bzw. den Rechner ausschaltet, gibt es bei vielen Leuten den gedanklichen Feierabend. Die beiden fallen allerdings nicht immer auf dieselbe Zeit.

In einem Handwerksberuf, der zumeist körperlich geprägt ist, fällt das Abschalten normalerweise leichter. Da ich als Entwickler vor allem mit dem Kopf arbeite, sind manche Probleme jedoch auch nach dem physischen Feierabend noch vorhanden - zumal dieser nicht so eindeutig "sichtbar" ist, wenn der Heimweg vom Arbeits- ins Wohnzimmer verläuft.

Mir hilft es dann, etwas rauszugehen, mit den Kindern zu spielen, etwas zu kochen oder im Garten zu arbeiten. Falls mir währenddessen ein Lösungsweg einfällt, schreibe ich ihn auf und probiere ihn am nächsten Tag aus.

Meiner Erfahrung nach ist jedoch die Versuchung groß, sich abends doch nochmal "kurz" ans Laptop zu setzen - wobei das nicht nur ein Problem der Remote-Mitarbeiter ist, sondern im Prinzip jeden betrifft, der auf seinen privaten Geräten (Laptop, Tablet, Smartphone) geschäftliche Inhalte empfangen bzw. abrufen kann und diese auch liest. Diese ständige Verfügbarkeit von Information macht es für mich manchmal schwer, in den Feierabendmodus zu switchen.

My home is my castle

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In unregelmäßigen Abständen gehe ich in einen Co-Working-Space in der näheren Umgebung. Dort heißt es auf der Website:

"Mit Coworking bleibt meine Arbeit meine Arbeit und mein Zuhause mein Zuhause."

Es scheint also tatsächlich noch mehr Leute wie mich zu geben, bei denen der physische und der gedankliche Feierabend öfter mal auf unterschiedliche Zeitpunkte fallen.

In einer Mittagspause haben wir uns einmal anregt über diese Frage unterhalten und festgestellt, dass auch die räumliche Trennung von Büro und Wohnzimmer bei der Trennung im Kopf hilft (wobei mit der "räumlichen Trennung" verschiedene Standorte und nicht zwei Zimmer im selben Haus gemeint sind).

Aber vor allem muss ich mir von Zeit zu Zeit sagen, dass mein aktuelle Aufgabe sehr gut bis morgen warten kann und ich ausgeschlafen sicherlich ein besseres Ergebnis produziere als abends nach einem anstrengenden Tag. Aber das ist natürlich persönlichkeitsabhängig; ich bin eher ein Morgenmensch.

Mir helfen also Rituale und ein strukturierter Tagesablauf, um eine möglichst klare Grenze zwischen Beruflichem und Privatem zu ziehen. Das finde ich auf jeden Fall sinnvoll und notwendig: Wenn die Work-Life-Balance zu einem Brei vermengt wird, leiden letztlich beide Aspekte darunter. Multitasking ist keine menschliche Stärke.

Weiterführende Infos

Agile Remote-Transition – als "verteilter" Mitarbeiter in einem lokalen Scrum-Team
Agile Remote-Transition: Warum? Wer? Wie?
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